Schon in den Londoner Empfehlungen wird dem Württembergisch-Badischen Grenzproblem ein Vorrang vor den übrigen innerdeutschen Grenzfragen zuerkannte denn hier tritt wohl am augenfälligsten die alle historisehen, und wirtschaftlichen Zusammenhänge brutal ignorierende Willkür der neuen Grenzziehung in Erscheinung. Sogar die gefühlsmäßige, landsmannschaftliche Verbundenheit wird durch einen hüben wie drüben unverständlichen Paßzwang völlig mißachtet. Wenn also bis zum 15. Oktober die anderen Ländergrenzen nicht neu geregelt werden könnten, diese eine wenigstens im Südwesten sollte bereinigt werden. Man sollte diese Erkenntnis, nachdem sie sich bei den Besatzungsmächten anscheinend durchgesetzt hat, bei den deutschen Interessenten erst recht voraussetzen dürfen. Leider trifft diese Vermutung nicht auf alle Verhandlungspartner zu.

Nach dem Abschluß, des Frankfurter Abkommens wurde bekanntlich unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Lüdemann (Schleswig-Holstein) ein Ausschuß zur Regelung der Ländergrenzen geschaffen, der einen aus Vertretern der drei südwestdeutschen Länder Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Südbaden bestehenden Sonderausschuß mit der-Behandlung der württembergisch-badischen Grenzfragen betraute. Dieser Sonderausschuß tagte zum ersten Male auf Schloß Hohenneuffen im Schwarzwald. Man hat ihn seither kurz den "Hohenneuffen-Ausschuß" genannt. Schon in jener ersten, Besprechung ergaben sich weitreichende Meinungsverschiedenheiten, die vor allem durch sachlich nicht überzeugende Vorbehalte des südbadischen Staatspräsidenten Wohleb gegen den Plan eines Zusammenschlusses von ganz Württemberg-Baden bedingt waren. Da man in Hohenneuffen zu keiner Einigung kam, setzte man einen Unterausschuß, den sogenannten Zehnerausschuß, wiederum mit Vertretern aller drei Länder, ein. Er trat am letzten Sonnabend in Karlsruhe zusammen. In etwa achtstündigen Beratungen einigten sich die zehn Delegierten auf die Formulierung gewisser Empfehlungen an den Hohenneuffen-Ausschuß, die im wesentlichen folgende Bedingungen vorsahen:

Gesetzgebung und Rechtsprechung fallen in die Kompetenzen der Regierung, die, schon aus verkehrstechnischen Gründen, ihren Sitz in Stuttgart haben soll. Die Verwaltung wird soweit wie möglich dezentralisiert. Es werden vier Landesbezirke . errichtet: Nord-Württemberg, Süd-Württemberg, Nord-Baden, Süd-Baden, die, sofern erforderlich, auch mit den Rechten von selbständigen Verwaltungskörpern ausgestattet werden sollen. Die Konferenzteilnehmer waren mit dem Ergebnis zufrieden und überzeugt, daß der Hohenneuffen-Ausschuß den Vorschlägen zustimmen werde.

Es kam aber anders. In Karlsruhe nahm wieder Staatspräsident Wohleb an den Beratungen teil und brachte neue retardierende Momente in die Debatte. Wie stark subjektive Beweggründe die Haltung des übrigens auch von seinem eigenen Kabinett nur zum Teil unterstützten Staatspräsidenten bestimmen, verriet eine Bemerkung, die er auf die Frage eines Journalisten machte, der von ihm wissen wollte, ob nach seiner Meinung die südbadische Bevölkerung den Zusammenschluß der drei Länder wünsche. Wohleb antwortete, das werde sehr davon abhängen, ob Baden etwa "nur ein Amtsbezirk von Württemberg" werden solle. Zweifellos kam. der württembergisch-badische Ministerpräsident Dr. Maier der wahren. Volksstimmung näher, als er bemerkte, daß sich Nord-Baden nicht mehr aus der Verbindung mit Württemberg lösen wolle, zumal eine solche Loslösung "Konsequenzen in der Art der Besetzung" nach sich ziehep könnte. Kein Badenser, der unter amerikanischer Besetzung lebt, hat aus überspitzten Heimatgefühlen Lust, etwa die französische Demontagepolitik im eigenen Betrieb kennen zu lernen und seine realen wirtschaftlichen Interessen mit den doch sehr fiktiven Prestigebedürfnissen des südbadischen Staatspräsidenten in einen eventuell kostspieligen Anklang zu bringen. Das wurde denn auch in de Debatte des Hohenneuffen-Ausschusses in Karlsruhe recht vernehmlich zum Ausdruck gebracht.

Die Konferenz in Karlsruhe einigte sich schließlich – ein Spötter sprach, von "des Widerspenstigen Zähmung" – auf die Fortsetzung der Beratungen im Zehnerausschuß. Ihre Ergebnisse sollen bis zum 31. August dem Lüdemannschen Ländergrenzen-Ausschuß übergeben werden. Im Spätherbst könnten die Volksabstimmung. und bald darauf die Gründung des neuen Staates erfolgen. Die Zahl derer, die dabei einem Wohlleben Lebewohl werden sagen müssen, wird gewiß viel kleiner sein als die der anderen, die davon etwas zu gewinnen haben.

Robert Strobel