Von Jan Molitor

Wenn der Papst spricht, richtet sich sein Wort an die ganze Welt. Das kann man von einem Papst-Wort verlangen. Und so verlangte man’s auch diesmal, da der Papst, wie man hörte, seinen Legaten, den Kardinal und Bischof von Velletri, Clemens Micara, beauf- – tragt hatte, den zur Domfeier in Köln Versammelten den päpstlichen Segen zu überbringen.

Sonntag vormittag; Fest der Himmelfahrt Mariae. Feierliches Pontifikalamt in jenem Teil des hohen Chores und des Querschiffes, den die Dom-Werkleute mit unendlichen Mühen wiederhergestellt haben. Noch tags zuvor hatten sie die letzte Hand an den Einbau der neuen Orgel gelegt: nun klang sie nicht nur in diesen himmelanstürmenden Gewölben, sondern sie jubilierte über der Stadt am Rhein; denn die Technik – so oft mißbraucht in den letzten Jahr-– Zehnten – war fromm geworden. "Lautsprecher-Übertragung" nannte man’s; aber das war für die Weihe, die diesmal sich auf die Menschen übertrug; ein falsches, armseliges Wort.

Plötzlich war Stille. Denn nun wurden im halben Dom zu Köln – die andere Hälfte mit dem aufgerissenen Langschiff wird wohl noch lange auf die Wiederherstellung warten müssen – die Worte des Papstes verlesen. "... da doch so viele Sorgen die Völker bedrücken; da zuden alten Streitigkeiten neue, bedrohliche hinzukommen, da noch kein allgemeiner Friede geschlossen ist und dort, wo ein Übereinkommen getroffen wurde, dasselbe so oft von Kreisen gestört wird, die, um mit Tacitus zu reden, ‚in ruhigen Verhältnissen nichts zuhoffen haben, und darum auch bedacht sind, Unruhe zu stiften..." Diese Worte, in denen der Papst die heutige Weltsituation schilderte –, galten sie nicht der ganzen Welt? Doch es waren auch Worte vernehmbar: die konnten nur an einen Teil der Menschheit gerichtet sein, an die "Manschen des guten Willens". Da nämlich sprach der Papst von denen, die beim Anblick der Domtürme sich möchtenangetrieben fühlen, "auch ihrerseits in tapferem Glauben und innigem Verlangen nach dem Himmel zu streben". Wie aber konnte es sein, daß der Papst auch ganz präzise zu den Kölnern, ausschließlich zu ihnen; sprach? Ob sie’s erwartet hatten oder nicht: im heiligen Dom inmitten der zerstörten Stadt hörten die Kölner am Tage der siebenhundertjährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung ihrer Kathedrale das Wort des Papstes an sie ganz persönlich gerichtet: "Wir hegen die zuversichtliche, frohe Hoffnung, daß aus der -Erinnerung an so viele Taten einer siebenhundertjährigen glorreichen Vergangenheit die so schwer geprüften Bürger Kölns neue Kraft und neuen Mut schöpfen werden und in rüstigem Schaffen sich ihrer Vorfahren würdig zeigen..." War das nicht geradezu weltlich gesprochen bei dieser hohen Messe im Kölner Denn?

Wer wird genau ein Urteil darüber wagen wollen, wie und wo und aus welchen Gründen der Papst allein schon in der Diktion dieser seiner Botschaft einmal mit der Weihe des Nachfolgers Petri, des Hauptes der una sancta catholica ecclesia, sprach und dann mit der schonungslosen Kritik und Ratio des Weltpolitikers und schließlich sogar mit weltlich klingender, väterlicher Mahnung! Hier sei das alles deshalb aufgezeichnet, weil man – auf die Gefahr hin, mißverstanden zu werden – etwas in heutigen Zeiten Außergewöhnliches schildern muß: – dies nämlich, daß die Domfeier in Köln, abgehalten im Jahre des Zweifels 1948, zugleich ein Fest höchster sakraler Weihe von umfassender Gemeinsamkeit und zugleich ein Volksfest war

Ja, auf die Gefahr des Mißverständnisses: Am Rande der Volksmenge, die sich vorm Südportal des Domes zum Gottesdienst unter freiem Himmel versammelt hatte, stand ein Mann vom Typ des Urkölners; er stand mit seiner Frau just unter einem jener Lautsprecher, die zu dieser Stunde aus dem Inneren des Domes das Pontifikalamt übertrugen, den feierlichsten Gottesdienst der Katholiken,‘ dargebracht durch den päpstlichen Legaten Kardinal Micara; und das Kyrie elëison der Bruckner-Messe war verklungen, als der Kölner Bürger sein Gebetbuch der Frau unter den Arm schob und ihr sagte: "Frau, halt mal dat Gebetbuch, ich geh’ rasch einen trinken..." Sprach’s und strebte einem jener Zelte oder Buden zu, in denen glasweise Wein ausgeschenkt wurde. Er- kehrte wieder, nachdem er sich gestärkt hatte, ergriff sein Gebetbuch und richtete seinen Geist von neuem auf das heilige Ereignis, das sich dort vollzog, wo im Innern despotischen Chores die mittelalterlichen Fenster bunt und in frommer Mystik leuchteten, wo Menschenstimmen und Bläserklang sich vereinten, Gott zu preisen, und wo die Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe in der Pracht ihrer Gewänder dem Meßopfer assistierten ...

Das Miteinander religiöser Ergriffenheit und weltlicher Hochstimmung war das allgemeine Merkmal der Kölner Feiertage. Und so fiel einem, der aus Norddeutschland kam, doppelt deutlich auf, wie sehr doch dieses Köln eine südliche Stadt ist. (Dies natürlich im geistigen, nicht im geographischen Sinne genommen.) Die Frömmigkeit in dieser südlich lebensfrohen Stadt hatte nichts von prüder Duckmäuserei, und die Weltlichkeit hatte nichts von Frivolität. Und noch ein anderes -kam bei diesem wahrhaft großen Erlebnis des fromm-fröhlichen Köln hinzu: Wie in vielen west- und süddeutschenStädten: heute die ersten Früchte dessen zutage treten, was mit unsäglichen Sorgen und Mühen in den ersten drei Jahren nach dem Kriege zwischen Trümmern, Dreck und Elend geleistet wurde, so auch hier. Gewiß, die Trümmer sind noch vorhanden, aber es sind überall gleichsam heilsame Gärten entstanden aus der Zerstörung. Man kann wieder leben in Köln. Und der Kölner – so müde, so verzweifelt er zeitweise in den vergangenen Jahren war – er ist doch der alte geblieben. Da war die lächelnde, generöse Höflichkeit, mit der die Gäste in den aus Ruinen bescheiden hervorgewachsenen Geschäften und Geschäftchen bedient wurden. (Und diese Geschäfte waren auch am Sonntag geöffnet.) Da war die humorvolle Verbindlichkeit der ins Gedränge ihrer Besucher geratenen Kölner Bürger. Und weil die Kirchenfahnen in ihren blauen, gelben, weißen Farben die Trümmerlandschaft märchenhaft belebten, erhielt das Bild der Stadt eine antik wirkende Größe. Es waren übrigens fast ebenso viele Gäste wie Kölner selbst im feiernden Köln, das in diesen Tagen – eigentlich zum ersten Male seit dem Kriege – bewies (nicht durch Reden, sondern durch ihr Gepräge, ihr Wesen), daß es immer noch die eigentliche, die wirkliche Metropole des Rheinlandes ist. Hatte übrigens nicht sogar der Papst in seiner Botschaft von diesenGästen Kölns gesprochen? "Wir hoffen, daß von nun an aus dem Auslande viele Fremde diese Stadt besuchen und daß dadurch die Bande christlicher Freundschaft verstärkt und enger geschlungen werden." Dies ist es: Das Domfest zu Köln zeigte zum ersten Male in Deutschland, daß Frieden sein könnte in der Welt, zumindest Friede in Europa. Ja, da die Politiker es versäumten, hat die katholische Weltkirche das Fest des Friedens in Deutschland begangen; in Köln.