Die Gewerkschaften, unzufrieden mit der Entwicklung der Reallöhne, erwägen die Drohung mit dem Generalstreik. In Düsseldorf haben sie eine Resolution zustande gebracht, die nun allerdings einen beklagenswerten Mangel an konstruktiver Phantasie verrät: es wurde die "sofortige Wiedereinführung der Bewirtschaftung" und die Rückkehr zu Höchstpreisen und Preiskontrollen gefordert. Gleichzeitig aber erklärte Herr Kriedemann, der personifizierte wirtschaftspolitische Sachverstand der SPD, es sei eine "Verleumdung", der Partei unterschieben zu wollen, daß sie die Aufrechterhaltung der Zwangswirtschaft anstrebe. Richtig ist daran, daß ein solches Programm heute ja nun auch denkbar unpopulär wäre. Was aber Kriedemann als konstruktive Idee beisteuert, nämlich "die Sicherung einer Mindestversorgung der breiten Massen", durch "klare Produktionsanweisungen", die "Preis und Qualität sichern", ist im Kerne ja doch wohl vom Bezugsschein-Sozialismus nicht sehr verschieden: ohne Bewirtschaftung wird das wohl nicht gehen, und Preisdiktate sind – diese Erfahrung haben wir ja nun zur Genüge gemacht – nicht recht Mit Ausnahme von Aluminium weisen also sämtliche Großhandelswären ganz erhebliche Preissteigerungen auf. Zum Teil hat Deutschland diese Steigerungen bereits übernommen (Textilrohstoffe, Häute, Kautschuk, Nichteisenmetalle), für Lebensmittel jedoch noch nicht. dazu geeignet, die produktiven Kräfte zu entwickeln, das Sozialprodukt zu erhöhen und den Reallohn zu verbessern.

Man wird der Preisentwicklung auch nicht gerecht, wenn man, im Preisstop-Denken befangen, immer nur die Verhältnisse der Vorkriegszeit sehen will; der Blick über die Grenze ist auch uns gerade hier notwendig. Mit den Preiserhöhungen, die wir jetzt erleben, holt die deutsche Wirtschaft ja eine Entwicklung nach, die bisher durch ihre Isolation vom Weltmarkt künstlich hintangehalten worden ist. Die Aufgabe, daß Deutschland sich wieder aus eigener Kraft erhält, kann nur so erreicht werden, daß diese Isolation aufgehoben und unsere Wirtschaft wieder an die Weltwirtschaft herangebracht wird. Mit der Festlegung eines einheitlichen Umrechnungskurses für den Dollar (zu 3,33 DM) ist bereits der erste Schritt dazu getan. Um aber ein Bild darüber zu bekommen, welche Rückwirkungen aus dieser Wandlung der Lage noch zu erwarten sind, ist es notwendig, die Veränderungen der Weltmarktpreise seit 1939 zu kennen.

Da der Weizen preis "draußen" gegenüber 1939 inzwischen um 250 v. H. gestiegen ist, der Preis für pflanzliche Öle um fast 300 v. H., dürfte sich eine gewisse Angleichung an das Weltmarktniveau, besonders bei Getreide und Fetten, auf die Dauer nicht vermeiden lassen. Allerdings bestehen gerade hier Aussichten auf Preissenkungen. Die Weltproduktion Getreide und Ölfrüchten hat sich inzwischen soweit erholt, daß sich mit der diesjährigen Ernte und mit der zu erwartenden weiteren Steigerung. der Agrarproduktion in den kommenden Jahren einefallende Preistendenz bemerkbar machen, wird. Ähnliches gilt auch für Rohstoffe wie Wolle, Baumwolle und Kautschuk; weniger günstig sind die Aussichten für eine nennenswerte Preissenkung vor allem bei Nichteisenmetallen auch für Erdöl.

Wie sehr sich die erhöhten Rohstoff preise auch auf die Fertigwaren, besonders auf die Güter des täglichen Bedarfs und Verbrauchs ausgewirkt haben, geht aus der folgenden Tabelle über die Lebenshaltungskosten und Lohn-Indexe hervor:

Die Zahlen zeigen, daß "draußen", in den Siegerstaaten und den neutralen Ländern, die> Löhne der Steigerung der Preise gefolgt sind. Für viele andere Länder mag sich das Verhältnis der Preise zu den Löhnen erheblich zu ungunsten der Löhne verschoben haben. Für Deutschland ist nichts anderes zu erwarten, da die Kosten des Krieges und der ganzen NS-Wirtschaft gar nicht anders als durch Senkung unseres Lebensstandards bezahlt werden können. Nach Angaben der Verwaltung für Arbeit sind die Lebenshaltungskosten seit 1938 bisher um 42 v. H. gestiegen, die Stundenlöhne um 25 v. H., die Lohneinkommen (Wochenlöhne) aber nur um 5 v. H.

Wie sehr sich die einzelnen Gebrauchsartikel überall verteuert haben, ist jedem klar, der die Verhältnisse im Ausland ein wenig kennt. Schuhe, die in der Schweiz vor dem Kriege 24 Fr. gekostet haben, sind heute nicht unter 45 Fr. zu bekommen. Normale Halbschuhe, die in New York vor dem Kriege zu 4,50 $ käuflich waren, kommen jetzt auf 6 bis 7 Dollar. Ein Seidenhemd, das 1938 in Amerika für 2 $ angeboten wurde, kostet heute 5 bis 6 $. Das US-Department of Labor gibt für die verschiedenen Fertigerzeugnisse folgende Erhöhungen des Index an (August 1939 = 100): Nahrungsmittel auf 258, Kleidung auf 183, Baumwollwaren 335, Strumpfwaren und Unterwäsche 172, Wollwaren 192, Kraftfahrzeuge 175, Baumaterialien 215, Farben und Malmaterial 188, Chemikalien 251, Möbel 172, Papier 190: im Mittel 215. T/R.