In der düsteren Chronik der Nürnberger Prozesse wird das Blatt, das den 4. August 1948 beschreibt, umrandet werden müssen, weil es an Schauerlichkeit seinesgleichen sucht. An diesem Tage betrat für die Anklage im Prozeß gegen das OKW ein Mann den Zeugenstand, den die Öffentlichkeit unter den Toten von Nürnberg wähnte: der Generalmajor der SS, Otto Ohlendorf, ein Mann, der von der Anklage her gesehen eine der zentralen Figuren im Nürnberger Drama war, der schon in dem ersten großen Prozeß gegen Göring und Genossen das Gericht durch den Freimut seiner Bekenntnisse überrascht hatte und der als der Hauptangeklagte im Einsatzgruppenprozeß nicht anstand, die Verantwortung für die Tötung ganzer Bevölkerungsgruppen zu übernehmen. Diesem Zeugen der Anklage wurde jetzt erlassen, die Wahrheit zu beschwören, weil. er "schon so oft vereidigt: worden war". Er erschien im schwarzen Hemd des Todgeweihten. Das einstmals gespannt gewesene Gesicht unter der hohen Stirn war aufgedunsen und ungesund bleich. Die Augen blickten lauernd und versteckt, hin und wieder auf die Ankläger Dobbs und Rapp mit einem Ausdruck von unbeschreiblichem bis ins Grimassenhafte verzerrten Zynismus. Den Feldmarschällen, Generälen, Admirälen und Generalrichtern auf der Anklagebank wichen sie aus.

Der Staatsanwalt, Mr. Hochwald, der den Zeugen Ohlendorf! im "rebuttal", der Endphase vor den Schlußplädoyers im OKW-Prozeß produzierte, war der gleiche, der den Einsatzgruppenprozeß geführt hatte. Nur ganz wenige wissen, was in der Zwischenzeit zwischen Ohlendorff, der schon in Landsberg, der Stätte seiner voraussiehtlichen Hinrichtung war, und der Anklagebehörde vorgegangen ist. Man hat nur gehört, daß er sich lange geweigert habe, gegen/die Generäle aufzutreten. Was ihn dann doch dazu bewogen haben mag, kann nur vermutet werden – eine schwache Hoffnung vielleicht, sein Leben zu verlängern, wenn nicht zu retten. Denn sollten nicht, so mußte es ihm doch scheinen, die führenden Köpfe der deutschen Wehrmacht der Nürnberger Anklage wichtiger sein als der des einstigen Chefs des SD und Chefs einer Einsatzgruppe? Die Befragung des Zeugen durch den Anwalt des feldmarschall v. Leeb, Laternser ergab, daß die Anklage seit Monaten Herrn Ohlendorf regelmäßig die Verhandlungsprotokolle aus dem OKW-Prozeß in seine Todeszelle geschickt hat und daß dieser, nachdem er der Versuchung, den Strohhalm zu ergreifen, erlegen war, nicht nur die Antworten, sondern auch die Fragen ausgearbeitet hat, die seinem Verhör am 4. August 1948. zugrundelagen!

Worum es bei diesem Verhör ging, das war die Verantwortlichkeit des Heeres für die Tätigkeit der Einsatzgruppen, für alle grauenhaften Vorgänge im rückwärtigen Operationsgebiet des russischen Kriegsschauplatzes. Ohlendorf hat ausgesagt, was die Anklage hören wollte. Nach ihm ging die gesamte Polizeigewalt im rückwärtigen Heeresgebiet nicht von Himmler, sondem von den Oberbefehlshabern aus. Die Einsatzgruppen hätten ihrer Hoheitsgewalt unterstanden, den Armeen wären die Einsatzgruppen unterstellt gewesen auch in bezug auf die Rechtfertigung von Beschlagnahmen, Erschießungen in Divisionsbereichen, Untersuchungsverfahren gegen Landeseinwohner, Bestrafung von Kommandoangehörigen bis zu Kriegsgerichtsverfahren wegen Feigheit vor dem Feinde. Die Anfang Dezember 1941 in Simferopol eingeleitete Großaktion sei über den Rahmen der Einsatzgruppe hinausgegangen und ohne die organisatorische Vorbereitung und Unterstützung des Heeres gar nicht möglich gewesen.

Soweit die Aussage. Sie steht im Widerspruch nicht nur zum Vortrag der Verteidigung und den Aussagen der Angeklagten, sondern auch zu einer Anordnung Himmlers, in der es ausdrücklich heißt: "Die Sonderkommandos der Sicherheitspolizei und des SD führen ihre Aufgaben in eigener Verantwortung durch." Aber Ohlendorf ergänzte hierzu: "Ich. war gehalten mich am Quartiersort der 11. Armee auf zuhalten und dort einen Verbindungsoffizier zu bestellen."

Ob er die Wahrheit gesagt hat oder nur das, was die Anklage als solche gelten lassen möchte, wird sich – vielleicht – zeigen. Die Verteidigung hat die Streichung der Aussage mit der Begründung verlangt, nach Regel 9, Abschnitt B der Verfahrensordnung dürfe kein Zeuge während der Verhandlung im Gerichtssaal anwesend sein, noch dürften Zeugen sich vor oder nach der Verhandlung besprechen, ein. Vorgang, der durch die regelmäßige Belieferung Ohlendorfs mit Sitzungsprotokollen durch die Anklage praktisch gegeben sei. Dieser Antrag wurde abgelehnt!

Wie immer dies ausgehen mag, von der Klärung des Sachverhalts unabhängig bleibt bestehen die nicht zu überbietende Amoralität eines Verfahrens, das sich eines zum Tode Verurteilten bemächtigt, um ihn als Kronzeugen zu benutzen, Unter der Drohung des Galgens hat. Ohlendorf seine Aussage formuliert. Ihm wird man daraus einen Vorwurf nicht gern machen wollen.

St-tz.