Man sage nicht, daß es den Amerikanern an Einfällen fehlt. Ihre Konzeption für Westeuropa ist von einer Großzügigkeit, die manchen Europäern zeitweise den Atem benimmt. Zwar paßt nicht in allen Fällen der amerikanische Einfall auf die komplizierten europäischen Umstände, vor allem dann, nicht, wenn die Analogie der 48 Bundesstaaten allzu stürmisch auf 17 verschiedene europäische Völker übertragen werden soll. Doch der Schwung der USA ist dann nicht unaufhaltsam und ohne Anpassung.

Am Beispiel der "Dollarklausel" ist des gegenwärtig deutlich zu sehen. Als die amerikanische Militärregierung Ende 1947 den größten Teil der finanziellen Last für die Auslandsversorgung der Doppelzone übernahm, neigte sie zunächst dazu, Deutschland zu einem "Dollarland" zu machen. Dies entsprang dem Wunsche, möglichst rasch von Westdeutschland aus die Freiheit des internationalen Handels unter Bevorzugung des europäischen wieder herzustellen. Es hat sich inzwischen gezeigt, daß diese Entschlossenheit allein nicht genügte, daß die Stufe, die es zu erklimmen galt, zu hoch war. Statt sich auszuweiten, drohte der innereuropäische Handel in sich zusammenzusacken. Die Doppelzone konnte zwar im ersten Halbjahr 1948 bereits etwas mehr exportieren als im gesamten Jahr 1947. Doch waren sich alle Experten darüber einig, daß von Westdeutschland aus eine sehr viel stärkere Exportzündung möglich gewesen wäre, wenn Deutschlands Nachbarn nicht vor der "Dollarklausel" zurückgeschreckt wären. Diese Dollarklausel verlangte zwar nicht für jedes Einzelgeschäft Bezahlung in Dollar. Wohl aber wurde in kurzfristigen Abständen, von höchstens drei Monaten eine Aufrechnung von Käufer aus und Verkäufen nach Deutschland in Dollar verlangt. Praktisch bedeutete dies, daß jeder einzelne Einkauf in Deutschland für das Käuferland eine Dollarlast bedeuten könnte, falls es nämlich nicht entsprechende Verkäufe nach Deutschland tätigen konnte. Ja, selbst wenn ein Land größere Verkäufe nach Deutschland abschließen konnte, war man noch nicht geneigt, deshalb mehr von Deutschland zu kaufen. Denn bei günstigen Absatzmöglichkeiten in Deutschland bestand ja Aussicht, einen Aktivüberschuß im Handel mit Deutschland zu erreichen und in diesem Falle also den Aktivsaldo in Dollar ausbezahlt zu bekommen.

Die Angst vor der Spitzenverrechnung in Dollar war, neben den bekannten bürokratischen Hemmnissen, das wichtigste Währungshindernis für den europäischen Handel mit Deutschland. Im übrigen intereuropäischen Handel wir es das mangelnde Gleichgewicht der einzelnen Volkswirtschaften untereinander, das zur Schrumpfung des intereuropäischen "Außenhandels" führte, der eigentlich ein Binnenhandel sein sollte. Belgien etwa sah seine Forderungen an europäische Nachbarn ständig wachsen, während seine Dollarreservee rapide abnahmen. Es verspürte also begreiflicherweise wenig Meinung, seinen Schuldnern, wie etwa Frankreich, weiterhin auf Kredit zu liefern. In dem Umfang aber, in dem Frankreich seine Bedürfnisse in Europa nicht mehr befriedigen konnte, erhöhte es ständig seine Anforderungen im Rahmen der Marshall-Hilfe. Die USA sahen sich also mit Aufträgen überhäuft, die sie selbst nur mit wachsenden Schwierigkeiten (etwa durch die neue Aufrüsturgswelle) bewältigen können, während gleichzeitig in Europa entweder die gleichen Güter verfügbar sind oder doch im Rahmen einer produktiven Gesamtplanung der Marshall-Hilfe aus einer brachliegenden Produktionskapazität heraus erzeugt werden könnten.

Blutarmut oder Kreislauf Störung?

Diese beiden Störungsmomente, die ausgebliebene stimulierende Wirkung der Dollarklausel und die rückläufige Entwicklung des gesamten. westeuropäischen Außenhandels, haben den Amerikanern viel zu denken gegeben. Sie haben sich dabei durch den offenbar ungünstigen Befund und durch die zunehmende Lethargie des europäischen Patienten nicht entmutigen lassen. Sie glauben einfach nicht an die vom Patienten selbst angebotene Diagnose, daß seine Dollararmut einer Blutarmut gleichzusetzen sei, sondern halten. sich mehr an die Theorie, daß Europa an Kreislaufstörungen leide, die durch die Dollarinjektionen des Marshall-Plans behoben werden: könnten. Als Voraussetzung sehen sie allerdings den eigenen Erholungswillen des europäischen Patienten an, und zwar nicht nur isoliert für jedes einzelne Glied, sondern für den gesamten Körper, für Westeuropa.

Aus der Tatsache, daß die 17 Marshall-Plan-Länder, also einschließlich Westdeutschlands, eine enge wirtschaftliche Einheit darstellen, ergibt sich die USA-Therapie für Westeuropa. Der Bilateralismus, die Suche nach dem strikten Gleichgewicht im Außenhandel zwischen jeweils zwei Ländern, die von so vielen europäischen Wirtschaftspolitikern als das angeblich einzige Heilmittel empfohlen wird, findet nach wie vor keine Gnade vor amerikanischen Augen, Man sieht darin nicht nur einen, Postkutschenhandel, der im Zeitalter des Flugzeuges antiquiert ist, sondern auch eine Politik des gegenseitigen Übervorteilens, die deshalb nicht mehr wirksam sein kann, weil die meisten Beteiligten die Spielregeln zu sehr durchschaut haben. Das berüchtigte Beispiel, aus der Nazi-Handelspolitik, daß ein Balkanland im bilateralen Tausch für seine Exportüberschüsse einen Zehnjahresbedarf an Aspirin aufgebrummt bekam, wird gern von den Amerikanern zitiert, wenn sie ihre Verachtung Vor derartigen Kuren zum Ausdruck bringen wollen. Andererseits hat ihnen die zunehmende Erschwerung der eigenen Marshall-Plan-Lieferungen die Notwendigkeit vor Augen geführt, eine Zwischenlösung für Westeuropa zu finden. Das multilaterale Clearing für die Marshall-Plan-Länder soll die Zwischenstufe abgeben, damit von diesem Standort aus die nächste Stufe, der Anschluß an den Freihandel der Welt, erreicht werden kann.

"Ende des Dollarhandels in Europa"