Von Jan Molitor

In Bunde, dem grenznahen Flecken des ostfriesischen Reiderlandes, fand, am vergangenen Sonntag eine Kundgebung gegen die holländischen Grenzforderungen statt, die das Ostufer des Dollart und damit die Emsmündung unter holländische Kontrolle bringen möchten.

Friesia divisa est in partes tres... Ganz recht, in Cäsars "De bello gallico" haben wir’s so über das alte Gallien gelesen. Aber die Dreiteilung der friesischen Stämme besteht noch immer. An der Westküste Schleswig-Holsteins wohnen die Nordfriesen; tiefer hinab, am Wattenmeer, das sich zwischen der von Wangeroog bis Borkum reichenden Inselkette und dem Festland erstreckt, leben die Ostfriesen; und die Westfriesen wohnen in Holland. Ihnen gemeinsam ist ein lebendiges Gefühl ihrer Originalabstammung, die sie als ein eigenständiges Volk erscheinen läßt: unvermischte Reste einer durch eine alte, eigene, hier und dort noch lebendige Sprache ausgewiesenen germanischen Urbevölkerung, die den Engländern ebenso verwandt ist wie den Deutschen. Gemeinsam auch ist allen Friesen ein geradezu eigensinniger Freiheitsdrang und eine Wortkargheit, die schon Livius von ihnen sagen ließ: "Friesia non cantat". Gemeinsam ist ihnen ferner, daß sie entsetzlich viel Tee trinken, für Grog von Rum schwärmen und sagen, dies sei wegen des Nebels. Hünen von Gestalt, glauben sie ferner, daß sie allesamt anfällig gegen die Schwindsucht seien. Trotzdem muß einer, der sich für Hundertjährige interessiert, nach Friesland gehen: dort findet man immer welche, die munter behaupten, der steife Grog, der heiße Tee, der Piepentabak und der "Specken dicken" hätte sie aufrecht gehalten. (Der "Specken dicken" ist ein aus Speck, Hartwurst, Roggenmehl, Eiern und Sirup hergestelltes Festtagsgebäck.)

Der Nebel überm Lande ist oft so dick, daß er durch Türen und Fenster dringt und sich in die friesischen Betten legt. Die Friesen haben deshalb schon in grauer Vorzeit stattliche Pfannen konstruiert, die sie mit Kohlen füllen und in die klammen Betten stecken, um die Feuchtigkeit zu vertreiben. Sie haben auch tragbare Tonöfen, die sie "Teste" nennen: ein Wort, das ihnen vor zweitausend Jahren die römischen Besatzungstruppen beigebracht haben, die eine Tonscherbe "testa" nannten. Man darf vermuten, daß diese römischen Besatzungstruppen bei den Friesen nicht besonders beliebt waren, denn – mit Verlaub! – keine Besatzungstruppe ist in Frieslani beliebt. In jüngster Zeit zum Beispiel hatten auswärtige Truppen inmitten von Weener, der verhinderten Hauptstadt des Reiderlandes, ein Schild "Montgomery-Straße" angebracht: dies Schill haben die Weeneraner wieder verschwinden lassen, denn sie sind Manns genug, ihre Straßen selber zu taufen. Was aber das friesisch Eigenständige betrifft –: in friedlichen Zeiten fühlen die Friesen aller Stämme sich einander so sehverbunden, daß selbst in heutigen Tagen der Spannung die Ostfriesen gut von den Holländern sprechen, soweit jene nämlich Westfriesen sind; und der Name der Wortführerin der "westfriesischen Bewegung", der Schriftstellerin Quales van Ufford in Leuwarden, wird mit Sympathie genannt. Übrigens: Ostfriesland mit der Hafenstadt Emden und der Hauptstadt Aurich gehört zum Lande Niedersachsen. Und dennoch kann er den Leuten, die "aus, dem Reich" kommen, passieren, daß sie "de Düts’ken" (die Deutschen’ genannt werden. Mit anderen Worten: die Flüchtlinge haben es oft nicht leicht, es sei denn, sie appellieren an den Gerechtigkeitssinn. Denn wie alle freiheitlichen Individualisten in der ganzer Welt sind die Friesen heiße Fanatiker der Gerechtigkeit, Als zu vorgerückter Stunde der Bürgermeister von Weener die Jugenderinnerungen überkamen, erzählte er mit Genuß, wie sie als Schulkinder ihren ungerechten Lehrer verdroschen hatten und wie sein Vater ihnen recht gab. So spielen in den Gesprächen der Friesen die als Soldaten den letzten Krieg überstanden jene Episoden eine große Rolle, in denen sie Feldwebelgebrüll mit hintergründiger Respektlosigkeit erwiderten. Wer kennt nicht das Wort: "Lever düad as Sklav"? Die Friesen haben’s erfunden! So sprechen sie heutigentages – obwohl bis 1933 in der Kirche Bunde im Reiderland holländisch gepredigt wurde – mit ebenso kräftigen Worten davon, daß sie absolut weder Holländer werden noch auch nur einen einzigen Quadratkilometer an Holland abtreten wollen. Und als sie am vergangenen Sonntag sich in Bunde versammelten, um ihren Protest lautwerden zu lassen, fanden die Redner aller Parteien dieselben deutlichen Worte der Ablehnung holländischer Forderungen. Sie reden selten, die Friesen. Aber wenn sie reden, ist es ihnen verdammt ernst gemeint. Man sollte sie hören –!

Es muß nun von dem Reiderlande gesprochen werden. Nicht nur, weil dort der Flecken Bunde und das Städtchen Weener, die Stützpunkte des Protestes, gelegen sind, sondern weil es wenige Ecken im zerschlagenen Deutschland gibt, die gleich anschaulich demonstrieren, was menschliche Torheit anzurichten vermag...

Als ich im kalten Winter des unheilvollen Jahres 1946 auf 1947 schon einmal ins Reiderland geriet – so geheißen wegen des Rieds, das der grünen, von ziehenden Meereswolken überwölbten, von Wind überrauschten Landschaft sein Gepräge gibt – oh, das war unvergeßlich. Könnt’ ich doch etwas Gespenstisches erleben, was man sonst nur aus Sagen und Märchen kennt! Da war eine Fähre, die über die Ems führte, und es war eine wilde, sturmdurchtoste Nacht ... Die Fähre ließ ein letztes Mal ihre Glocke scheppern, dampfte davon und blieb am anderen Ufer liegen. Jetzt war das Reiderland abgeschnitten, und durch die Dunkelheit klangen die klagenden Rufe der Leute, die nicht mitgekommen waren und nun festsaßen auf der "Insel" der großen Torheit.

"Wie kommt es aber, daß das Reiderland eine ‚Insel‘ ist?", fragte ich beim neuerlichen Besuch zu Weener in diesen ersten Augusttagen 1948. Da legten sie eine Landkarte auf den Tisch,