Fast unbeachtet, aber nicht unzufrieden, verließ dieser Tage ein ausländischer Politiker Deutschland. Dänemarks Außenminister Rasmussen hat Erfolg gehabt. Der "Sydslesvigsk Vaelgerforeningen" (Südschleswigsche Wählerverband) ist durch Unterschrift des britischen Gouverneurs für Schleswig-Holstein, Ashbury, als deutsche politische Partei anerkannt, und also die dänische Minderheit aus einem Dilemma befreit worden.

Bisher bestand als Organisation der dänisch gesinnten Bevölkerung nur die Südschleswigsche Vereinigung, die dank einer Unterstützung von 7,55 Millionen Kronen aus dem dänischen Staatsbudget ihren Anhängern mit Rat und noch mehr Tat zur Seite stehen konnte, und zu deren 2000 Mitgliedern aus der Hitlerzeit sich in den letzten drei Jahren fast 80 000 "Neudänen" hinzugesellt haben. Allein die Tätigkeit dieser SSV war durch Befehl der Militärregierung ausschließlich auf die kulturelle Organisation der dänischen Minderheit beschränkt worden. Die Erlaubnis, bei den letzten Landtagswahlen Kandidaten aufzustellen, was dann auch tatsächlich dazu führte, daß die SSV als drittstärkste Partei hinter SPD und CDU in das Schleswig-Holsteinisehe Parlament einzog, war ein einmaliges Zugeständnis. Im Prinzip hatte sie sich jeder politischen Betätigung zu enthalten oder aber die Beziehungen zu einer ausländischen Macht abzubrechen. Aus diesem drohenden "entweder-oder" ist nun, durch das Ergebnis der Zusammenkunft Außenministers Rasmussens mit Gouverneur Ashbury auf Schloß Altenhof ein weitgehendes "sowohl – als auch" geworden. Der neugegründete Südschleswigsche Wählerverband übernimmtalle Rechte ’einer deutschen Partei, ohne daß die weiterbeststehende Südschleswigsche-Vereinigung ihre Vergünstigungen und Unterstützungen aus Dänemark einbüßt. Bitter genug für die Deutschen des Nordens.

In Dänemark hat diese Entwicklung naturgemäß Genugtuung hervorgerufen. Schon hat das Kabinett dem Folketing vorgeschlagen, die Finanzhilfe für die SSV um 5,13 Millionen Kronen zu senken und gleichzeitig die Gesamthilfe für die deutsche Bevölkerung von Schleswig-Holstein und Hamburg um 1,7 Millionen Kronen zu erhöhen. Im übrigen haben sich in Kopenhagen die Fronten der Südschleswig-Politik kaum verschoben. Die einen, deren Exponent Knud Kristensen als Ministerpräsident über diesen Kurs stürzte, befürworten nach wie vor den Anschluß des deutschen Gebiets. Die anderen, unter Führung des gegenwärtigen Premier Hedtoft fordern nur größere Rechte für die dänische Minderheit. "Die Grenze bleibt fest", erklärte 1945 Christmas Möller als Außenminister. In dieser Hinsicht hat die jetzige Regierung sein Erbe angetreten. Sie ist gegen eine Angliederung, weil sie weiß, daß mit den 10 000 Dänen, auf die ein dänischer Gelehrter die echte Minderheit schätzt, ein vielfaches an Deutschen ins Land käme. Diese würden eine Gefahr darstellen für die unangreifbare Grundlage der dänischen Existenz: für den reinen Nationalstaat: Denn die Abstimmung von 1920 hat eine klare Sprachgrenze geschaffen; in beiden Ländern verblieben lediglich fast gleich starke, geringe Minderheiten.

Und dennoch scheinen sich die Regierung in Kopenhagen, die SSV, der Südschleswigsche Wählerband und die Sozialdemokratische Partei Flensburgs in den Kopf gesetzt zu haben, die dänisch gesinnte Bevölkerung zu einem politischen Machtfaktor werden zu lassen. Drei Dinge, auf deren Erfüllung sie bestehen, sollen ihnen dabei helfen: 17 Schutz und völlige Gleichberechtigung der dänischen Minderheit; 2. Trennung Südschleswigs von Schleswig-Holstein und Bildung eines autonomen Landes Schleswig; 3. Entfernung der Flüchtlinge aus diesem Gebiet. Der ersten Forderung ist durch die Existenz von SSV-Schulen, einer dänischen Zeitung und den oben genannten Organisationen bereits Rechnung getragen worden. Die politische Koalitionserlaubnis für dänisch Gesinnte ist mehr, als die britische Kontrollkommission deutschen Flüchtlingen zugesteht. Die beiden anderen Forderungen sind deutscherseits unannehmbar. Die Teilung des sowieso kleinen Landes Schleswig-Holstein in zwei selbständige Länder wäre historisch, politisch und verwaltungstechnisch unsinnig. Die "Entfernung" der Flüchtlinge jedoch wäre das, was in Nürnberg als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" definiert wurde. Das "ostpreußische Proletariat", wie die "Neue Zürcher Zeitung" die 300 000 Heimatlosen nennen zu müssen glaubte, bildet für niemanden, am allerwenigsten für Dänemark eine Gefahr, auch wenn das fortgesetzt behauptet wird. Wohl aber könnte es zu einer solchen werden, wenn es abermals, drei Jahre nach Einstellung der Feindseligkeiten "in Marsch gesetzt" und im Namen der Atlantic-Charta wie Vieh auf eine neue Weide getrieben würde. Außenminister Rasmussen hat nach seiner Rückkehr in einem Interview gesagt, er habe während eines Frühstücks bei Gouverneur Ashbury mit Ministerpräsident Lüdemann und den drei Fraktionsvorsitzenden des Landtags "völlig" Übereinstimmung" in der Frage der Flüchtlinge erzielt, an deren "Entfernung beide Seiten gleich stark interessiert" seien. Es wäre gut, wenn die Regierung von Schleswig-Holstein dieses Mal ein ebenso scharfes wie, eindeutiges Dementi dieser Behauptung herausgeben könnte. C J.