Von Paul Hühnerfeld

In Münster haben neulich die Theaterleute erfahren müssen, welche Schwierigkeiten es heute macht, einen Schuß loszulassen. Wohlverstanden: in Münster, wo es kurz vor Kriegsende noch so geknallt-hat, daß die Stadt endgültig dabei in Trümmer ging. Es ist daher der Mühe wert, sich in die Sache hineinzudenken. Motto: Wenn ich Besatzungstruppe wäre...

Wenn ich Besatzungstruppe: wäre, dann wollte ich meine Ruhe haben. Erst recht im Sommer. Ruhe aber hat man als Besatzungstruppe dann, wenn die Bevölkerung brav und fleißig ihrer Arbeit nachgeht, still und freundlich ist und vor allen Dingen – nicht schießt. Überhaupt nicht an das Schießen denkt, weder im Ernst noch im Spaß, weder auf dem Schützenfest noch im Theater. Dann könnte ich, wenn ich Besatzungstruppe wäre,, mich in die Sonne legen und an zu Hause denken. Oder mit einem Mädchen spazierengehen und nicht an zu Hause denken. Aber es hat von jeher Störenfriede gegeben: die wollen. einfach Radau machen. Wollen schießen. Wollen an friedlichen Sommertagen partout einen Schuß loslassen, und sie sagen, sie hätten Gründe dafür, künstlerische Gründe. Wie sollte ich mich als Besatzungsmacht verhalten, wenn ich aus Künstlerkreisen etwa folgendes hören sollte? –: Die Intendanz des Stadttheaters Münster gibt sich die Ehre, ab heute abend die Ruhe der Besatzungsmacht zu stören. Behufs dieses Zweckes beabsichtigt, die Intendanz, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Ruhestörern auf der Freilichtbühne im Schloßgarten zu Münster in Westfalen die Oper "Carmen" aufzuführen. Dort hat Don José in der Schmuggler-Szene auf Escamillo zu schießen. Daher erlaubt sich die, Intendanz der städtischen Bühnen Münster die Anfrage, ob ein solcher Schuß zur Freude aller kunstbegeisterten Münsteraner und zur Beunruhigung der geschätzten Besatzungstruppe allabendlich in besagtem musikalischem spectaculum ausgelöst werden darf... Wie also müßte ich. mich als Besatzungstruppe in diesem Fall verhalten?

So, und nun Rollen wir – der Gerechtigkeit zuliebe – einmal die andere Partei ergreifen. Motto: Wenn ich Intendant in Münster wäre...

Wenn ich Intendant in Münster wäre, dann hätte ich auch meine Sorgen. Viel Personal und wenig Kasse. Dann, käme ich wohl auch auf die Idee, auf der wunderschönen Freilichtbühne im Schloßgarten Theater zu spielen. "Auf in den Kampf" würde ich auch wohl; ziehen, beileibe nicht gegen die Besatzungstruppe, sondern gegen die leere -Kasse im Theater. Haben die Münsteraner ihren Schloßgarten und die Musik nicht immer sehr geliebt? Wo beides, Musik und Schloßgarten, zusammenkommt, da können sie trotz, der D-Mark kaum widerstehen. Also laßt uns "Carmen" auf der Freilichtbühne spielen! Da haben die Münsteraner alles: Musik, Schwung, Tempo, und wegen des dritten Aktes würde ich als Intendant bei der Militärregierung anfragen, ob wir auch schießen dürften.

Es – steht fest, daß der Intendant die Anfrage bei der Militärregierung bis auf den letzten-Tag vor der Premiere verschob. Er hielt das offenbar nicht für so wichtig. Sein Gespräch mit der Besatzungstruppe aber denke ich mir als Unparteiischer so: "Wie ist das", fragte er. die Besatzungstruppe, "dürfen wir schieben?" – Die Besatzungstruppe wurde unruhig. "Muß das sein?" – Der Intendant beteuerte, daß es sein müsse. Im dritten Akt der Oper "Carmen". sei es nun einmal so eingerich tet, daß Don José auf Escamillo zu schießen habe. Die Besatzungstruppe. schlug vor: "Könnt ihr ihn denn nicht anders umbringen? Etwa mit Gift.oder einem Dolch? Das ist doch auch ganz schön." – Der Intendant beteuerte, daß es nicht ginge. Denn Don José trifft Escamillo nicht: er schießt daneben. Mir Gift oder einem Dolch seinen Gegner verfehlen – das gäbe halt keinen Theatereffekt. Das möge die Besatzungstruppe bedenken.

Feststeht: die Besatzungstruppe bedachte es. Vielleicht hat sie zuerst das Verhältnis des Schusses zum seelischen Gleichgewicht ihrer Angehöriges beleuchtet; die sich an, diesen Sommerabenden auf vielen versteckten Wegen in und vor Münster zu -ergehen pflegen. Nach dieser Beleuchtung wird – es für den armen Intendanten und seine kunstbereite Schar wohl schlecht gestanden haben. Man versenke sich – der Objektivität halber – doch. beispielsweise in die Seele des ruhigen Joe Miller aus Sheffield oder auch aus Birmingham: der-sitzt vielleicht an einem schönen Sommerabend am Aasee in Münster und hält seine Füße in das Wasser; vielleicht angelt er auch. Er hat einen Grashalm zwischen den Lippen und ist friedlich. Da fällt aus dem benachbarten, Schloßgarten plötzlich ein Schuß. Wie wird es in seiner Seele aussehen, dieser Seele, die nur Friede war? Müßte er; nicht zumindest aufstehen, um im Schloßgarten nachzusehen, was da für ein Schuß gefallen sei? – Nein, hätte es die Besatzungstruppe nur von dieser Seite betrachtet, so wäre für den armen Intendanten in Münster nichts zu hoffen gewesen. Aber die Besatzungstruppe hat ganz offenbar, auch ihre hohe Aufgabe als Schützer und Überbringer der Kultur bedacht, und als sie dies bedachte, stiegen-die Aktien des armen Intendanten wieder. Sicher hat sie zu ihm gesagt: Also gut, .schieße, denn wir sehen ein, du mußt. Aber du’ – wirst uns jeden Abend benachrichtigen, daß du schießt. Damit wir im Bilde sind... Feststeht, daß der Intendant zufrieden, von dannen eilte.

Soweit war alles in Ordnung. Nun hätte der Schuß fallen. können. Doch leider stellte-sich heraus, daß sie in Münster keine einzige Platzpatrone hatten.