Sind wir in Gefahr, aus deutscher Gründlichkeit bei der "Entwirtschaftung" allzu forsch vorzugehen oder Fragen praktischer Zweckmäßigkeit zu Grundsatzproblemen zu machen? Fast könnte man es angesichts des scharfen Aufeinanderprallen der Meinungen bei der Gestaltung der textilen Verbrauchsrationierung annehmen, wenn daraus bereits personelle Rückwirkungen entstanden sind. Gewiß: Der gegenwärtige Zustand, daß der Verbraucher nur wenige Punkte erhält, diese aber bereits beim Einzelhandel auslaufen und von da ab bis zu den Spinnern sich der gesamte Warenverkehr fast vollkommen frei abspielt, dieser Zustand ist nicht ideal. Aber auch unsere Versorgungslage ist es nicht. Und den Verfechtern einer Aufhebung der Bewirtschaftung zeigt man gern die zeitweise mit Käufern vollgestopften Textilgeschäfte: Da seht was geschieht und wie es mit der angeblichen Geldknappheit in Wirklichkeit aussieht – und das alles trotz Punkten. So dies "am grünen Holze" geschieht, so argumentiert man, was würde erst bei freiem Warenablauf eintreten?

Entscheidend ist natürlich nicht, ob im Augenblick viel gekauft wird,-sondern wieviel Ware auf, die Dauer nachgeschoben werden kann. Hier tappen – ein bezeichnendes Merkmal für die – Grüne-Tisch-Theoretik der bisherigen (und jetzt: gen) Bewirtschaftungsmethoden – alle Meinungen mehr oder weniger im dunkeln. Behauptung steht gegen Behauptung. Beweisen läßt sich weder, daß die Kaufkraft (vom Bedarf einer seit zehn Jahren unterversorgten, dann ausgebombten oder ausgewiesenen Bevölkerung gar nicht zu reden!) stärker als das Angebot ist, noch die andere These, die wie folgt argumentiert: Im Jahre 1927 werden von der Bevölkerung je Kopf und Jahr etwa 60 Mark für Textilien ausgegeben. Zehn Jahre später waren es bei um 20 v. H. niedrigeren Preisen 44 Mark. Heute repräsentiert 1 Punkt geldmäßig einen Verkaufswert von 1 DM (wobei Preiserhöhungen durch den 30-Cents-Verrechnungskurs und die Entwicklung der Weltrohstoffpreise vielleicht noch nicht einmal voll in Rechnung gestellt sind). 80 Punkte würden also einen fast doppelt so hohen Durchschnittsaufwand für Textilien wie vor dem Kriege verlangen. Da dieser Aufwand infolge der Verarmung, Vernichtung zahlreicher Vermögen, des niedriggebliebenen Lohnstandes bei erheblicher Verteuerung der Lebenshaltung keinesfalls aufzubringen wäre, ist man der Auffassung, daß der Textilverkauf ruhig freigegeben werden könne. Nicht der Punkt, die D-Mark werde den Absatz regeln. Der jetzige Andrang werde sich bald legen, wenn Kopfquoten und andere hinübergerettete Aktiva aufgezehrt sein würden und auch im Privathaushalt eine größere Rechenhaftigkeit wieder Platz gegriffen habe.

Leider. kann man nicht einfach ausprobieren, ob diese Ansicht zutrifft und ob sich die Kaufkraft schneller als die im Textilhandel jetzt aus allen möglichen Quellen angebotenen, zusammenkompensierten, gehorteten oder über Deputate erworbenen Bestände erschöpft. Allerdings fließen schon heute die Lieferungen nicht mehr so reichlich wie im letzten Junidrittel, nachdem der erste laufende Geldbedarf der Lieferanten befriedigt ist. Die Ungewißheit der Preisentwicklung, des Lastenausgleichs und das Mißtrauen Nachschubmöglichkeiten gegenüber dürften für diese Zurückhaltung bestimmender sein als beginnende Verknappungserscheinungen, wenn auch bei einzelnen Artikeln, so besonders Strick- und Wirkwaren, Wäsche oder Strümpfen, Leinenwaren und anderen, von einem ganz ausgesprochenen – Mangel gesprochen werden muß und der Bedarf – ob mit oder ohne Karte – nicht zu decken ist.

Da punktteure Artikel dagegen im allgemeinen liegen bleiben, genau wie Ware, die nicht unbedingt zum "nackten" Lebensunterhalt notwendig ist, hat die Verwaltung für Wirtschaft in Frankfurt diese Dinge jetzt um 50 v. H. "heruntergepunktet" und hofft so, die Nachfrage zu streuen und die jetzt scharf herangenommenen anderen Bestände zu schonen. Damit ist die Verordnung überflüssig geworden, die die Bezugscheinstellen angewiesen hatte, jedem Verbraucher ohne Prüfung der Bedürftigkeit jeden verlangten Bezugschein auf punktteure Waren auszustellen, wenn der Antragsteller die Hälfte der Punkte beibrachte. Außer den punktteuren Waren sind durch die Anordnung vom 4. August auch Spinnstoffwaren, die aus Saison- oder sonstigen Gründen mit einem Preisnachlaß von mindestens 20 v. H. gegenüber normalen Preisen verkauft werden, sowie Waren, die als zweite Wahl gelten und Reste, um 50 v. H. im Punktwert herabgesetzt worden.

Damit ist ein großer Teil der Textilwaren praktisch im Punktwert halbiert und eine "gerechte" Punktverteilung im Sinne einer gleichmäßigen Beteiligung aller Verbraucher an der gesamtverfügbaren Spinnstoffmenge aufgegeben worden: Bisher entsprach jeder Punkt einem Rohstoffeinsatzgewicht von 25 g. Wer jetzt aber einen punktverbilligten Anzug für 65 Punkte kauft, kauft unvergleichlich viel besser, als ein anderer, der sich eine einzelne Hose für 40 Punkte zulegt. Außerdem kann nur derjenige in die Gunst der Punktverbilligung kommen, der über genügend Geld verfügt, denn Wintermantel, dreiteilige Anzüge, Steppdecken und Matratzen sind nicht nur punktmäßig, sondern auch sonst "teuer".

Allerdings ist es wahrscheinlich, daß durch die leichtere Erreichbarkeit der Warengattungen, an die bisher kaum heranzukommen war, die gespannte Lage bei anderen Artikeln behoben wird. Doch wird auch solche Entspannung nur eine Übergangslösung sein, und nur so lange dauern bis auch die punktteuren Bestände aufgelöst sind, wenn nicht durch ein kurzfristiges Anlaufen des ERP-Programme die notwendigen Rohstoffe zur Verfügung gestellt werden. Bisher ist leider überhaupt noch nicht bekannt, mit welchen Rohstoffmengen endgültig gerechnet werden kann. An Baumwolle z. B. ist bisher nur eine Menge von 75 000 t effektiv vorhanden, während im Textilplan für die Doppelzone 120 000 t vorgesehen sind. Ehe in dieser Beziehung keine Klarheit herrscht, tragen alle Debatten um die Aufhebung oder Nicht-Aufhebung der gegenwärtigen Rationierungsmethode spekulative Momente in sich und kein System wird restlos funktionieren. B. S.