Die Ernährungsaussichten Westeuropas sind für den kommenden Winter besser als in den voraufgegangenen Nachkriegsjahren. Die eigenen Ernten Europas liegen beträchlich über Vorjahreshöhe, ‘wenn auch durch die Entkräftung der Böden noch nicht der Ansdiluß an die Vorkriegserträge gefunden werden kann. In Übersee sind entweder Rekordernten oder doch weit überdurchschnittliche Erträge zu erwarten. Die USA sehen sich deshalb in der Lage, unter dem Marshall-Plan "erheblich größere Getreidelieferungen als ursprünglich vorgesehen" vorzunehmen, ohne daß daraus zusätzliche Dollarkosten entstehen werden. Denn der bereits, einsetzende Fall der Getreidepreise erlaubt zusätzliche Käufe mit den vorgesehenen Beträgen. Man wird deshalb nicht nur die Brotrationen in Westeuropa erhöhen und die Brotqualität durch weniger scharfe Ausmahlung des Getreides verbessern, sondern auch erhöhte Zuweisungen an Futtergetreide vornehmen können, was dem Wiederaufbau der europäischen Viehbestände zugutekommen wird. Allerdings machen sich in den USA einige Widerstände gegen erhöhte Lieferungen nach Europa bemerkbar, weil dadurch die Preise künstlich hochgehalten würden. Doch diese Tendenzen werden hoffentlich vom Marshallplan-Verwalter überrundet werden. Auch Westdeutschland wird von dieser verbesserten Erntelage erheblich profitieren. Man erwägt bereits ernsthaft, ob auch die Biotrationierung aufgehoben werden kann, während der Beschluß über die Freigabe der Kartoffelversorgung (unter Beibehaltung von Festpreisen) von einer Mehrheit bei den Frankfurter Instanzen befürwortet wird. Nach dem Versagen bei der Bewältigung der Frühkartoffelschwemme durch mangelnde Elastizität bei der Preisgestaltung und dem Unvermögen, die von langer Hand vorbereiteten Einfuhren von Frühkartoffeln abzustoppen, als längst eine ausreichende Inlandversorgung durch die umfassende Rodung nach der Geldreform und den Fortfall der Lieferungen nach-Berlin zu erkennen war, wäre ein rechtzeitiger Beschluß für die Herbstversorgung sehr wünschenswert.

Die freie Versorgung der Bevölkerung mit einem oder gar beiden der Hauptnahrungsmittel Brot und Kartoffeln wäre ein Segen aus der Doppelwirkung von Währungsreform und günstiger Ernte, dessen Bedeutung für die Arbeitsfreudigkeit in der westdeutschen Wirtschaft beträchtlich ins Gewicht fallen würde. Demgegenüber sind die Preisauseinandersetzungen um Obst und Gemüse, die leider von politischen Interessenten allmählich in ein demagogisches Fahrwasser gedrängt werden, von zweitrangiger Natur. Damit soll keineswegs den überhöhten Preisforderungen der Bauern und des Handels das Wort geredet werden. Die Käuferempörung’ gegen diese Preistreibereien ist nicht nur vollauf berechtigt, sie hat auch ihren wichtigen volkswirtschaftlichen Sinn, indem sie die Bauern handfest darauf hinweist, daß auch sie einen wesentlichen Beitrag zur allgemeinen Leistungssteigerung liefern müssen, zu der wir in unserer Armut gezwungen sind. Es genügt nicht, daß sich die westdeutsche Landwirtschaft auf eine intensivere Produktion an Vitaminträgern und in der Viehwirtschaft einstellt. Dies muß auch von einer Be-– triebsintensivierung begleitet sein, die nicht nur aus dem Boden das Mögliche herausholt, sondern dies auch durch den Einsatz von Maschinen und durch beschleunigtes Studium moderner Betriebserkenntnisse in der Landwirtschaft auf die rentabelste Weise tut.

Ebenso wichtig bleibt jedoch die Bereitschaft des Auslandes, uns bis zur Erreichung einer ausgeglichenen Handelsbilanz diejenigen Einfuhren vorzustrecken, die unser Ernährungsniveau auf den Mindeststand bringt, der für die von uns und den anderen angestrebte Arbeitsleistung notwendig ist. Die USA-Regierungskommission von Spezialisten zur Ausarbeitung der Marshall-Plan-Hilfe für die Westzonen, die sich gegenwärtig in Frankfurt aufhält, scheint sich ernsthaft mit dieser Aufgabe zu befassen. Ihr Leiter, der stellvertretende Staatssekretär im USA-Kriegsministerium, Vorhees, machte sich das Gutachten von internationalen Ernährungssachverständigen zu eigen, die den täglichen Nahrungsbedarf der Deutschen zur Wiedererlangung normalen Körpergewichts und zur Sicherung der Kräfte für eine normale Arbeitsleistung auf 2540 Kalorien je Person angegeben hatten. Diese Kommission hatte ermittelt, daß zwar durch die in letzter. Zeit erfolgte Verbesserung der Ernährung in Westdeutschland auf eine Durchschnittsration von 2200 Kalorien (bei einer Normalverbraucherratiom von 1800 Kalorien) der Gewichtsrückgang – zum Stillstand gebracht worden ist. Aber das Durchschnittsgewicht von etwa 59,4 Kilo für die männliche Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 39 Jahren liegt noch erheblich unter dem Normalgewicht von 66,6 Kilo. Selbst dieses unerwünscht niedrige Durchschnittsgewicht könne nur bei einem begrenzten Arbeits volumen gehalten werden. Hier liegt in der Tat eines der wichtigsten Momente für den langsamen Wiederaufstieg der deutschen Industrie. Es ist Vorhees als Verdienst anzurechnen, wenn er erklärte, man müsse dieses Moment fest im Auge behalten, wenn das Wiederaufbauprogramm für Europa Erfolg haben solle. Durch verbesserte Rationen solle der deutschen Bevölkerung Gelegerheit gegeben werden, wieder eine sie selbst erhaltende Produktion zu erreichen. Das USA-Kriegsministerium habe beschlossen, sich ein vollständiges wissenschaftliches Gutachten als Unterlage für das Ernährungsprogramm zu beschaffen, das für die wirtschaftliche Erholung Westdeutschlands festgelegt werden soll. Von deutscher Seite ist dem nur der Wunsch hinzuzufügen, daß bei der Ermittlung dieses Ernährungsprogramms neben der Kalorienrechnung auch die Zusammensetzung der Ernährung gebührend berücksichtigt und insbesondere eine ausreichende Fett- und Fleischversorgung ins Auge gefaßt wird.

Wenn kurzfristig durch die günstigen Ernten hüben und drüben die Aussichten der deutschen und der westeuropäischen Ernährung erheblich günstiger geworden sind, so darf darüber der pessimistische langfristige Ausblick nicht vergessen werden. Der britische Ernährungssachverständige von internationalem Rang, Sir John Boyd Orr, hat kürzlich erneut auf die ernsten Probleme warnend hingewiesen, die sich der Ernährung der Welt stellen. Sein Urteil geht dahin, daß die Sicherstellung von 2600 Kalorien täglich für die wachsende Bevölkerung der Erde in den nächsten 25. Jahren eine Steigerung der gegenwärtigen Nahrungsmittelproduktion der Welt um nicht weniger als 110 v. H. erfordere. Das ist eine sehr beängstigende Ziffer, wenn man an die höchst unzulänglichen Vorbereitungen für diese Aufgabe, an die viel zu geringen Maßnahmen zur Bekämpfung der Bodenerosion in den USA und anderwärts denkt. Der Ausweg liegt in einem umfassenden Einsatz von landwirtschaftlichen Maschinen auf allen Gebieten der Nahrungserzeugung in der gesamten Welt. – Auch von diesem Aspekt her wird der Zwang für die deutsche Landwirtschaft deutlich, die weitgehend fortgefallenen Preisgarantien nicht durch Preise treibereien zu ersetzen, die schon jetzt an dem Wall unserer Armut zerschellen, sondern stattdessen den Anschluß an die Kostensenkung zu finden. eg.