Sinkt die Kaufkraft trotz steigender Leistung, wenn die Bevölkerung der Erde wächst! Und führt das "Selbst-Essen" der wachsenden Bevölkerung in Ländern, die bisher Agrarüberschüsse exportierten, zur Autarkie? – Diese Fragen werden ernsthaft von manchen Theoretikern der Weltwirtschaft bejaht. Hier wird am Beispiel Weizen gezeigt, daß Bodenerträge und Preise viel stärker als der Bevölkerungszuwachs diese Tendenzen beeinflussen.

Die räumliche Verteilung der Menschen über die Erde ist einer der wesentlichen Bestimmungsgründe für die Struktur der Weltwirtschaft. Neben den wichtigen Rohstoffländern sind es vor allem die Gebiete großer Bevölkerungsmassierungen, die Richtung und Intensität der Warenströme bestimmen. Allerdings besteht kein zwingender Zusammenhang zwischen Bevölkerungszahl und Intensität der weltwirtschaftlichen Verflechtung. Der Welthandelsanteil mancher Länder liegt weit über ihrem Bevölkerungsanteil. Bei typischen Handelsländern, wie z. B. den Niederlanden, oder hochentwickelten Industrieländern, wie Belgien, ist das der Fall.. Demgegenüber bleibt dort, wo die natürliche Ausstattung mit Rohstoffen und Bodenschätzen ein höheres Maß von Weltmarktunabhängigkeit – erlaubt, wie bei den USA, die Bedeutung der Außenhandelsumsätze hinter der des Binnenmarktes weit zurück. In anderen Fällen sind es, abgesehen von historischen Bedingtheiten der Entwicklung, wirtschaftspolitische oder staatspolitische Überzeugungen, die ein großes Maß von Selbstgenügsamkeit erzwingen.

Da die räumliche Verteilung der Weltbevölkerung im Laufe der Zeit großen Veränderungen unterworfen war, ist auch die Entwicklung des Welthandels von dieser Seite her stark beeinflußt worden. So brachte das 19. Jahrhundert entsprechend einer bisher nicht gekannten Steigerung der Bevölkerungszahl nicht nur eine allgemeine gewaltige Ausdehnung des Welthandels mit sich, sondern gleichzeitig ein überproportionales Anwachsen der von den Ländern des angelsächsischen Kulturkreises getätigten Welthandelsumsätze, entsprechend ihrer überproportionalen Bevölkerungs Vermehrung. Während sich die Einwohnerzahl Europas trotz hoher Auswanderungsverluste von 1800 bis 1920 nicht ganz verdreifachte, stieg die Bevölkerung von England und Wales auf das Vierfache an; die Zahl aller englisch-sprechenden Menschen wuchs sogar auf das Neunfache. Der Welthandelsanteil dieser Länder wäre wahrscheinlich noch erheblich stärker gestiegen als es tatsächlich der Fall war,-wenn der Bevölkerungszuwachs nicht zum größten Teil auf die USA entfallen wäre, die damals noch überwiegend mit der Erschließung des Binnenmarktes beschäftigt waren.

Diese steigende Tendenz hat auch während der letzten Jahre angehalten. Die Zahlenangaben hierüber schwanken, da man für große Teile der Erde, wie z. B. für China, noch immer auf ziemlich vage Schätzungen angewiesen ist. Immerhin dürfte die für den Zeitraum von 1937 bis 1947 genannte Vermehrung der Weltbevölkerung um etwa 150 Millionen Menschen den Tatsachen entsprechen. Es ergibt sich daraus, bei einem Ausgangsstand von etwa 2,1 Milliarden, ein Zuwachs von etwa 7 v. H.

150 Millionen Menschen mehr, das sind, in den Augen der übrigen Welt, in erster Linie 150 Millionen neue Esser! Es liegt nahe, und es ist auch tatsächlich geschehen, die Verknappung an den Weltlebensmittelmärkten mit dieser Tatsache in Zusammenhang zu bringen. Da die Bevölkerung in den bisherigen Agrarüberschußländern neukapitalistischer und halbkolonialer Prägung stark angestiegen ist – so argumentiert man –, seien weniger Überschüsse für den Export verfüglich. Insbesondere’ die Weltfettknappheit ist so begründet worden. Aus diesem Mengenproblem, leitet man sodann ein weiteres, ein Wertproblem ab: Die Verringerung der Exportüberschüsse bedeute sinkende Kaufkraft jener "volksstarken" Gebiete für industrielle Güter, und sie enthalte in sich den Zwang, die eigene Industrie in verstärktem Maße aufzubauen: Eine wltwirtschaftliche Desintegration, eine Verstärkung der Autarkie–Tendenzen wäre also nach dieesr Auffassung die Folge der Bevölkerungsvermehrung.

Wenn ein Zusammenhang der vorstehend angedeuteten Art zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelexporten bestellen sollte, so ist er in erster Linie bei den Gütern des lebensnotwendigen Bedarfs, dagegen kaum bei den Genußmitteln des gehobenen Konsums zu erwarten. Unter diesem Gesichtspunkt kommen die wichtigsten Mangelgüter, Weizen und Fett, als Untersuchungsbeispiele in Frage. Da die Bevölkerungsentwicklung der "großen" Fetterzeugerländer jedoch nicht statistisch exakt erfaßt ist, werden im folgenden die angedeuteten Fragen am Beispiel des Weizens untersucht.

Betrachten wir zunächst das Mengenproblem! Die Rückführung der Getreideknappheit auf das Bevölkerungswachstum der Haupterzeugerländer USA, Kanada, Argentinien und Australien – sie weisen zusammen einen Zugang von über 20 Mill. Menschen auf – erscheint im ersten Augenblick sehr beweiskräftig, denn es ist. naturgemäß ein großer Unterschied, ob eine Bevölkerungszunahme in erster Linie auf "Erzeuger" oder "Verbraucher" entfällt, genauer ausgedrückt: auf Export- oder Importländer. Entfällt der Zugang primär auf die ersteren, würden also die neuen Esser an der Quelle sitzen, so würden sie naturgemäß erst ihren vollen Bedarf decken, ehe sie ihren Überschuß exportieren. Entfallen die neuen Esser dagegen in erster Linie auf die Importländer, so wären die Konsequenzen ganz andere: Bei annähernd gleichmäßiger Stärke der Konkurrenten würde die Verknappung gleichmäßig auf alle verteilt, bei ungleichmäßiger Stärke würde dagegen insbesondere den Schwachen der Brotkorb höher gehängt.