Man werde nicht unter dem Druck der Berliner Blockade verhandeln, haben die Westmächte deutlich und mehrfach erklärt, doch was sich in Moskau zwischen Stalin und Molotow und den englischen, französischen und amerikanischen Beauftragten abspielt, dürfte bereits den Charakter von Verhandlungen angenommen haben – ohne daß vorher die Blockade gelockert oder gar aufgehoben worden wäre. Dies ist ganz ohne Zweifel ein Erfolg der Russen, denn die Blockade war ja zu dem Zweck verhängt worden, die Westmächte an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber man sollte diesen Erfolg nicht zu hoch bewerten, denn er enthüllt gleichzeitig die ganze Schwäche der russischen Position: der Kreml will Verhandlungen, und wer Verhandlungen so dringend will, daß er sich nicht scheut, sie zu erzwingen, ist nicht stark, dann jedenfalls nicht, wenn der andere die Ursachen seiner Schwäche erkennt.

Dies allerdings ist bei der Sowjetunion nicht einfach. Die Abschnürung der russischen Welt ist so vollkommen, daß über. die innenpolitischen Ursachen der russischen Krise wenig nach außen dringt. Daß aber solche Ursachen vorhanden sein müssen, darf man wohl mit Sicherheit annehmen. Es gibt nämlich für den Kreml außenpolitische Gründe nicht, die eine Notwendigkeit, gerade im Augenblick Verhandlungen zu erzwingen, rechtfertigen können. Andererseits ist es in der letzten Zeit sehr deutlich geworden, daß der kommunistische Kurs wieder einmal eine Schwenkung erfahren hat. Nachdem in der Propaganda der Partei, nicht nur in den westlichen Staaten, sondern auch bei den osteuropäischen Satelliten, bisher die Einhaltung des Kleinbauerntums eine erhebliche Rolle gespielt hatte, ist anläßlich eines scharfen Angriffs des Kominform auf Tito die Beseitigung jedes privaten Eigentums auf dem Lande und die Einrichtung von Kolchosen befohlen worden. Dies ist so deutlich, daß man es nicht übersehen kann, und da ist es nun wirklich interessant, daß die Prawda eben jetzt von Eigenmächtigkeiten russischer Bauern berichtet, die Land aus Kolchosebetrieben widerrechtlich in Besitz genommen haben, aber nicht nur das, auch von der Weigerung eines Staatsanwaltes, hiergegen vorzugehen, "weil es derlei Fälle in seinem Rayon allzuviel gäbe."

Nun soll man sich gewiß hüten, russische Zeitungsnachrichten zu überschätzen, aber der Gegensatz von Bauern und kommunistischer Bürokratie, jener Gegensatz, der aus der inneren Unwahrheit der russischen Revolution stammt, die keine Befreiung, sondern eine Unterdrückung der Bauern war, ist so stark und bedroht so sehr und so ständig den Bestand des Sowjetregimes, daß alle Anzeichen einer neuen politischen Spannung auf diesem Gebiete durchaus ernst genommen werden können. Das heißt keineswegs, daß man etwa damit rechnen sollte, es könnten in Rußland Unruhen ausbrechen, aber das Vorhandensein solcher Spannungen läßt es verständlich erscheinen, wie sehr dem Kreml daran liegen muß, in der Innenpolitik wieder schärfer vorzugehen und Säuberungen anzuordnen, um den Apparat der bürokratischen Überwachung wieder vollkommen in die Hand zu bekommen. Bei der doktrinären Starrheit der Sowjetpolitik aber bedeutet dies, daß Rußland abermals das Bedürfnis fühlen dürfte, sich abzuschließen, um unbeeinflußt von außenpolitischen Unternehmungen die straffe innere Ordnung wiederherzustellen. Doch, um sich abschließen zu können, braucht man eine feste Grenze, und diese Grenze ist in Europa nicht vorhanden. Sie zu setzen, dürfte das Verlangen sein, was den russischen Wunsch nach Verhandlungen hervorgerufen hat.

Es mag sein, daß außer der Bauernfrage noch andere Beweggründe hierbei eine Rolle gespielt haben. So könnten sich auch bei dem Wiederaufbau der Wirtschaft oder bei der Aufhebung der Rationierung Schwierigkeiten ergeben haben. Es könnte auch der Wunsch bestehen, den Anteil der Rüstung an der industriellen Erzeugung zu verringern. Doch auch dies alles würde nur dafür sprechen, daß man im Kreml bestrebt ist, die außenpolitischen Verhältnisse zu konsolidieren und einen Ort zu finden, an dem man gewissermaßen rechtmäßig und für längere Zeit den "Eisernen Vorhang" niedergehen lassen könnte. Wie dem also auch sei, eines ist sicher, es gibt im Inneren des Sowjetreiches Schwächen, die es dem Kreml geraten erscheinen lassen, die Verhandlungen jetzt oder doch so bald wie möglich zu erzwingen.

Als geschickte Taktiker tun die Russen nun alles, was dazu dienen kann, die Schwächen ihrer Position zu verbergen. Um eine nicht vorhandene Stärke vorzutäuschen, haben sie die Verhandlungsmethode der Offensive gewählt. So sprechen sie nicht von der Festsetzung einer Grenze, sondern sie greifen weit über die Elbe hinaus in die Domäne des Westens ein und verlangen, bei der Neuordnung Europas mitgehört und beteiligt zu werden. Und da besteht eine gewisse Gefahr, daß man im Westen dieses Manöver ernst nehmen könnte, weil es auf den ersten Blick nichts anderes zu sein scheint als eine Fortsetzung, ja geradezu als eine notwendige Konsequenz der bisherigen antiamerikanischen Außenpolitik des Moskauer Politbüros.

Um es kurz wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, der Streit mit den Westmächten begann, als der amerikanische Außenminister Byrnes in Paris einen Viermächtepakt vorschlug, um allen europäischen Staaten einschließlich Rußland Sicherheit zu versprechen gegen zukünftige deutsche Angriffe. Kurze Zeit darauf hielt er seine aufsehenerregende Rede in Stuttgart, in der er als erster von den ehemaligen Alliierten feststellte, daß die polnische Westgrenze an der Oder-Neiße-Linie nicht endgültig festgesetzt sei und daß ihre Lage revidiert werden müsse. Von diesem Zeitpunkt an begann im Kontrollrat, der bis dahin reibungslos gearbeitet hatte, die Obstruktion der Russen. Um der Polen willen? Keineswegs – sondern um der Tatsache willen, daß die Amerikaner, von denen man in Moskau erwartet hatte, sie würden, wie nach 1918, sich auf ihren Kontinent zurückziehen, plötzlich erklärten, daß sie gewillt seien, in Europa nunmehr selber für Ordnung zu sorgen und damit den Frieden in der Welt zu schützen – nicht nur gegen die Deutschen.

Seit diesem Zeitpunkt hat das Ringen zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrußland um den Einfluß in Europa begonnen. Von russischer Seite wurden alle Gewaltmittel kommunistischer Tradition eingesetzt. In allen osteuropäischen Staaten, zuletzt in der Tschechoslowakei, wurde die Demokratie ausgerottet und durch die Volksdemokratie ersetzt. Diesen zwar rein negativen, aber durchaus wirksamen Methoden stellten die USA mit dem Marshall-Plan eine positive aufbauende Politik entgegen.