Etwa 7 von den 19 Millionen Wohnungen Vorkriegsdeutschlands dürften heute abzuschreiben sein. Von den 5,5 Millionen Friedens-Wohnungen der britischen Zone, die schon 1938 nicht ausreichend waren, sind zwei Drittel ausgefallen. Millionen Ausgebombte, Flüchtlinge und Jungehepaare warten zusätzlich auf ein bescheidenes Heim. Unter diesen Umständen ist das Wohnungsbauproblem dicht hinter den Engpaß der Ernährung gerückt, nachdem selbst Herbert Hoover feststellte, daß die Wohnungsverhältnisse in Deutschland heute die schlechtesten in Europa seit 100 Jahren seien. Private Initiative und Selbsthilfe haben, vor allem bei der Ausbesserung beschädigter Häuser, meist unter den primitivsten Voraussetzungen schon wahre Wunderdinge geleistet, ohne jede behördliche Unterstützung, oft durch bürokratische Schwerfälligkeit gehemmt.

Es müssen heute neue Mittel und Weg? im Bauwesen gesucht wenden. Verschiedene Ansätze sind vorhanden. Nahe lag es, die sehr unterschiedlich intensive Trümmerräumung möglichst unter Verwendung neuartiger Bindemittel auszuwerten. Die Trümmermengen werden für Deutschland mit 354 Mill. cbm angenommen, von denen 240 Mill. (16 cbm auf den Kopf der Bevölkerung) auf die Großstädte entfallen. Nach den bisherigen Erfahrungen muß man annehmen, daß etwa 52 v. H. der Trümmer aus unverwertbarem, hier und da zu Dünger geeignetem Schutt bestehen, 40 v. H. aus Ziegelschrott, 1 v. H. aus Natursteinen und nur 7 v. H. aus noch verwendbaren Ziegeln. Zudem werden Holz, Eisenschrott und Halbedelmetalle ausgelesen und der sonst unverwertbare Anteil als Wegebaumaterial verwandt.

Der "Montagebau", die fabrikmäßige Herstellung neuer Häuser durch serienmäßige Produktion genormter Bauteile, die in kürzester Frist zusammengesetzt werden können, setzt sich durch. Man mag das aus vielen Gründen bedauern, aber es scheint unabänderlich. Auch in den Siegerstaaten USA und England zeichnet sich diese Entwicklung immer deutlicher ab. Leichtbauplatten und Hohlsteine verschiedener Größen und aus den verschiedensten Grundstoffen mit ausreichender Wärme-Isolierung, Schalldämmung und Verdunstungsmöglichkeiten, neuartige holz- und eisensparende Decken- und Dachkonstruktionen, Türen, Fenster und Treppen sowie fußwarmer Bodenbelag in holzsparender Bauweise sind die Forderung der Stunde. An ihrer Erfüllung wird mit den verschiedensten Methoden gearbeitet. Massenproduktion scheitert oft noch an den Engpässen der Arbeitsgenehmigung und des Mangels an Maschinen. Die zuständigen Ministerien verhalten sich allen neuen Konstruktionsplänen und Bauweisen gegenüber reserviert; sie verlangen nicht nur detaillierte Unterlagen für wissenschaftliche Überprüfung, sondern auch Erprobung von Musterbauten. Die Frist bis zur Erlangung einer Lizenz dürfte zwei Jahre betragen. Mahnt auch der Schwindel, der mit unerfahrenen und leichtgläubigen Baulustigen schon getrieben wurde, zur Vorsicht, so müßte es angesichts der Notlage doch möglich sein, den schon zur Norm gewordenen Überbürokratismus auszuschalten.

Große Möglichkeiten scheint der früher nur als drittrangiger Brennstoff gewertete Torf zu erschließen. Torfmoore finden sich überall in Deutschland. Durch maschinelle Ausbeutung mit Baggern ließe sich das von der Militärregierung für 1950 festgesetzte Soll von 5 Mill. t schnell verdoppeln. Aus dem für Brennzwecke ungeeigneten oberen Torf ist ohne große Schwierigkeiten ein brauchbarer Ersatz für Holz zu schaffen. Dachpfannen aus heißgepreßter Torfzellulose, Bau-, Fußboden- und Wandbekleidungsplatten werden an verschiedenen Stellen schon fabriziert und erprobt. Zahlreiche Chemiker suchen neue Verfahren, Bindemittel und Verwendungsmöglichkeiten. Eine Vervollkommnung der Fabrikationsmethoden ist jedoch erste Voraussetzung für einen fühlbaren Einsatz von Torf. Für Siedlungshäuser im Flachbau kann er schon heute verwandt werden, Skelettbauweise vorausgesetzt.

Gerade bei der Torfverwertung dürften zahlreiche gute Verfahren, wegen des fehlenden Patentschutzes noch in den Schubladen warten. Intensive Torfgewinnung dürfte zudem allein der britischen Zone einen jährlichen Zuwachs von 1500 ha Siedlungsneuland bringen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Torf als Ausgangsprodukt eine noch nicht annähernd überschaubare Zukunft hat.

Auch die seit Jahrhunderten erprobte Lehmbauweise gewinnt wieder größere Bedeutung, zumal sie eine Lebensdauer von 150 Jahren erreicht. Lehmbauten sind allerdings an die überall häufigen Lehmvorkommen oder deren Nähe gebunden, die Bauzeit ist zudem auf Mai bis September beschränkt. Zu den bisher bekannten Methoden kommen neue, erfolgreiche Konstruktionen von Leichtbauelementen und der Kies-Lehm-Beton für Wände. Erhebliche Einsparungen an Mangelbaustoffen und auch die Arbeit wie Kapital sparende Selbsthilfe der Baulustigen haben besondere Bedeutung. WT