Bemerkungen zu einem Buch von Frank Thieß

Von Walter Abendroth

Wenn ein Musikhistoriker ein Buch über einenberühmten Komponisten schreibt, so braucht das nicht mehr zu bedeuten als eben einen in sein Aufgabengebiet fallenden Beitrag zur Fachliteratur. Wenn ein – Laie, gar ein namhafter Schriftsteller das gleiche tut, so steht dahinter jedenfalls ein Bekenntnis: das Bekenntnis, zu reiner bestimmten Musikanschauung, die durch die Wahl des Gegenstandes gekennzeichnet ist.

Ein solches Bekenntnis hat Frank Thieß mit, seinem "Puccini" (Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg) abgelegt, der Frucht mehrjähriger Studien und Vorarbeiten. Er nennt das Buch den "Versuch einer Psychologie seiner Musik". Aber Musik-, die psychologisch deutelbar (nicht deutbar – denn das gibt es nicht) ist, ist schon eine Abart, die sich vom eigentlichen Wesen der Musik entfert hat. Es ist Verfallsmusik, die etwas "bedeuten" will, weil sie nicht eigentlich, nicht aus eigener Kraft "ist", die immer etwas scheinen will, was sie nicht sein kann. Reines, klares Musikdenken kennt, daher keine Psychologie der Musik, höchstens eine Psychologie des Musikers.

In der hier angedeuteten Fragwürdigkeit steht alle, selbst die sauberste Opernmusik Die Oper ist ja überhaupt eine nie erlöste Zwittergestalt, deren mögliche Qualitäten weder, dem Urteilsmaßstab der Musik noch dem der Dichtkunst unterliegen. Wie es strenge Musiker und Dichter gibt, die sich ihr gegenüber durchaus ablehnend verhalten, so pflegt auch der in einem tieferen Sinne musikkundige Laie und der ernstere Literaturfreund vor ihr eine gewisse Scheu zu hegen. Das eigentliche Publikum der Oper ist weder im Musikalischen noch im Dichterischen wählerisch. Darum ist es so groß an Zahl und/darum auch hängt es am zähesten keineswegs an den Opernschöpfungen, die im Gesamtschaffen eines echten Musikers nur eine – Provinz darstellen, sondern an denen, die das Lebenswerk ausschließlicher Opernspezialisten ausmachen, also schon herkunftsmäßig der wahren, reinen, selbstherrlichen, nur in sich selbst bestehenden Musik ganz fernsind.

Ein Laie, der seine Einstellung zur Musik an der Oper-orientiert, verrät damit in jedem Falle ein näheres Verhältnis zur "Abart" als zur "Art". Und es ist nur allzu natürlich, daß er damit zu irrigen Schlüssen kommen muß. Wenn beispielsweise Thomas Mann der Tonkunst gefährliche Auswirkungen auf Geist und Charakter eines Menschen, ja, einer Nation zuschreibt, so hat er recht insofern, als er nämlich Sache Wagners-mit dem Wesen der Musik verwechselt. Sein Kontrahent Frank Thieß aber, wesentlich bescheidener,nimmt diese Verwechslung sogar mit Puccini vor – aber nicht um den von ihm selbst erkannten Ungeist dieser Erscheinung gefährlich zu finden,sondern um ihn zu preisen und als eine der herrlichsten Bereicherungen der Menschheit zu feiern!

Seltsam:, ein (authentischer Ausspruch des "Kunstkenners" Adolf Hitler, im Tone einer letzten Entscheidung vorgetragen, besagte, der "einzige große Musiker seit Wagner" sei – Puccini. Da haben wir die beiden Kronzeugen literarischer Musikbekenntnisse in einer Linie, auf dem gemeinsamen Nenner des dilettantischen Orakels Ein großer Teil der Einleitung dient Frank Thieß zur Abwehr der "bisherigen" Puccini-Kritik, deren überwiegend ablehnende Haltung er ausschließlich auf Dummheit, Modetorheit und Bösartigkeit zurückführt. Er merkt gar nicht, daß diese bei allen ernsten Musikern heute noch bestehende Haltung sich vor allem gegen ein bestimmtes "Niveau", richtet. Wie überhaupt aus seiner Darstellung des Phänomens Puccini nirgends hervorgeht, daß ihm neben den durchaus klug und säuberlich dargelegten Unterschieden zwischen den Erscheinungsformen der Musik geistig, ungeistig, metaphysisch, unmetaphysisch, jenseitig, diesseitig, apollinisch, dionysisch, dämonisch usw.) auch Rangunterschiede bewußt sind. Ja, man darf aus der Tendenz dieses Buches beinahe entnehmen, daß der Begriff des Ranges bei ihm durch die Feststellung der Geltung, des Erfolges, der Anerkanntheit von der Majorität geradezu ersetzt wäre. Immer wieder ist ihm der Welterfolg Puccinis ein ernst gemeintes Argument für den Wert, und im Grunde der stärkste. Daß die Sache wirkt – dasgibt für ihn den Ausschlag; nicht: auf wen sie wirkt. Wer hat aber jemals abgestritten, daß Puccini "rühren", "aufwühlen" und auf die Tränendrüsen drücken kann? Er "packt" – allein auf eine Art, die einem im gleichen Augenblick peinlich wird. Wer kann abstreiten, daß man sich hier auf der Ebene von Gartenlaube und Hintertreppentragödien, bewegt, die über den augenblicklichen Nervenkitzel hinaus den anspruchsvolleren Menschen nicht interessieren können, weil ihm längst bekannt ist, daß Folter weh tut, daß eine Geliebte mit Kind und Eheversprechen, sitzen zu lassen eine Gemeinheit ist, daß man an Schwindsucht sterben kann und tiefere Fragen hier nirgendwo angerührt – werden. Was für die Küche die "Rasenbank am Elterngrab", ist für die gute Stube diese "Dramatik".