Schäferdiek-Uraufführung: "Jedermann 1948"

Köln beging die 700jährige Wiederkehr des – Domgründungstages in großem Rahmen kirchlicher Feiern, des Pontifikal-Hochamtes und den Prozession mit dem päpstlichen Legaten undden Kardinälen der Welt. Aber auch die Kunst feierte das Ereignis. Zumal die theatralischen Manifestationen dieser in Trümmern jubilierenden Stadt gewannen besonderes. Gewicht. So gab es im reichen Festspielplan der Bühnen die Uraufführung von Willi Schäferdieks "Jedermann 1948". Das war ein Zeitstück aus tiefem, ernstem Wollen, und doch ohne eigentliches künstlerisches Erlebnis.

Schäferdiek erzählt die Geschichte des "reichen Mannes" –, in Knüttelversen und Songreimen, aber seine Verse sind, papierschlicht, allzu schlicht, nicht holzschnittartige Rhythmik. So blieb die beabsichtigte Aufrüttelung aus, weil sie zu willentlich gefordert ward. Die Musik von Kurt Stiebitz unterstrich vor allem in bordellartigen Orgien dreigroschenopernhaft die Akzente des Textes. Die Regie-von Friedrich Siems tat, was sie konnte, unterstützt von einem geschickten Bühnenbild Walter Gondolfs und der kostümkundigen Wera Schawlinsky. Aus dem Ensemble ragten der nach Hamburg verpflichtete Gast Caspar Brüninghaus als ungemein vitaler, ja in seiner Not ergreifender Jedermann, René Deltgen als metallisch harter unheimlicher Tod und der hochbegabte junge Rolf Henniger als sterbender Heimkehrer heraus. Aber die Problematik Ist nicht mehr die von heute, sondern schon die von gestern. Bordellorgie, Schwarzmarkt und Lebensgier um jeden Preis – das "Wunder" der D-Mark hat uns vor andere, freilich, nicht weniger gefährliche Probleme gestellt. Der "Jedermann 1948" hat heute schon ein aderes Gesicht. Gerd Vielhaber

Ohnmacht des Geistigen

Als das Dritte Reich und sein Zwangssystem zusammenbrachen, hofften die geistigen Menschen in Deutschland, daß das geistige Schaffen sich ohne Rücksicht auf politische Zweckmäßigkeit frei entfalten könnte. Aber der Traum einer Entpolitisierung des deutschen Lebens war eine schöne. Illusion. Arglos hatten deutsche Verleger in der Ostzone antikommunistische. Bücher zu drucken begonnen; ebenso wurden in der Westzone Werke von kommunistischen Dichtern Westzone Erst allmählich wurde den Dichtern häusern bewußt, daß der Geist nicht frei wehen durfte und daß die Bindungen der geistigen Bewegungsfreiheit an Fragen der politischen Zweckmäßigkeit auch in dem vom Nazismus befreiten Deutschland wieder eine Rolle zu spielen begannen ... Das Buch wurde wieder nach seinempolitischen Nutzwert betrachtet und unter diesen Gesichtspunkten gefördert oder abgelehnt. Heute haben sich fast schön zwei Literaturen herausgebildet: eine östliche und eine westliche; die eine mit konservativem und liberalem Ideengut, die andere mit ausgesprochen marxistisch-leninistischen Tendenzen ... Es hat etwas tief Ergreifendes, wie die deutschen Gelehrten und die deutschen Künstler, nicht zuletzt die deutsche Jugend, versuchen, sich der Politisierung zu entziehen. Die große Gefahr der Politisierung besteht darin, daß die Ohnmacht des Geistigen und Künstlerischen gegenüber Staatsautorität und Polizei dazu führt, die Ehrfurcht vor dem Walten des Geistes in den Massen zu zerstören, und daß damit die zynische Nazilehre von der Omnipotenz der Macht wieder an Kredit gewinnt..."

Basler Nachrichten

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