Lübeck ist die mit Flüchtlingen am höchsten belegte deutsche Großstadt. Es schälen sich daher hier am frühesten hinsichtlich der Flüchtlinge jene Tatbestände heraus, die als symptomatisch gewertet werden müssen. So ist auch zweifellos – der folgende Vorfall zu werten: Im größten Kino der Stadt hielt der Haus- und Grundbesitzer-Verein seine Mitgliederversammlung ab. Und dort zog der Vorsitzende gegen die Flüchtlinge vom Leder, wie dergleichen bisher nicht gehört wurde. Offenbar in einer Art von "Hausbesitzerwahn" – oder war es "Vorsitzenderwahn"? – Erbost behauptete er, die Flüchtlinge hätten sich "in keiner Weise der norddeutschen Wohnkultur angepaßt" ...

"Norddeutsche Wohnkultur" ist eine gute Sache. Wie aber, wenn – was sich in Lübeck jederzeit beweisen läßt – fünf Personen in einem mäßig großen Zimmer hausen? Auch dürfte, der Zaubermeister noch gesucht werden müssen, der mit übereinandergestellten Luftschutzbetten und einem Gerümpel von Inventar, das bis zum Jahre 1945 im Keller eines lübschen Hauses seinen Dornröschenschlaf schlief und dann den Flüchtlingen gnädig überlassen wurde, die "norddeutsche Wohnkultur" zuwege bringt. Die Behauptung des Mannes, der da im Namen der Lübecker Hausbesitzer sprach, ist angesichts des unbeschreiblichen Flüchtlingselends in Lübeck so grotesk, als redete ein Mann im Smoking unter lauter Nackten ernsthaft von dem Problem, wie seine Krawatte zu knüpfen sei. Ganz offensichtlich läßt der Besitz heutzutage manche Leute hysterisch werden. Die Flüchtlinge hatten,als sie ihrerseits ihren Besitz verloren, keine Zeit, sich hysterisch zu gebärden, alldieweil ihnen die Bomben ganz dicht auf den Weg fielen oder weil auf ihrem Haus- und Grundbesitz gerade Panzerschlachten stattfanden, die auch der Besitzwütigste nicht mit Protestreden aufhalten konnte.

Wohl denen, die noch etwas besitzen. Es lebt sich bedeutend schlechter mit^-dem Nichts im Rücken, wie es das Los der Flüchtlinge ist. jenem "Ersten Vorsitzenden" aber möchte Iran wünschen, daß er einmal die Kur mitmacht die dem Geringsten unter den Flüchtlingen widerfahren ist. Dann hat er sicher auch keine Worte mehr, so krauses Zeug zu reden. -us.