Zum ersten Male seit 1937 fand wieder ein Internationaler Psychologenkongreß – der zwölfte seines Zeichens – statt, und zwar in Edinburg. DieTatsache, daß auch neun deutsche Gelehrte dazu eingeladen worden waren, ist immerhin bemerkenswert. Insgesamt waren 658 Teilnehmer erschienen; es fehlten Vertreter Rußlands, Polens; der Tschechoslowakei, Jugoslawiens und Griechenlands-

Bei den Referaten standen zumeist Spezialthemen. im Vordergründe, wie die Lokalisation seelischer Funktionen im Hirn, Wahrnehmungsvorgänge, Fragen der Gesamtpersönlichkeit, Kinderpsychologie, Sozialpsychologie, industrielle Psychologie, Testmethoden und so weiter. Darüber hinaus jedoch war von allgemeinem Interesse, welche Wege man in den verschiedenen Ländern eingeschlagen hat, menschliche Entwicklung und menschliches Verhalten aufzuhellen, und wie weit man dabei gekommen ist.

Am auffälligsten ist die Entwicklung in Amerika. Dort ist die Psychologie heute fast populär. Der Amerikaner, trifft kaum mehr eine wesentliche Entscheidung, ohne-sich der Hilfe der Psychologie zu bedienen. Allenthalben wird "getestet", in der Schule, bei der Berufswahl, beim Eintritt in die Wehrmacht, bei der Eheschließung, im Krankheitsfälle, bei Gericht, beim Sport, in der Kunst, in der Politik! Psychologische Probleme haben geradezu Sensationscharakter – wie einst Goldsuchergeschichten, naturwissenschaftliche Entdeckungen oder Kriminalmotive Bücher, Filme und Theaterstücke handeln mit Vorliebe davon. Eine bevorzugte Stellung nimmt in der amerikanischen Psychologie die mathematisch-statistische Methode ein, mit deren Hilfe man hofft, den großen unbekannten Faktor X, der bisher das praktische Verhalten des lebendigen Menschen unberechenbar macht, soweit wie möglich einzuschränken. Es wurde in Edinburg auch, tatsächlich eine Reihe von überzeugenden Ergebnissen vorgelegt. Uns Deutschen aber scheint diese Methode wenig gelegen zu sein – sie entfernt sich oft vom Glutvollen Leben. Dagegen wirft man der deutschen charakterologischen Methode (Analyse des menschlichen Ausdrucks, etwa der Mimik, der Bewegungen, der Handschrift) vor, sie sei ungenau und "mystisch". Der Verfasser dieser Zeilen berichtete über seine psychosomatischen Untersuchungen in der Eppendorfer Universitätsklinik. Als dabei das rein subjektive Erlebnis der Ausweglosigkeit als eigentliche Ursache für manche organische Schäden beschrieben wurde, stimmten auch die in der psychosomatischen Forschung weit fortgeschrittenen Amerikaner spontan zu, aber sie fragten sofort nach Statistiken und psychologischen Bewertungspunktzahlen. Auch die Franzosen stehen der Zahl fern. Sie sind wohl die besten Psychologen, geborene Menschenkenner mit feinem Sinn für individuelle Nuancen, kaum je in Gefahr, die Grenzen der Psychologie zu verkennen und dem Phantom. einer vollständigen Enträtselung der menschlichen Existenz nachzujagen.

Besonders eindrucksvoll für uns Deutsche war die Feststellung, daß die glanzvolle Position der deutschen Psychologie aus der Zeit vor dem Weltkriege 1914 bis 1918 unzerstört ist. Unvergeßlich war es für einen jüngeren Vertreter der Psychologie, die "Senioren" des Faches aus den verschiedenen Ländern einträchtig beieinanderzusehen. Viele sind durch die Stumpf sehe Schule in Berlin um die Jahrhundertwende gegangen und haben dort exakt zu experimentieren gelernt. In einem umfassenden Bericht über die heutige Lage der Psychologie in Amerika interessierte besonders die erste detaillierte. Schilderung der Ausleseverfahren für die amerikanische Wehrmacht, die speziell in den Instituten des Referenten – Langefeld (Princetown) – entwickelt wurden – und mit Erstaunen erkannte der Fachmann darin die Grundlehren von Stumpf wieder, die Langefeld (er war 1906 als amerikanischer Militärattache in Berlin) damals studierte! Ebenso leuchtet bei den englischen Vertretern immer wieder die Leipziger Schule von Wilhelm Wundt auf.

Vom Generalsekretär des Kongresses, Professor Godfrey Thomson (Ordinarius an der Edinburger Universität) in besonders herzlicher Weise begrüßt, brachten wir aber auch "handgreifliche" Erfolge vom Kongreß mit: Beauftragte der UNESCO ließen sich ein Bild über den Stand der deutschen psychologischen Forschung geben und sagten finanzielle Hilfe zu! Wir haben in Deutschland viel nachzuholen. In der Welt ist die Psychologie inzwischen ein wesentlicher Faktor der kulturellen Fortentwicklung geworden, Ihre Auswirkung in den Bereichen der Erziehung, der Wirtschaft, der Medizin, der Religion, der Politik und der Kunst ist in vielen Ländern kaum noch wegzudenken, und man darf von ihr erwarten, daß sie ein geeignetes Korrektiv untragbarer Fehlentwicklungen der Menschheit werden wird.

Das Internationale Komitee, dem – bisher als Deutscher nur Professor Kafka (Würzburg) angehörte und in das jetzt noch Professor von Allesch (Göttingen) gewählt wurde, beschloß, den nächsten Kongreß 1951 in Stockholm abzuhalten. . Gerhard Munsch