Es ist scheinbar das Schicksal Brünings, im Zwielicht zu stehen. Seit Jahren Professor in Harvard, dem geistigen Zentrum der Vereinigten Staaten, bleibt ihm bei seinem ersten Deutschlandbesuch nach vierzehnjähriger Abwesenheit. ausgerechnet die der Kontrolle seines Gastlandes unterstellte Zone kategorisch versperrt. Nicht genug damit, ist auch der auf seine heimatliche Zone beschränkte Aufenthalt an Bedingungen geknüpft, die dem Vertrauen diametral entgegenstehen, dessen er sich schon während seiner Kanzlerschaft bei den Westmächten, so insbesondere in England und den USA, erfreute und das ihm nach dem Urteil eines so unver-Mächtigen Beobachters wie François-Poncet daheim. zum Verhängnis würde. Die Annahme endlich, daß dem früheren deutschen! Reichskanzler die ihm auferlegte Zurückhaltung mit Rücksicht auf die Undurchsichtigkeit des ihm in seiner Heimat- noch verbliebenen Prestiges nur lieb sein könnte, erscheint durch eine nicht geringe Zahl von Briefen widerlegt; auf die sich seine alten politischen Freunde, soweit sie heute wieder im öffentlichen Leben stehen, zu wiederholten Malen und offensichtlich zum Beweis des gegenseitigen politischen Einverständnisses nachdrücklich berufen haben.

Als vor mehr als einem Jahr eine schon damals geplante Deutschland reise Brünings am Veto des State Department scheiterte, waren die Gründe dafür noch einzusehen. Der Protest, der sich östlich des Eisernen Vorhangs bis zum Moskauer Rundfunk erhob, ließ es Washington nicht angeraten erscheinen, Brüning, dem Moskau seine Feindschaft gegen jegliche Form einer extremistischen Politik und seine Warnungen vor den Folgen von Teheran und Jalta nicht vergessen hatte, auch nur mit der Möglichkeit eines politischen come back in Verbindung zu bringen. Um so mehr glaubt man heute, da die Rücksicht auf sowjetische Mißdeutungen eines Brüning-Besuches kaum mehr ins Gewicht fallen dürfte, vollends vor einem Rätsel zu stehen. Über wen ist die Quarantäne verhängt, muß man sich fragen, über Brüning, dessen persönliche Unantastbarkeit auch bei seinen politischen Gegnern unbestritten ist, oder immer noch über das von den Westmächten besetzte Deutschland, von dem es doch heißt, daß es jetzt endlich am europäischen Wiederaufbau aktiv teilhaben soll?

Es ist nicht verborgen geblieben, daß Brüning bei allem Verzicht auf ein offizielles politisches Hervortreten es in der Emigration als seine Aufgabe ansah, seinen großen moralischen Kredit zugunsten einer konstruktiven Deutschlandpolitik der Westmächte in die Wagschale zu werfen. Der Gedanke einer Exilregierung unter seiner Beteiligung mag dabei in den Jahren vor und während des Krieges, wenn auch nicht von seiner Seite, zeitweilig nahegelegen haben. Noch scheint es müßig, dabei die Frage aufzuwerfen, welchen Weg nicht nur der Westen Deutschlands genommen hätte, wenn Brüning sich der Möglichkeit, beizeiten Kräfte des Widerstandes und des Neuaufbaues um sich zu kristallisieren, nicht verschlossen hätte. Als er im Herbst 1944 kurz vor der Konferenz von Quebec "von engeren Mitarbeitern Roosevelts, der schon zu Anfang des Krieges einmal seinen Rat zu erwägen bereit schien, um seine Meinung über den Morgenthau-Plan befragt werden sollte, war es zu spät. Die Anhänger des für das erste Stadium der Besetzung" Deutschlands so verhängnisvollen Planes kamen ihm und seinen Freunden im amerikanischen Kabinett mit der Veröffentlichung dieses Vorhabens zuvor. Die Linie seiner Stellungnahme aber, die hinfort notwendig mehr die Formen der Kritik als des Rates wählen mußte, galt damit als vorgezeichnet. Muß man vielleicht daraus die nicht ganz demokratische Folgerung ziehen, daß die Rolle des nicht immer bequemen Mahners, in der Brüning schließlich erscheinen mußte, einer der Gründe oder gar der Hauptgrund für die Bewegungsbeschränkung ist, die man ihm bei seinem nun endlich zustandegekommenen Besuch zur Bedingung machte?

Mit welchem Ernst man Brünings Stimme auch heute noch in den Vereinigten Staaten wertet, verriet unlängst der Washingtoner Korrespondent der Pariser Zeitung Le Monde als er schrieb: "Für uns Franzosen wird Brüning in Deutschland vielleicht weniger gefährlich sein als in den Vereinigten Staaten". Dieses Urteil, das sich im einzelnen auf gelegentlich geäußerte eigenwillige Ansichten des ehemaligen Reichskanzlers über die Mitverantwortung der Westmächte an Aufstieg Hitlers stützt, dürfte aufschlußreicher sein als die seit Jahr und Tag in der Weltpresse kursierenden Gerüchte, wonach Brüning, noch aus der Zeit seines politischen Einvernehmens mit Hoover, ein besonderer Vertrauensmann der mutmaßlichen USA-Politiker von morgen sei. Die entscheidende Frage aber, die der Besuch Brünings aufwirft, ist die der Selbstentscheidung der im Sinne des Westens freien Persönlichkeit. Die Antwort erscheint, jenseits jeglichen politischen. Plaidoyers für oder gegen Brüning, enttäuschend genug.

Adolf Frisé