Die JEIA hat allen Hohn geerntet, den sie verdient. Die Geschichte von der reizenden jungen. Amerikanerin, die als Beauftragte der JEIA in Schweden Zellulose einkaufen wollte, unter Umgehung des deutschen und schwedischen Export- und Großhandels, unmittelbar von der Fabrik – das ist doch viel billiger, nicht wahr? – hat die Runde durch die Kontore der europäischen Handelshäuser gemacht. Die Amerikaner selbst beginnen sich darüber zu wundern, daß aufgerechnet ihre Vertreter in Deutschland das russische Außenhandelsmonopol imitieren und die Erfahrung der deutschen Im- und Exporthäuser mißachten. Langsam setzt sich der Individualexport gegen die totalitären Lenkungsmaßnahmen durch.

Gerade jetzt wollen nun anscheinend maßgebliche deutsche Stellen beweisen, daß die JEIA es doch ganz richtig gemacht hat, daß man die gewachsenen Handelswege ohne Gefahr mißachten und neue Organisationen mit staatlicher Hilfe aus dem Boden stampfen kann. Eine süddeutsche Denkschrift, deren Verfasser besser ungenannt bleibt, will endlich damit aufräumen, daß die meisten deutschen Importe, vor allem an Lebensmitteln, nicht von Handelshäusern, im Binnenlande, sondern über Hamburg und Bremen getätigt werden. Jedes Land, so wird hier gefordert, müsse in Zukunft soviel Getreide, Zucker und Südfrüchte importieren, wie seine Einwohner verbrauchen. Importquoten in entsprechender Höhe seien den Ländern für Firmen ihres Gebietes zuzuteilen. Begründung: jedes Land müsse selbst an den Importen verdienen, die.seine Einwohner verzehren. – Man kann alle Regierungen, an die solche Pläne herangebracht werden, nur dringend warnen. Sie werden von den Interessenten mißbraucht; die Zeche wird die Bevölkerung zahlen. Einfuhrplätze, wie sie sich an der Nordseeküste von Hamburg bis Antwerpen aneinanderreihen, entstehen nicht durch Zufall. Besondere geographische Lage im Mündungsgebiet großer Ströme, Bereitschaft und Eignung der Bevölkerung, die Meere zu befahren, dabei große Risiken einzugehen bei entsprechender Kapitalkraft, sind einige der Voraussetzungen. In vielhuridertjähriger Arbeit haben sich die Handelshäuser als differenzierte Gebilde entwickelt. Es ist ja kein Zufall, daß bestimmte Firmen seit ihrer Gründung nur mit ganz bestimmten Überseemärkten arbeiten. Ein Kenner unterscheidet an seinem Auftreten einen Ostasienkaufmann von dem Mittelamerikahändler. Nicht zufällig kommen die Kaufleute aus aller Welt, die sich heute wieder für Deutschland interessieren, zuerst und vor allem nach Hamburg und Bremen. Man kennt den anderen und ist selbst bekannt. Man ist kreditwürdig, was etwas anderes heißt, als daß man ein reicher Mann sei.

Seehandelsplätze sind Bestandteile des Weltmarktes, sie sind die Gelenke zwischen ihm und den Binnenmärkten. Hier entwickeln sich die Börsen als billigstes Mittel des Ausgleiches zwischen Käufer- und Verkäuferinteresse. Wir haben als Rest der staatlichen Planwirtschaft noch keine Terminmärkte. Sie werden aber spätestens mit der Wiederaufnahme des Transithandels wiederkommen. Das von seiner Regierung lizenzierte badische Einfuhrhaus muß dann also den Bedarf seines Landes am Getreideterminmarkt decken. Wie stellt man sich das ohne Verlust vor?

Binnenhandel und Transithandel gehören auch zusammen. Manche Partie läßt sich mit gutem Nutzen im Transit weiterverkaufen, wenn sich inzwischen die Lage am Binnenmarkt geändert hat. Glaubt man wirklich, daß, von besonders gelagerten und natürlich gewachsenen Ausnahmen abgesehen, die Binhenfirmen sich in dieses System einfügen, etwa von Stuttgart aus brasilianischen Kaffee nach Schweden verkaufen können? Demnächst wird man dann fordern, daß die Ware, auch unter der Landesflagge von Reedereien des Landes eingeführt werden müsse. Also etwa eine Schleswig-Holsteinische Navigationsakte!

Man weiß, wie sich solche Versuche entwickeln. Sind erst einmal die neuen Handelsunternehmungen entstanden, so müssen sie bei der ersten Krise gestützt werden. Sie verlangen staatliche Kreditgarantien, die dann schneller als erwartet in Anspruch genommen werden. Der Überseehandel verlangt ja erhebliche Investitionen, wie etwa für Bau und Unterhaltung von Kühl- und Lagerräumen. In Bremen und Hamburg ist das alles schon vorhanden; will man es noch einmal neu aufbringen? Es sollte zu denken geben, daß die Schweiz sich ganz sorgfältig von solchen Experimenten ferngehalten hat-und dabei gut gefahren ist.

Man kann aus den deutschen Ländern keine selbständigen Volkswirtschaften machen. Der Versuch wäre der schwerste. Schlag für den föderalen Gedanken, weil er dessen Möglichkeiten überspannt. Die Benelux-Staaten bemühen sich gerade unter heftigen Wehen, ihre Nationalwirtschaft zu erweitern. Gesamteuropa als einziges Wirtschaftsgebiet ist eben groß genug, um den Giganten, USA und Rußland, im Wettbewerb standhalten zu können. – Und dann "hessischer Außenhandel"? Gerd Bucerius