Eine kulturpolitische Woche der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands fand unlängst in Lübeck statt. Der Sozialistische Kulturkreis dieser Stadt hatte zu den Veranstaltungen eingeladen, zu denen auch die kulturpolitische. Jahreskonferenz der SPD und eine Sondertagung gehörten, anderunter dem Motto"Sozialismus und zeitgenössische Wissenschaft" zum ersten Male Parteipolitiker und Wissenschaftler (unter ihnen der Atomphysiker Pascual Jordan) zusammentrafen. – Auf Beobachtungen dieser Kongreßwoche geht folgende Untersuchung zurück, deren Ergebnisse überall dort leicht überprüft werden können, wo ältere und jüngere Menschen auf Tagungen zusammen sind.

Die Geschichte vom Turmbau von Babel ist ein Gleichnis. Und zwar wird die dort zutage getretene Sprachverwirrung meist als ein akustisches Phänomen gewertet: so nämlich, daß die einzelnen, die von anderen menschlichen Stimmen hervorgebrachten Laute nicht mehr zu begreifen vermögen. Es gibt daneben aber auch eine latente, eine schleichende "babylonische Sprachverwirrung", die zuweilen über die Menschen fällt dergestalt, daß die Begriffe, die auf dem Grunde der Worte ruhen, sich so verändern, daß jegliche wirkliche Verständigung, in Frage gestellt ist. Wer Gelegenheit hat, in diesem tagungsreichen Sommer an Kongressen teilzunehmen, in denen esum weltanschauliche Dinge geht und bei denen Vertreter der jungen, älteren und alten Generation das Wort nehmen, dem fällt der hohe Grad des Aneinander-vorbei-Redens auf, das sich ganz von selbst breitmacht, ohne daß die Wortführer es wollen. Es ist nicht so, daß es sich dabei um klare Fronten handelte. Es ist auch kein Haß und keine Feindschaft von vornherein. Es ist ein inneres Ereignis, das gegen den Willen aller Beteiligten geschieht. – Es ist nötig, dies immer wieder zu betonen, weil sich dadurch die Frage nach der Schuld von selbst erledigt. Es ist keine Schuld der Alten, alt zu sein und es ist keine Schuld der Jungen, jung zu sein. Trotzdem kommt es darauf an, dem Mechanismus der Entzweiung nachzuspüren.

Die Alten beginnen zumeist – und das ist ihr gutes Recht – von einer Lebensfülle zu reden, von der sie, getäuscht durch den Glanz von Erinnerungen, nicht einsehen, daß sie oft nur Lebensdürre ist.. Den Jüngeren fehlt die "Verklärung" durch die Erinnerung; sie sehen nur, wie dieAlten in einem ausgedörrten Sandfeld herumstochern in der vagen Hoffnung, daß es fruchtbar werde. Die Jüngeren stehen mit leeren Händen da, denn sie suchen Handwerkszeug und Inhalte und nicht das Hin- und Hergehen in Erinnerungen an vergangene bessere Zeiten; sie wollen nicht nachmachen, sondern – machen!

Allerdings kommt auch den Erinnerungen der Jungen entscheidende Bedeutung zu, nur daß diese eben anders sind als die der Alten. Da kann man beispielsweise beobachten, wie die Alten berichten: "...als ich seinerzeit das und das machte oder plante oder vollbrachte..."Sei den Jungen aber heißt es in einer absoluten Klarheit und Präzision: "wir". Dieser Wir-Begriff ist in einer Art und Weise geistige Realität geworden, wie es den Alten wiederum ganz unbegreifbar ist. Aus dem äußeren Unterschied zwischen "Ich" und "Wir" (wobei das "Wir" nicht als Gattungsplural, sondern als selbstverständliche Basis des Lebensgefühls gemeint ist) rühren vielerlei innere Verschiedenheiten. Ja, man kann sagen, daß zwischen den "Ich"-Leuten und den "Wir"-Leuten der eigentliche Riß auch durch jene Organisationen geht, in denen alle Lebensalter zusammenkommen. Der ideologische Überbau, ist dabei nur die Fassade. Er wirkt wie der Bohrturm über der zu suchenden Quelle. Er ist der Hilfsmechanismus. Das Entscheidende ist, was aus der Quelle aufsteigt. Daß wir in einer Epoche der großartigen Verherrlichung der Bohrtürme und ihrer Spezial-Konstruktionen leben, ist nur ein besonderesDokument geistiger Unfruchtbarkeit...

Natürlich reden auch die Ich-Leute vom "Wir". Aber es ist zwischen den "Wirs" derselbe Unterschied wie zwischen Liebespaaren und den Ehepaaren, die die silberne Hochzeit bereits hinter sich haben. Das "Wir" der Jungen ist, um in dem Bilde zu bleiben; das "Wir" der Verlobten. Eine weitere Beobachtung: Früher wurden junge Leute leicht zu Eiferern. Jetzt aber haben die Eiferer zumeist graue Häupter, wobei sie das Gestänge der Dogmen als letzten Halt in der Erscheinungen Flucht verteidigen. Gerade die Jungen aber sind lässiger. Diese Jungen – nur sie bezeugen zumeist auch jenen Sinn für Humor, der ein so enormes Labsal ist. Einst war dies alles genau umgekehrt. Bezeugt Humor den Hang zum Zweifel? Ganz ohne Frage! Aber dann ist Zweifel in solcher Form äußerst segensreich, und wir sollten ihn pflegen! Jüngst hat auf dem Kultur-Kongreß der Sozialdemokratie in Lübeck ein mitteljunger Redner (er heißt Ernst Tillich,war Theologe, ist ein Feuerkopf mit Präzision, der Schrecken aller Alten und Verknöcherten, ein Mann, der noch eine Schau hat von dem, was er will, Delegierter Berlins und ein Faktor in dem geistigen Leben dieser unserer Hauptstadt) auf einen Umstand hingewiesen, der unser ganzes Leben bis in den Urgrund beeinflußt: die unheimliche "Todesnähe". Es ist nicht jene Todesnähe, von derdas Kirchenlied singt: "Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen". Sondern es ist jene uns allen bekannte Todesnähe, die gewaltsam und organisiert und mit den Mitteln einer wahnsinnig gewordenen Vernunft aufgebaut ist. Sollte diese "Todesnähe" etwa formbildende Kraft besitzen? Außer Zweifel steht, daß sie den Wir-Begriff geschaffen hat, in den die Jungen einströmten, wie Bäche in einen See, und in dem sie geborgen sind und dem sie nicht mehr entsteigen können. Die effektive "totale"Todesnähe hat zwar die Alten nicht minder berührt. Aber ein bereits verhärtetes Ich ist vielleicht dem Inhalt eines Ölkanisters vergleichbar, der in jenen See gerät. Das Öl ist darinnen, aber es wird nicht Teil des Sees und es läßt nicht davon ab, sich abzusondern.

Mit der Todesnähe aber hängt die Angst zusammen, die große, innere Angst, von der die modernen Philosophen reden. Es war übrigens auf jenem Kongreß rührend mitanzusehen, wie ein junger Mensch in der Diskussion sich gegen diese "Unterschiebung"der heutigen Denker verzweifelt wehrte; es war rührend zu sehen, wie ihn geradezu die Angst schüttelte, man könnte meinen, er habe Angst. Der Gute, er nahm die Angst nur als fehlende Courage. Das "Wir" duldet nämlich keine Feigheit und wäre sie auch nur als ein Verdachtin den Hintergründen der Seele geäußert...Es sei noch auf ein anderes großartiges Schauspiel hingewiesen, das sich auf heutigen Kongressen vielfach darbietet: das Suchen desElans mit der Wünschelrute. Die Alten meinen, wenn man die Spruchbänder ihrer Jugend hübschüberdem Leben von heute drapiert, so sänke alsogleich die Begeisterung von ehedem meltauartig überdie Gemüter. Die Jungen sehen diesem eifrigen Bemühen unwirsch zu; es entsteht für sie eben nur eine mit Bruchbändern behängte Welt. Die Dissonanz ist eklatant.

Weiterhin fällt auf, wie viele Ketzer es gibt, Ketzer in dem Sinne, daß sie an dem Dogma herumhämmern wollen und müssen, weil es in die Figur des Lebens, wie es sich bildete, nicht mehr hineinpaßt. Übertrieben formuliert könnte man sagen: "Wer nachdenkt, wird zum Ketzer!" Es liegt dies sicherlich nicht an den Menschen, sondern an den Dogmen, vielleicht sogar liegt es an beiden nicht, sondern an den sich wandelnden Lebensverhältnissen.