Ein deutsch-französisches Bündnis an Stelle des alten deutsch-französischen Duells sei die erste Bedingung für das Überleben Europas, diese klugen und beglückenden Worte stehen in einem Aufsatz Von Maurice Duverger, der in der französischen Zeitung Le Monde, dem offiziösen Blatt des französischen Außenministeriums, erschienen ist. "Denen, die sich über diese Worte entrüsten", so fährt der Verfasser fort, "möchte ich einfach ins Gedächtnis rufen, daß ihre Großväter sich auf dieselbe Weise zu Anfang dieses Jahrhunderts entrüstet haben, als man von einem französischbritischen Bündnis sprach. Was uns heute ungeheuerlich erscheint, werden wir morgen natürlich, linken." Der Aufsatz, der den Titel trägt "Das Deutschland des Generals Clay oder das Deutschland des Generals de Gaulle?", steht nicht allein. Seit drei bis vier Monaten wird in vielen Zeitungen und Zeitschriften Frankreichs zu dem deutschen Problem in einem neuen Sinn Stellung genommen, wird unvoreingenommen die Frage geprüft, wie es am besten möglich sei, Deutschland in einen europäischen Bund aufzunehmen. Doch geschah dies bisher mehr von Außenseitern und Avantgardisten; neu und bedeutsam ist, daß das außenpolitisch einflußreichste. Blatt, das oft als Sprachrohr des Quai d’Orsay benutzt wird, sich so positiv zu der Möglichkeit eines Bündnisses zwischen Deutschland und Frankreich stellt.

Zur gleichen Zeit hat auch Graf Sforza, der italienische Außenminister, sich zu dem deutschen Problem geäußert. Bereits vor vierzehn Tagen hatte er in einem Interview erklärt, daß es darauf ankomme, Europa zu einigen und auf diese Weise wieder stark zu machen. Italien, so hatte er gesagt, sei bereit, einen größeren Teil seiner Souveränität aufzugeben, als man wohl erwarte, um des Zieles willen, eine Europa-Union zu schaffen, an der, wie er hoffe, auch Deutschland teilnehmen könne. Als er jetzt abermals über das gleiche Thema sprach, in seiner Eigenschaft als Rektor der Universität Perugia, erklärte er, daß es die höchste Pflicht der Italiener sei, die Deutschen wieder mit Europa zu versöhnen. Man müsse sie bitten, sich als Gleiche unter Gleichen und als Freie unter Freien an den Tisch der großen wirtschaftlichen und politischen Föderation Westeuropas zu setzen. Nur dann könne das Deutschland Goethes wiedererstehen.

Dieses Zusammentreffen einer Rede des italienischen Außenministers mit einem Artikel in dem offiziösen Blatt des Quai d’Orsay ist bedeutsam, eines kann man aus ihm zumindest entnehmen, daß nämlich eine Wendung in der Politik der europäischen Westmächte gegenüber Deutschland eingetreten ist. Als Churchill in Zürich seine erste Europarede hielt und von einem möglichen Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich sprach, ging ein Sturm der Entrüstung durch die ganze französische Presse. Auch Le Monde erklärte damals, eine deutsch-französische Zusammenarbeit sei undenkbar. Heute wird in dem gleichen Blatt ein deutsch-französisches Bündnis vorgeschlagen, von dem man sich offenbar eine gleiche Dauer und Stärke verspricht wie von dem Bündnis mit England. Was mag diesem Wandel zugrunde liegen?

Zwei Entwicklungen dürften dazu beigetragen haben, ihn hervorzurufen. Seit der Niederlage der Kommunisten bei den italienischen Wahlen ist wieder ein Gefühl von Stärke und Solidarität bei den westeuropäischen Staaten erwacht. Man hatte sich in Frankreich daran gewöhnt, gebannt nach dem Osten zu blicken, man fürchtete die Gefahr, die sich aus einem Zusammengehen Deutschlands und Rußlands ergeben könnte. Die Westunion zwischen England, Frankreich und den Beneluxstaaten wurde gebildet, um sie zu bannen; Amerika ließ erkennen, daß es bereit sei, diesen Bund zu stützen. So entstand ein Gefühl beginnender Sicherheit, und der Marshall-Plan mit seinen wirtschaftlichen Hilfen tat das seine, um dieses Gefühl auch vom ökonomischen her zu stärken.

Das zweite treibende Moment entstand durch den Konflikt um Berlin. Hier verteidigt Frankreich mit England und Amerika zusammen die Freiheit der deutschen Hauptstadt, und mit Erstaunen stellte man in Frankreich fest, daß auch die Deutschen, bei denen man einen Hang zum östlichen Kadavergehorsam erwartet hatte, sehr wohl verstehen, für die Freiheit zu kämpfen, daß sie die Knechtung, nachdem sie sie unter Hitler in ihrer bittersten Form kennengelernt hatten, hassen und gewillt sind, sich ihr zu widersetzen, kurz, man entdeckte, daß auch die Deutschen Europäer sind. Damit aber entstand ein neues Gefühl der Beruhigung, und so wurde es möglich, die deutsche Frage sachlich und nüchtern zu betrachten.

Dies ist in dem Aufsatz von Maurice Duverger in vorbildlicher Weise geschehen. Er stellt zwei politische Entwürfe einander gegenüber, um sie dann beide zu verwerfen: das Deutschland des Generals de Gaulle und das Deutschland des Generals Clay. Die Politik von de Gaulle halte an zwei Grundsätzen fest: der Kontrolle der Ruhr und der Zerstückelung Deutschlands; diese Ziele habe sie mit den Kommunisten gemein, die es – begrüßen würden, wenn eine interalliierte Kontrolle der Ruhr die Sowjets an die Ufer des Rheins bringen würde. Der Hauptfehler dieses Systems sei aber der totale Mangel an Wirklichkeitssinn. Man könne die deutsche Kleinstaaterei nicht wieder zum Leben erwecken, die Erinnerung an die Einheit sei bei allen Deutschen zu stark. Durch eine Zerstückelung, die mit Gewalt oder Zwang aufrechterhalten werden müsse, werde nur der Nationalismus neu geweckt und sogar gerechtfertigt. "Dieses System", so fährt Duverger. fort, "ist um so widersinniger, als es auf einer falschen Grundlage aufbaut. Deutschland war die Hauptgefahr für Frankreich in einem Europa, das praktisch vom Rest der Welt isoliert war. Deutschland ist dies nicht mehr in feiner Welt, in der Europa zur Beute wird, um die sich Amerika und Rußland streiten." So schwebe die Gefahr einer Enteuropäisierung über Deutschland so gut wie über Frankreich und allen Nationen des alten Kontinentes, dessen einzige Hoffnung ein dauerhafter Zusammenschluß sei.

Die Deutschlandpolitik des Generals Clay sei zwar realistischer, aber zu sehr auf das Gegenwärtige und nicht auf das Bleibende gerichtet. Sie gehe aus von der augenblicklichen Teilung Deutschlands und Europas zwischen Ost und West und von der russiscchen Drohung gegen das Abendland. So wolle General Clay ein geeintes Halbdeutschland organisieren und wirtschaftlich aufbauen, damit es seinen Platz im Marshall-Europa einnehmen könne. Damit aber sei eine Hälfte Deutschlands gegen die andere aufgerichtet, jede Hälfte jedoch bewahre die Sehnsucht und die Hoffnung auf Einheit und jede werde dabei versuchen, sich auf ihre Schutzmacht zu stützen. Wie bei dem Projekt von de Gaulle könne dieser Zustand nur durch Zwang aufrechterhalten werden, und hierdurch würde eine amerikanische Vormundschaft erforderlich werden, die sich notwendigerweise auf ganz Westeuropa erstrecken müsse. So würde also unser Europa eines Tages in die Gefahr kommen, das kontinentale Bollwerk der Vereinigten Staaten zu werden. Zweifellos werde es im Augenblick von Amerika beschützt gegen eine russische offene oder getarnte Invasion, zur gleichen Zeit werde es seinen Ruinen, seinem Elend, seinem Chaos entrissen. Doch wenn auch die amerikanische Drohung im Augenblick weniger drängend, ernst und gefährlich sei als die russische, so könnten nur Blinde sich weigern, sie zu sehen. Wer auch den Kontinent beherrsche, Amerika oder Rußland, die europäische Kultur werde dabei zugrunde gehen.