Es war in einem Kreis kanadischer Dozenten und Studenten, wo der Plan zu einem internationalen Sommerseminar entstand, das Studenten möglichst aller Länder vereinen sollte, Hier sollte nicht nur die Basis einer internationalen Verständigung geschaffen werden, sondern zugleich sollte in gemeinsamen Vorlesungen und Seminaren versucht werden, einen Überblick zu gewinnen, über die in den vergangenen Jahren meist in vollkommener Abgeschlossenheit erreichten Forschungsergebnisse auf allen Gebieten der Wissenschaft, Welches Land schien dafür mehr geeignet als das seit eineinhalb Jahrzehnten von der übrigen Welt abgeschlossene Deutschland? So sind nun auf dem Schloß Plön, inmitten der herrlichen Seelandschaft Schleswig-Holsteins, fünfzig kanadische Studenten tagtäglich mit ebenso vielen deutschen Kommilitonen und etwa dreißig anderen europäischen Studenten zusammengekommen.

In Vorlesungen, Seminaren und vielen, spät in die Nacht dauernden Diskussionen stellte sich bald heraus, was .niemand von uns deutschen Teilnehmern erwartet hatte: – Wir vermögen unseren Gästen aus Kanada viel, viel mehr zu geben, als wie es jemals für möglich gehalten haben. Nur wenige von ihnen wußten bislang etwas von dem Wesen des Krieges, seinen Auswirkungen auf nahezu allen Gebieten. Und es geschieht immer häufiger, daß die kanadischen Gäste erstaunt aufhorchen, wenn Europäer über die Kriegsjahre sprechen. Hier werden noch einmal die Ereignisse der letzten Jahre wachgerufen. Und diese Gespräche führen alle Teilnehmer noch einmal durch die Tiefen menschlicher Handlungen, durch Sie heldenhaften Taten einzelner und durch das unmeßbare Elend von Millionen.

Eng verbunden mit diesen Diskussionen ist das System der Vorlesungen und Seminare, die unter dem Motto "Die geistigen Strömungen des heutigen Europas" abgehalten werden. Sollen die Vorlesungen ein möglichst umfassendes Bild von der Entwicklung der modernen Philosophie geben, sollen sie möglichst die großen Linien der heutigen Weltpolitik aufzeigen, sollen sie die letzten Fortschritte auf dem Gebiet der Atomphysik und der Astronomie in ihren möglichen Auswirkungen auf die Menschheit umreißen, so wird in den Seminaren, den an einzelnen Gebieten interessierten Studenten von den jeweiligen Fachdozenten ein Rahmen zu tiefergehender Arbeit gegeben, den auszufüllen dann Aufgabe der in den Seminaren zusammengefaßten Studenten bleibt. Bei alledem ist es für die meisten der europäischen Teilnehmer überraschend, die rückhaltlose Offenheit zu erleben, mit welcher vor allem die Kanadier alle Probleme behandeln: Nicht selten sind sie es, die Maßnahmen der heutigen alliierten Politik in weitaus stärkerem Maße kritisieren, als wir es zu hören gewohnt sind. Diese jungen kanadischen Gäste sind eine Auslese aus Tausenden von Bewerbern. Sie stammen aus allen Schichten, von allen Universitäten ihres Landes und aus allen Studienrichtungen und sind begierig, an allen Problemen teilzunehmen, vor denen heute die Menschen in Europa stehen, sei es als Individuen, sei es als Völker. So ist besonders ein Unternehmen bemerkenswert, das die kanadischen Studenten für drei Tage nach Hamburg führte, Sie hatten dort ausgiebig Gelegenheit mit Studenten der Universität zusammenzukommen und Einblick in die heutigen, besonders durch die Währungsreform hervorgerufenen Schwierigkeiten zu gewinnen. Sie hatten ferner die Möglichkeit sich über die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu unterrichten.

Mannigfaltig’sind die Aufgaben dieses Sommerseminares. Aber eine Aufgabe ist die wichtigstes der Verwirklichung dessen zu dienen, was über alle von Menschenhand gezogenen Grenzen, über alle rassischen und religiösen Gegensätze hinweg Menschen verbindet: Es ist das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschheit, oder wie es unsere kanadischen Gäste zu ihrem Leitspruch gemacht haben: the realisation of the Commonwealth of mind. Hans-Jürgen Horch