Das Bild des Muschik

Von Felix Dassel

Das Rückgrat des Sowjetstaates bilden, weit mehr als hundertzwanzig Millionen Bauern, die das weite Land zwischen Ostsee und Baikal, Eismeer und Kaukasus – also etwa den sechsten Teil der Erde – pflegen, pflügen und beernten! Diese ehemaligen Groß-, Mittel- und Kleindauern, "Muschiki" genannt, auf deren Fleiß und Schweiß das Urgefüge der Weltmacht aufgebaut wurde – wer sind sie und wie ist ihre seelische Beschaffenheit?

Die im russischen Volk wurzelnden berufenen Dichter – Gogol und Dostojewskij, Turgenjeff und Tolstoj, Gorki und der letzte große Epiker der verklumpen Zeit, Schischkoff; und viele andere – geben auf diese Frage Antwort, und auch ganz besonders die Volkssage, das Volkslied bieten, uns Möglichkeiten, sein inneres Wesen zu verstehen. Wenn man den Dichtern und den Malern, der Sage und dem Volkslied folgt, sieht man den "Muschik" vor sich stehen in seiner Passivität; in seiner Ergebenheit gegenüber dem Schicksal: gedrungen und knorrig, der Erde sehr nah mit schweren Arbeitsfäusten, das Auge scharf und wägend, aber von einem – fast nur geahnten – Schleier, verhüllt, der das Letzte in der Tiefe des Blickes zu erkennen hindert ...

Von diesem Letzten, dem Rätsel in der Tiefe des-russischen Menschen, tönt das Lied im kleinen Dorf, wenn es die "Toská", die wesenlose Sehnsucht nach traumhafter Weite, besingt, die Helden der "Builj" der alten Sage. Tolstoj, der seine grenzenlose Liebe für den Bauern über den Tod hinaus bewahrte, Gorki, der jahrzehntelang ruhelos durch die Weite des Landes streifte; Dostojewskij, Türgenjeff, Schischkoff, sie alle wissen von diesem Rätsel und grübeln darüber nach. – –

Warum, weshalb zerstört, zerstampft,. vermehret, tötet der russische Mensch plötzlich in sinnlosem Wuttaumel, um gleich darauf zu, jammera oder behutsam mit Verständnis, Liebe und Sorgfalt aufzubauen und zu pflegen?

Eine Feststellung: In seiner Kindheit hat Rußland ein Vierteljahrtausend lang die Herrschaft der Tataren erlebt, der mongolischen Nomaden aus der Tiefe der asiatischen Steppen, und viele Generationen hindurch sickerte das Blut aus dem Osten nach dem Mittelwesten Eurasiens. Nun ja, diese Tatsache müssen wir apodiktisch als Erklärung des Rätsels hinnehmen und glauben, daß zwei Seelen im russischen Bauern wohnen: die starke aufbauende des Russen und die triebhaft zerstörende des Steppennomaden.

Noch einmal zum russischen Volkslied: Der Bauer besingt den murmelnden Bach, die lustige, kleine Birke, den traurigen. Regen. Am liebsten und inbrünstigsten aber die lockende, unendliche Weite und Freiheit der Steppe, den in die Ferne eilenden Fluß, den Flug der Wolke ins Unbekannte. Wie seltsam: Das Dorf kennt kaum ein Lied von der Heimat oder gar von der Liebe zur Scholle, zum Herd der Vater. Das Streben in die Ferne ist zu stark, sitzt tief im Blut.

Das Bild des Muschik

Als das Tatarenjoch zerbrochen war, zogen die Bauern in riesigen Scharen in die Städte, in die Siedlungen der Klöster, ins Gebirge, wo sie nach Silber gruben. Sibirien wurde von Bauern für Iwan den Schrecklichen erobert. Und schließlich sind die Kosakenvölker des Don, des Kuban, des Terck und des Ural ja auch nichts anderes als abgesprengte Bauern, die dem Drang in die Ferne gefolgt waren. Der freizügige Bauer wurde zur Plage und zehrte an dem immer weniger werdenden Brot, das der daheimgebliebene erntete. Erst die harten Gesetze des Zaren Feodor, des Sohnes Iwans des Schrecklichen, fesselten um 1598 den Bauern in das Land, versklavten ihn dem adligen Gutsbesitzer. Unter anderem bestimmten sie, daß diejenigen, die auf den Straßen, im Walde und in der Steppe aufgegriffen wurden, der Krone als Leibeigene verfallen seien. Der Chronist Parphyrius von Kostroma berichtet von über 300 000 "Seelen", die die Krone damit gewann – eine ungeheure Zahl, gemessen an. der damals noch geringen gesamten Bevölkerung Rußands.

Und nun arbeitete der Bauer, schlecht und recht, und sein Wohl- oder Schlechtergehen richtete sich ausschließlich nach Laune und Bedürfnis des Herrn. Man nannte das Verhältnis ein patriarchalisches – gewiß, vielfach war er eines –, gab dem Bauern den Namen "Kormilez", Ernährer, ja verniedlichte ihn gern und rührselig zum herzensguten und ergebenen Trottelchen. Als aber Rußland sich mehr und mehr dem Westen öffnete, begann man diesen Zustand als asiatisch und mittelalterlich zu empfinden, und Alexander II., der europäische Herrscher, hob 1861 die Leibeigenschaft auf.

Damit hatte sich jedoch das Los der Befreiten nicht wesentlich verändert. Sie eilten in die Städte, überfüllten das Handwerk, den Handel oder streiften ziellos, aber glücklich auf der Landstraße umher. Wieder wurden die entwurzelten Bauern durch staatliche Maßnahmen ans Land gebunden, und zwar an die "Obschtschina", den Kollektivbesitz des Dorfes. Dort hatte der Bauer den Acker wohl zu eigen, mußte sich aber alle sieben Jahre Grenzänderungen, die sich nach den allgemeinen Bedürfnissen richteten, gefallen lassen.

Jetzt trat ein neuer Faktor, der, genau betrachtet, eigentlich nur der Ideologie einiger abseitiger Theoretiker entstammte, in Szene: Die Sozialrevolutionäre schrieben "Land und Freiheit" auf ihre Fahnen, sollten den Bauern alles Land zu eigen geben und gingen zu Tausenden in die Dörfer, den "Muschik" zu "wecken", ihn zu revolutionieren. Nun, sie stießen auf fast absolute Verständnislosigkeit, denn was nicht vorhanden war – also die Sehnsucht nach größerem Eigenland –, konnte auch nicht geweckt werden. Die Kampfrufe verpufften in sterilen Diskussionen; einige Gouverneure und Gutsbesitzer waren sinnlos abgeknallt, viele Terroristen hingerichtet worden.

Dann kam die Oktoberrevolution 1917, die wie ein Orkan durch Rußland fegte, alle Begriffe von Eigenbesitz, Obschtschina und Bauernschaft verschwinden ließ und bestimmte, daß das Land der Allgemeinheit, dem kommunistischen Staat gehöre; Eigenbesitz an Boden gebe es nicht; und der Bauer sei Proletarier im landwirtschaftlichen Betrieb, wie der Arbeiter im industriellen. Beide, Bauern und Arbeiter, haben zu erzeugen. Der Staat übernahm die Verteilung an etwa zweihundert Millionen. Problematische Zeiten begannen, bis mit dem ersten Fünf jahresplan sich die Konturen des Kollektivs scharfer abzeichneten.

Und der Bauer? Nun: erwanderte wieder, lief in die Städte – bis 1929 vier Millionen jährlich! Dann verpflichtete ihn der Fünf jahresplan, im Kollektiv zu bleiben. Dennoch: ob vor fünfhundert Jahren oder, heute, ob Muschik oder Kormilez, Leibeigener oder Landproletarier – der Ruf der Steppe war, ist und bleibt stärker als das Verwachsensein mit der Scholle, wie es der westeuropäische Bauer fühlt. So wurde der Kollektivgedanke natürlich mit größtem Zweifel und Mißtrauen aufgenommen und von den besitzenden Bauern, den "Kulaken" (Kulak = die Faust, der Raffer), kategorisch abgelehnt. Nun, die Kulaken und alle, die verdächtig waren, desselben Sinnes sein zu können, wurden als Strafarbeiter in die Tundra verbannt, das gewaltige Gros der Kateneigner und Landarbeiter dagegen mit Vorteilen bedacht und zu Gemeinschaften gebunden. Das Alte wurde ausgemerzt oder beiseite geschoben, die Jugend zur Führung herangezogen; mit allen Mitteln, die dem Staat zur Verfügung standen, da ja seine Existenz. mit der Arbeit der Bauernfäuste stand oder fiel!

Der russische Bauer von heute bejaht darum das Kollektiv, weil er den Begriff des Eigenbesitzes kaum eigentlich gekannt hat, weil ihm also Vergleichsmöglichkeiten fehlen; weil er vom unleugbar konsequent durchgeführten Arbeitsschwung gefesselt, wird und weil er die dem Staat bequeme Voraussetzung für das Kollektiv, seine Passivität, besitzt.