Von Peter Christian Baumann Der ehemalige Redakteur, der "Vossischen Zeitung", der ehemalige Kommunist, der ehemalige staatenlose Flüchtling Arthur Köstler hat heimgefunden. Nach seinen Abenteuern im "Vaterland der Arbeiter", in der Sowjetunion, und seinen Kriegserlebnissen in Spanien und Frankreich, ist er an die Stelle zurückgekehrt, die die Position des Intellektuellen in unserer Zeit ist: zu dem Platz zwischen den Stühlen.

Es ist die Position zwischen dem "Jogi und der Kommissar" (so läutet der Titel eines seiner Bücher), eine Stelle auf dem Spektrum, dessen. Außenpunkte von Infrarot und Ultraviolett bezeichnet werden. Diese geistige Spektralanalyse stammt ebenfalls von Köstler; sie und die konsequent weiter gedachten und durchgeführten Parallelen bilden den Kern seiner Essay-Sammlung mit dem Titel "Die neue Zeit"; nicht so sehr die Abrechnung mit der Sowjetunion, die seinem Buch die Weltberühmtheit gebracht hat. Denn die Absage der Intelligenz an den bolschewistischen Kommissar ist ja nur ein Teil des politischphilosophischen Programms Köstlers; ein wesentlicher Teil – aber nur ein Teil. Köstler fordert vom Intellektuellen die Absage an den Staat überhaupt, insofern dieser die Existenz des "Frei-Denkenden" in Frage stellt. Zur Einleitung seines Essays über "Die Intelligenz" zitiert er die Formulierung des Oxford Dictionary "Intelligentia, der Teil der Nation, der das freie Denken, erstrebt..."

Bestechend ist Köstlers Darstellungsmethode. Er verzichtet auf die spezifizierten wissenschaftlichen Arbeitsformeln der Berufsphilosophie und nimmt dafür die aus allen Gebieten der Forschung gewonnenen Erkenntnismittel in Gebrauch. Die Politik analysiert er philosophisch, die Philosophie durchsetzt (und zersetzt) er mit Begriffen der Atomphysik, der Naturwissenschaft geht er methaphysisch zu Leibe. Er sagt: Die Intelligenz ist Membrane am Gemeinschaftskörper. Sie ist nicht nur zwischen heterogenen sozialen Klassen ausgespannt, sondern auch zwischen dem Gemeinschaftskörper im ganzen und seinen Umgebungen. Die Intelligenz ist der empfindlichste Teil dieses Gemeinschaftskörpers: – wenn der Körper krank ist, erscheint auf der Haut Aus-, schlag. Die Entartung der Intelligenz ist daher ebenso ein Krankheitszeichen wie die "Korruption der herrschenden Klasse" oder die "Schlafkrankheit des Proletariats" – Symptome des gleichen fundamentalen Prozesses, Die Intelligenz zu verhöhnen, ihr die Verantwortung für die allgemeine Niederlage zu geben und sie gleichzeitig der Verantwortung für die Handlung zu berauben, ist entweder gedankenlose Dummheit oder ein Manöver mit deutlicher Absicht.

Köstler verweist auf das Buch Burnhams, das unter dem Titel "Revolution der Manager" Aufsehen erregt hat und nach dessen Theorie der Kapitalismus nicht durch den Sozialismus abgelöst werde, sondern durch eine Diktatur der "Manager", der Verwaltungsspezialisten, der Bürokratie. Wenn Burnhams Diagnose sich aufdie Dauer bestätigt – was Köstler glaubt –, so sind wir nach einigen dazwischenliegenden Kurven auf dem Weg zum Zeitalter planmäßig gesteuerter Überstaaten, in denen die Intelligenznotwendigerweise eine Spezialabteilung innerhalb der Zivilverwaltung wird. Beispiele aus der Wirklichkeit sind das vergangene Dritte Reich und die bestehende Sowjetunion; aber – so erklärt Köstler skeptisch – selbst in den angelsächsischen Ländern ist eine ähnliche Entwicklung durchaus denkbar, wenn auch schwierig. Immerhin war die Generalmobilisierung im letzten Krieg eine Art Generalprobe – der Westeuropas schen Version des bürokratisierten Staates, wobei die "einzelnen" (der Intelligenz) noch glaubten, einem persönlichen Impuls zu folgen, während es sich in Wirklichkeit um einen Prozeß der Angleichung an die veränderte soziale Situation des Planstaates handelte. Die Gefahr solcher Entwicklung ist dabei um so größer, als die Gleichschaltung oft eine Art Verrat ist, die mit vollständig reinem gewissen durchgeführt werden kann. Dazu meint Köstler, in den kommenden Jahren werde die Alternative nicht mehr "Kapitalismus oder Revolution" sein, sondern Rettung nur einiger der Werte der Demokratie und Humanität oder aber Verlust aller. Um das zu verhindern – sagt Köstler – muß man sich mehr als jemals zuvor an das zerfetzte Banner des "freien Denkens" klammern ...

Was ist das für eine Politik? Was für ehe Philosophie? Natürlich nicht die des "Tatmenschen", des energischen, zielbewußten Realisten, des "Kommissars", aber auch nicht die des "Jogi", des allein der Kontemplation hingegebenen Betrachters.

Es ist, wie Albert Gerard, ein anderer moderner Autor, meint, etwas wirklich Neue, "nicht so sehr eine Weltanschauung, als eine Neuorientierung die Suche nach neuen Auswegen, das Gewissen der Menschen wachzurütteln. Er stellt mit Köstler eine Reihe anderer Engländer zusammen, deren Gedanken bemerkenswerte Übereinstimmungen zeigen, ohne daß bisher irgendein äußerer Zusammenhang zwischen ihnen sichtbar ist: Aldous Huxley; Charles Morgan, Christopher Isherwood ("Abschied von Berlin", 1933), Herbert Read, Victor Gollancz, Sommerset Maugham. Wir möchten an dieser Stelle noch den Holländer Jef Last nennen und wüßten in Deutschland viele aufzuzählen, die uns nahestehen. Was ihnen gemeinsam ist, läßt sich schwer definieren; leichter läßt sich sagen, wogegen sie sich gemeinsam wenden. Sie verwerfen den Irrweg des Intellektuellen, der unter verschiedenen Parolen durch die Maschinensäle des Staates zu der einen oder anderen Roboterstellung führt. Sie verschmähen aber auch de intellektuelle Treibhausluft, in der nur künstliche Pflanzen gedeihen.

Der meist bemerkenswerte Zug in unserer Zeit ist der Zusammenbruch aller horizontalen Strukturen (Köstler). Hieraus folgt, unmittelbar, daß unsere Wahrheiten nur halbe Wahrheiten sind Köstler sagt: "Mit den melancholischen Augen eines Festlandseuropäers gesehen (oder der Schar entwurzelter Linksorientierter, der ich angehöre, und welche die Stalinisten Trotzkisten, die Trotzkisten Imperialisten nennen und die Imperialisten verdammte Rote), fällt der Zusammenbruch des Linkshorizontalismus immer mehr ins Auge ..."