Nichts ist fragwürdiger als der Mensch. So stand auf dem Mainzer Philosophenkongreß der Mensch im Mittelpunkt der Diskussionen, die sich – typisch für die Situation der deutschen und europäischen Philosophie seit Martin Heidegger – fast nur um metaphysische Probleme drehten. Und zwar versuchte schon in seinem Eröffnungsvortrag der Bonner Philosoph Theodor Litt, ein Bild des Menschen aufzuzeigen, das sich, scharf von dem der Existentialisten unterscheidet. Ihm gelten nicht nur Sorge und Angst als die Grundkategorien des menschlichen Da-, seins, sondern auch Liebe und Schöpfertum. Temperamentvoll wandte er sich gegen Zerknirschung und Schuldgefühl, gegen einen "philosophischen Defaitismus", wie ihn die Existenzanalyse Heideggers ohne Zweifel hervorrufen kann. Nur schade, daß dieser Vortrag ein Gespräch ohne Partner war: denn leider waren weder Heidegger noch Jaspers in Mainz zugegen. Gewiß es entspann sich, vor allem nach dem Vortrag von Professor Peters. (Nymwegen), der sein Auditorium mit dem katholischen französischen Existenzphilosophen Gabriel Marcel bekannt machte, eine lange Auseinandersetzung über den Existentialismus, darin der Vortragende die Hoffnung als das "Offensein", als das Wagnis seiner selbst" beschrieb. (Und das wäre in der Tat ein. neuer wesentlicher Gesichtspunkt in den Möglichkeiten des "Zu-sich-selbst-Kommens", der vom katholischen Existentialismus in die Waagschale geworfen wird.)

Neben der scharfen Kampfansage. Theodor Litts gegen den Existentialismus war noch dies bemerkenswert für die augenblickliche philosophische Situation: die Zurücksetzung einer naturwissenschaftlich gerichteten Philosophie, die nur einmal thematisch, nämlich im Vortrag über den "Begriff der Kausalität" des Hamburger Philosophen Hans Sauer, zurSprache kam. Daß aber ein Thema wie die Kausalität auf einem Philosophenkongreß nur am Rande referiert werden konnte, zeigt die ungeheure Veränderung, die die philosophischen Schwerpunkte seit der Ablösung des Neukantianismus durch Phänomenologie und Existentialismus erfahren haben. Dennoch berührt es merkwürdig, daß selbst die mathematische Logistik, die gerade in den letzten Jahren so große Fortschritte machte und die in Deutschland einen Vertreter vom Range des münsterischen Philosophen Heinrich Scholz hat, nicht gründlich erwähnt wurde.

Schließlich bleibt noch dies festzustellen: der starke Anteil der katholischen Philosophie an den Vorträgen und Diskussionen in Mainz. Von der Universität Löwen sprach Professor Dock S. J. über "Die Spaltung des europäischen Geistes seit Descartes", die er als überwindbar ansah. Überhaupt scheint die katholische Philosophie allenthalben und unaufhaltsam Boden zu gewinnen. Gerade in einer Zeit der fließenden Begriffsbildung (wie bei Karl Jaspers) oder der zwar zwingenden, aber in ihren letzten Konsequenzen zum leeren Sein führenden Ontologie Heideggers ist der Rückgriff auf die Klarheit und Exaktheit des Thomas von Aquin (und ungefähr alle katholischen Religionsphilosophen sind Neu-Thomisten) fast so etwas wie eine psychologische Notwendigkeit. Darum wundert man sich, daß Josef Pieper, sicherlich einer der bedeutendsten katholischen Religionsphilosophen, nicht in Mainz dabei war.

Eins darf zuletzt nicht unerwähnt bleiben: die Vornehmheit und gegenseitige Achtung, mit der in Mainz diskutiert wurde und die eine Gesinnung offenbarte, die wahrhaft eine philosophische war. P. H.