Neue Musiktage und Ferienkurse in Darmstadt

Wenn in Ausstellungen expressionistischer, kubistischer, dadaistischer Malerei auch beiläufige, längst überholte Sensationsstücke zu sehen sind, die nur noch den Historiker,. aber kaum den künstlerisch Interessierten etwas angehen, so kann dies doch den Wert haben, junge Menschen, denen diese Dokumente einer revolutionären Sturmzeit bisher unbekannt geblieben sind, ein für das richtige Verständnis der Gegenwart unentbehrliches Erlebnis nachholen zu lassen. Und so nahm der musikstudierende Nach- – wuchs, von dem hier die Rede ist, von einstmaligen stilistischen Du Durchbruchswerken nicht einfach Kenntnis, sondern mit einer Begeisterung, die sich mehr forciert als aufrichtig gebärdete. Da kommt man sich ungemein "radikal" und ach so "modern" vor, wenn man sich für Arnold Schönbergs Formzertrümmerung und erste Zwölftönestücke oder für Anton von Weberns motivfragmentarische Atonalität ereifert, wenn man mit dem frühen, genialisch manche Ketten sprensenden Hindemith einseitig gegen den klassisch klaren, gereiften Meister des Tonsatzes auftrumpft – und vergißt darüber, daß seitdem all jenes aktuell war, 25 Jahre und mehr vergangen sind, daß Experimente und revolutionäre Entladungen ihre Zeit haben und es keinen Durchbruch in Permanenz gibt.

Dennoch, diese Aktivierung des Nachwuchses ist etwas Erfreuliches. Und wenn es sich darum handelt, die Musik unserer Zeit und Menschen der Gegenwart aufeinander zuzubringen, das heißt vor allem jene Elemente zu erfassen, die fortan lehren, komponieren, reproduzieren und den Sauerteig des Musikpublikums abgeben sollen: so hat man in Darmstadt-Kranichstein die bisher beste Möglichkeit dazu gefunden. Im dritten Sommer wurden vom "Internationalen Musikinstitut" die "Ferienkurse für Neue Musik" und abschließend eine Woche "Zeitgenössischer Musiktage" (beides unter Leitung von Dr. W. Steinecke) veranstaltet. Die Verwaltungsspitzen Darmstadts hatten die Nerven und den Mut, die Kurse auch nach der Währungsreform abzuhalten und gleichzeitig kommunal-kulturelle Raumsorgen zu beheben, durch den Umbau einer großen Turnhalle in einen Konzert-und Theatersaal sowie durch die Wiederherstellung des Ausstellungsgebäudes auf der Mathildenhöhe. Neue Musik als Arbeitsthema,, nicht als Erlebniskult oder bloße Information vom Rande her: mit dem vorgesehenen Dozentenstab aus dem In- und Ausland und mit fünfundachtzig Prozent der angemeldeten Teilnehmer wurde das Vorhaben praktiziert. Wenn aber der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern noch enger und fruchtbarer, wenn das Ergebnis mehr als nur stückweise informatorisch werden soll, wenn die Studierenden das Gebotene sich nachher weiter erarbeiten, ergänzen und zu eigener, mehr als nur vorschneller. Urteilsfähigkeit vertiefen sollen – dann wird man die künftige Kursdauer auf mindestens vier bis sechs Wochen erweitern müssen.

Vom diesjährigen Verlauf kann bei der Vielfalt der internen und öffentlichen Vorführungen, der Komponistennamen, der Werke und oft sehr gegensätzlichen "Richtungs" unterschiede nur ein referierender Extrakt versucht werden. Beinahe alle bedeutsamen Bahnbrecher und heute Prominenten des neuen Musikstils, viele in deren Kielwasser fahrende Talente, auch epigonal verhaftetes Akademikertum, mehr und weniger beachtliche Nachwuchsbegabungen kamen zum Erklingen. Wir zählten achtzehn Ur- und deutsche Erstaufführungen, konnten Bekanntschaften von einst als teils ergiebig, teils unwichtig erneuern und freuten uns der Wiederbegegnung mit wesenhaften Zeugnissen der letzten Jahre. Schönbergs Klavierkonzert op. 42 zeigt die Zwölftönetechnik in einer lockeren, thematisch, gestreuten Faktur; seine zweite Kammersymphonie (1906/39) bewegt sich noch, oder "wieder", in einer funktional gebundenen, "schwebenden" Tonalität. Merkwürdig, diese Verquickung von konstruktivem Radikalismus und ideologisch versponnener Romantik, die an Schönberg und seinem Kreis immer wieder auffällt. In einer Klaviersuite ("Kubiniana") des Wieners Hans Apostel wird das Schönbergische ganz von einer fast illustrativen bizarren Phantastik überdeckt. Der Münchner Karl A. Hartmann hat in seiner "Musik der Trauer" und im zweiten Streichquartett seine Neigung Zu robuster Programmatik oder abstruster Reflexion zugunsten einer mehr verhaltenen differenzierten Empfindungstönung gebändigt.. Eine Kammersymphonie, von René Leibowitz, dem Haupt der Pariser "Dode kaphönisten", bediente sich des strengen Zwölftonschemas und hat zugleich Weberns motivzersplitternden Satz- und Klangstil, aber ohne dessen frappante Kürze, übernommen: es war wohl das umstrittenste Stück der Woche, von einer überabstrakten, etwa den Formeln der Atomphysik vergleichbaren Unanschaulichkeit.

Welcher Gegensatz dazu: die elastisch schwingende, rhythmisch markante oder bestrickend fließende Klassizität Strawinskys .(Sinfonie in drei Sätzen und Streichorchesterkonzert in D von 1946)! Oder die mannigfachen, aber alle in ihrer Weise stilklaren Äußerungen des reichhaltig dargebotenen Hindemith (neu waren das sechste Streichquartett und das Vorspiel zu einem Requiem). Oder die Spätschöpfungen Béla Bartóks mit ihrer zugleich gelösten und verdichteten, aller Sprödigkeiten entkleideten Substanz. Und auf der anderen Seite die romanische Klarheit eines Falla, Honegger, Messiaen Die jüngste Ballettmusik von Jean Francaix: "Les Bosquets de Cythère" ist eine kecke, spritzig frivole Offenbachiade. Ein Gaumenkitzel, neben dem Milhauds "Suite provencale" gesund, unmittelbar, farbig und musikantisch zündend um so nachhaltiger einnahm – Dokument des Heimwehs?, nein des Heimglücks, und man begreift, daß Milhaud von allen nach drüben geflüchtet ten Musikern Europas gegen jede Amerikanisier rung am immunsten blieb. Aber man hielt diese hinreißende neue "Arlesienne" für zu problemlos und applaudierte um so frenetischer der Kantate ("Une des fins du monde", nach Giraudoux) von Rudolf Liebermann: einem nach Wagners, Straußens und Mahlers Vorbild orchestral sehr komfortabeln Weltuntergang, sozusagen für Leute, die noch ihre Siebenzimmerwohnung besitzen. An schönen oder doch interessanten Dingen seien noch Milhauds "Poèmes juifs", Brittens Michelangelo-Sonette, Werner Egks Orchestersonate, eine Konzertarie "Der Vorwurf" (nach Werfel) des hochbegabten Fortnerschülers H. W. Henze registriert. Und last not least: die Beispiele delikater romanischer "Unterhaltungsmusik" (Roussel, Malipiero), einer Kunst, die bei uns Deutschen leider außer Übung gekommen und ins Banale oder Sentimentale abgeglitten ist. – Zwei Gastkonzerte des disziplinar ausgezeichneten Baden-Badener Südwestfunk-Orchesters, geleitet von Rudolf Albert und Werner Egk, waren gehaltliche und wiedergabetechnische Höhepunkte. Fritz Bouquet