Von Christoph Dönhoff

Zwölf Nationalparks in einer Gesamtgröße; von etwa 14 000 qkm sollen in den nächsten drei Jahren in den landschaftlich schönsten Teilen Englands eingerichtet werden. Dies ist der Vorschlag eines Komitees, das von der britischen – Regierang 1945 gebildet wurde, und dessen Kommissionsbericht uns jetzt erreicht hat. Die Kosten des Projekts sind zunächst mit insgesamt fast 10 Millionen Pfund (also ungefähr 200 Millionen D-Mark) angesetzt, und die laufenden Unterhaltskosten der Nationalparks sollen jährlich 750 000 Pfund (rund 15 Millionen D-Mark) betragen. Dieses Programm, das an Großzügigkeit nichts zu wünschen übrig läßt, ist von derselben positiven Einstellung gegenüber dem Naturschutzgedanken getragen wie die Pflege der berühmten Nationalparks in den USA, die sich die amerikanischen Steuerzahler bereitwillig 150 Millionen Dollars im Jahr kosten lassen. England war bisher in der frage der Naturschutzgebiete und Nationalparks hinter anderen europäischen Nationen, vor allem hinter Deutschland, Schweden, Frankreich und Polen, erheblich im Rückstand. Nun hat es sich mit den neuen Vorschlägen an die Spitze aller Völker gesetzt. Werden sie angenommen und zum Gesetz gemacht, so wird England etwas für den ganzen Kontinent Vorbildliches geleistet haben.

Naturschutzparks in England? Man kann natürlich in einem so dichtbesiedelten Land nicht 14 000 qkm von aller menschlichen Aktivität ent- – bloßen, man kann hier keine Gebiete schaffen, in denen urtümliche Natur, vom Menschen unberührt und unbelästigt wirkt und webt. Aber was man kann – und was in diesem Fall auch geplant ist – das ist der Versuch, Teile des Landes als Nationalparks auszugrenzen, in denen eine von biologischen und ästhetischen Erkenntnissen inspirierte Spezialverwaltung die Planungder zukünftigen Entwicklung. mit allen notwendigen Vollmachten übernimmt. Ihre Aufgabe wäre es dabei, den Charakter und die Schönheit der Landschaft zu erhalten, indem sie geschmacklose Bauten und Einrichtungen entfernt oder verdeckt, eine Verschandelung der Gegend durch häßliche Zweckbauten von Industrieanlagen, durch Oberflächenabbau von Kohle und Steinen, durch aufdringliche Außenreklamen verhindert, die Forstwirtschaft, Aufforstungen und Landwirtschaft mehr nach Gesichtspunkten der Landschaftsgestaltung als nach, solchen des wirtschaftlichen Ertrages ausrichtet, im übrigen aber das alteingesessene Bauerntum erhält, und weiterarbeiten läßt. Nach deutschen Begriffen also nur eine Art intensivierten Landschaftsschutzes. Dabei soll alles dies nicht Selbstzweck sein, sondern der Sinn dieser Nationalparks wird darin liegen, sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen, um der verstädterten Menschheit Erholung, Heimatliebe und Verständnis für die natürlichen Zusammenhänge uhd Gesetzmäßigkeiten allen Seins – zu vermitteln. Hierin liegt – auch für den Naturschutzfachmann – eine interessante Weiterentwicklung. Bisher wurde die Einrichtung von Naturschutzgebieten in Europa überwiegend von Wissenschaftlern und für wissenschaftliche Zwecke propagiert, und man sah nicht gern, wenn "natura geschützte" Landschaften Besucher anzogen. In Amerika andererseits, wo bereits vor 75 Jahren der Begriff des "Nationalparks" geboren wurde – wer denkt nicht an den weltberühmten Yellowstone Park! – ist man bei der Einrichtung solcher Gebiete immer viel stärker von sozialen Gesichtspunkten, um nicht zu sagen: von solchen der Volksbelustigung ausgegangen. Die großen Naturschutzgebiete des afrikanischen Kontinents wiederum – wie der Kreugerpark in Transvaal und 150 weitere umfangreiche Reservate . – gehen eindeutig auf jagdliche Erwägungen zurück. Mit den neuen englischen Plänen aber wird nun auch die europäische Entwicklung des Naturschutzes in Zukunft stark in die Soziale Richtung der amerikanischen Konzeption gedrängt werden, ein Vorhaben, das als eine Ergänzung zur bisherigen Praxis sicher zu begrüßen ist.

Das Wichtigste an dem englischen Plan jedoch ist die Einsicht, daß die Neuordnung unseres Lebens nicht vom Organisatorischen allein herkommen kann daß bessere Staats- und Gesellschaftsformen, neuartige Versionen von Planwirtschaft, Währungsstabilisierung oder Freihandel allein keine gründliche Lösung bedeuten können, sondern daß es zugleich darauf ankommt dem einzelnen Menschenwesen zu helfen, damit seine materiellen Erwerbs- und Existenzkampfinstinkte gelegentlich ein wenig in den Hintergrund gedrängt und seine geistige und seelische Umwelt belebt werden. Dafür ist der innige Umgang mit der Natur, das Sich-Einfügen in ein organisches Schöpfungsganzes einer der aussichtsreichsten Wege.

In Deutschland ist die große Kraft des Naturschutzgedankens schon vor langer Zeit, erkannt worden. Und dennoch stehen wir heute, da; wir mit den aus dem Osten unserer Heimat Vertriebenen im Westen auf kleinem Raum zusammengedrängt sind, auch hier vor schier unüberwindlich erscheinenden Schwierigkeiten. – Um die hoch vorhandenen Schutzgebiete legt sich der Würgegriff der Wirtschaft, die selbst Not leidet. Auf den geschützten Hochmooren sind die Torfstecher am Werk, in den letzten Urwaldstücken des Landes werden die riesigen Buchenstämme für den Export geschlagen, das Unterholz wird durch Traktoren vernichtet, Heideflächen werden angesiedelt oder dienen als Truppenübungsplätze. In dieser Bedrängnis aber sollte gerade uns Deutschen der englische Plan eine Ermutigung sein: Man kann Naturschutz überall und unter fast allen Bedingungen treiben, im europäischen Kulturlandschaften und der Umgebung der •Städte so gut wie in afrikanischen Savannen und kanadischen Urwäldern. Nur die Methoden indem sich je nach den Umständen. Auch für uns Deutsche kann die Aufgabe nicht hoffnungslos sein, wenn unsere Regierungen und Parlamente in gleicher Weise wie die englische Fühlung den Wert des Naturschutzes für unser Volk einsehen und danach handeln. Der Einwand, daß wir uns solchen "Luxus" unter den heutigen Umständen, nicht leisten könnten, wäre ein falsches Argument. Auch England ist dicht bevölkert und hat Jahrhunderte intensiver Bodenkultur hinter sich. Und wenn heute, mitten in die englische Wirtschaftskrise hinein ein Zehn-Millionen-Pfund-Projekt für die Naturschutzentwicklung propagiert und vom Volk selbst begeistert begrüßt wird, dann bedeutet dies die zum Gemeingut aller denkenden und fühlenden Menschen gewordene Sehnsucht und Erkenntnis, daß das Wiederhineinstellen des modernen Menschen in die Harmonie des natürlichen Schöpfungsgefühls genau so wichtig, ist wie Wiederaufbau und Modernisierung der Fabriken!