Auf zehn Tage war die Verhandlung gegen Dr. Hjalmar Schacht vor der Berufungskammer des Internierungslagers 77 in Ludwigsburg bemessen worden. Nun dauert sie schon die dritte Woche. Immer neue Sachverständige und Zeugen werden gehört. Ein Berg von Dokumenten ist zu bewältigen. Sieben Bände Verfahrensakten von je 200 Seiten aus der ersten Instanz, sechzehn Bände Beweisurkunden, teilweise aus dem Nürnberger Prozeß, Stöße von

Literatur und die Reden des Betroffenen aus allen Jahren seines Wirkens. Seit die Verteidigung eine neue Beweisaufnahme durchgesetzt, hat, gibt. dieses riesige Material dem Prozeß sein Gepräge: eine Häufung komplizierter, teilspraktischer, teils wissenschaftlich-theoretischer Themen aus dem für einen Laien schwer zugänglichen Gebiet des Geldwesens, der Finanzierung und der Bankstrategie. Am Material liegt es auch, wenn die Verhandlung im ehemaligen Pferdestall des Kasernenkomplexes, der hinter Draht heute als Läger dient, zuweilen das Bild eines Schauspiels mit ungleichen Partnern bietet. Auf der einen Seite die Kammer, die sich nach besten Kräften um. die Durchdringung des schwierigen Stoffesmüht, auf der anderen Seite, der Betroffene, der diesen Stoff beherrscht wie ein Virtuose sein Instrument.

Während die Kammer unter dem Vorsitz des umsichtigen, gewissenhaften Dr. Skubich von Beweisstück zu Beweisstück, von Dokument zu Dokument voranschreitet, um durch die finanzpolitischen Drahtverhaue zur Mitte des Prozesses vorzustoßen – zu der entscheidenden Frage nämlich, ob das deutsche Schicksal ohne die Mitwirkung Dr. Schachts vor und nach 1933 anders, verlaufen wäre – steht der Betroffene bereits in diesem Mittelpunkt und findet, mit jedem angeschlagenen Thema ein neues Argument für seine verneinende Antwort. "Ich habe nicht für Hitler oder die Nationalsozialisten gearbeitet", sagt der 71jährige, "sondern mit und gegen Hitler für Deutschland."

Zuweilen entsteht der Eindruck, als brauche dieser Mann, der mit überraschender geistiger Elastizität jeder Phase des Prozesses folgt, überhaupt keinen Verteidiger. Aber dann kommen Momente, in denen die wichtige Funktion des im Ton umgänglichen, in der Sache unerbittlich scharfen Dr. Schwamberger deutlich wird. Jedesmal wenn das noch immer erstaunliche Temperament des Weißhaarigen – es sind jetzt 4 Jahre, die er in Haft verbracht hat, von den Konzentrationslagern Ravensbrück und Flossenburg über das Gerichtsgefängnis in Nürnberg zum Lager 77 – seinen Replikeneine allzupersönliche Note gibt, übersetzt er die individuelle Perspektive ins Überpersönliche – mehr Interpret als Anwalt.

Aus den summarischen Vorwürfen der Unterstützung Hitlers, einer Beteiligung an der Vorbereitung des Krieges und des persönlichen Opportunismus haben sich ein paar Schwerpunkte herausgelöst: die Aufrüstung, die Kreditschöpfung mit Hilfe der Mefo-Wechsel, die Loyalität gegenüber den Machthabern des Dritten Reiches, der Widerstand in passiver und aktiver Form. Zu jedem dieser Themen sprechen Zeugen der Klage und der Verteidigung, aber in allen wesentlichen Punkten werden, auch die Zeugen der drei öffentlichen Kläger zu Fürsprechern der Schacht’schen Politik und damitzu Entlastungszeugen, an der Spitze die Professoren Adolf Weber aus München und Noll von der Nahmer aus Frankfurt. Im langwierigen Verlauf von Frage und Antwort, Verlesung und Zitat entsteht das Bild eines Mannes, der HitlersWirtschaftspolitik inspiriert hat, um mit einer wirtschaftlichen Gesundung die bürgerliche Mitte gegen die Infektion des Radikalismus zu stärken; der den Beginn der Aufrüstung finanzierte, um auf diese Weise die Wiederbeschäftigung – von sieben Millionen Arbeitslosen zu erreichen; der dann, als er sah, daß die defensive Linie verlassen wurde, die Aufrüstung bremste, und der schließlich zum Verschwörer wurde, weil nur der Sturz der Machthaber der Vernunft wieder zum Recht verhelfen konnte.

Unter diesen Bedingungen drängt sich die Frage auf, die wir Dr. Schacht stellten: "Wo sehen Sie jetzt Ihre innerdeutschen Gegner – jetzt, nachdem die Amerikaner erklärt haben, an Ihrer Festhaltung kein Interesse mehr zu haben?" Die Antwort lautete: "Bei den Parteien und Politikern, die vor 1933 meine Ratschläge nicht befolgt haben. Sie haben damit Fehler gemacht. Die Fehler hatten zur Folge, daß Hitler kam. Und jetzt verstecken sich diese Politiker hinter dem Großfall Schacht."

Noch keine These der Anklage ist unbeantwortet geblieben. Zur Aufrüstung sagt Schacht, sie sei nicht gleichbedeutend gewesen mit dem Prinzip einer offensiven Politik. Hätte das Reich, wie es, durch Kabinettsbeschluß bekräftigt war, die Mefo-Wechsel eingelöst, so hätte die Finanzlage keinen weiteren Ausbau, der Wehrmacht gestattet. Erst der Bruch der Reichsverpflichtung; seine Entlassung und die nachfolgenden inflatorischen Maßnahmen hätten die Katastrophe eingeleitet und beschleunigt. "Sie hätten aussteigen sollen, als die Gewalt sichtbar wurde", sagt die Klage. "Nein", sagt Dr. Schacht, "ich hatte eine Kanzlerschaft Hitlers für die einzige, seinen Ehrgeiz abnutzende parlamentarische Lösung gehalten. Ich mußte nun im Spiel bleiben, um hemmend zu wirken. Viel mehr hätten drinbleiben sollen, statt zu emigrieren." – "Aber Sie haben Ergebenheit zur Schau getragen und Ihre Solidaritätmit dem Führer betont", sagt die Klage. "Mein Ziel war ein politisches", erklärt Schacht.