Schon seit Monaten ging das Rätselraten um die für den Herbst fälligen Gemeindewahlen in den Ländern der Ostzone. Die dort zugelassenen bürgerlichen Parteien setzten auf diese Wahlen infolge des völligen moralischen Bankrotts, zu dem die SED-Politik in der Zone selbst nicht weniger eindeutig geführt hat als in Berlin, nur allzu berechtigte Hoffnungen. Über das zu erwartende Ergebnis konnte bei einer gewährleisteten freien Durchführung kein Zweifel bestehen. Die zunehmende Verelendung der breiten Massen im Gegensatz zu der an Verschwendungssucht grenzenden materiellen Bevorzugung aller, die sich rückhaltlos der Fahne der von den Sowjets protegierten Partei verschrieben, sodann die dem Terror des Dritten Reiches in nichts nachstehende Rechts Unsicherheit und schließlich die willenlose Hörigkeit der SED gegenüber der sowjetischen Reparationspolitik schufen den Nährboden für einen Haß und eine Verachtung, die auch der selbstgefälligste SED-Funktionär auf die Dauer nicht mehr ignorieren konnte. Wie weit das Mißtrauen und die Angst vor den möglichen Folgen, verbunden mit einer schleichenden Ermüdung der Parteidisziplin, die eigenen Reihen zu zersetzen drohten, zeigten die in den letzten Wochen nach sowjetischem Vorbild angeordneten Säuberungen, die gleichzeitig das Ziel verfolgten, die SED für die nach einem Fall Berlins erhoffte restlose Bolschewisierung der Ostzone aktionsbereit zu machen. Solange aber das Berliner Fenster noch nicht völlig zugeschlagen und damit die "Zone des Schweigens", wenn auch sehr verschleiert, dem Einblick des Westens noch nicht ganz entzogen ist, sind der sowjetischen Politik der vollzogenen Tatsachen auch in dem ihr allein unterstellten Kontrollbereich noch gewisse Grenzen gesetzt.

Nur aus dem Auf und Ab der Berliner Krise ist darum die durch Wochen schwankende Haltung der SMA zur Frage der Wahlen zu erklären. Die ersten ernsthaften Anzeichen für eine mögliche Aussetzung der Wahlen wurden, nachdem sich bereits Anfang Mai führende SED-Funktionäre auf einer Konferenz in Schwerin gegen den "politisch äußerst ungünstigen Zeitpunkt" im Herbst 1948 ausgesprochen hatten, in dem reichlich orakelhaften Bescheid erkennbar, mit dem einen Monat später Marschall Sokolowski den Ostzonen-Vorsitzenden der CDU gegenüber die Einhaltung des Wahltermins von den "Wünschen der deutschen Bevölkerung" abhängig machte. Nun, diese "Wünsche" haben, da die immer noch offene Berliner Entscheidung wenigstens zu schwachen demokratischen Scheinmanövern zwingt, nicht auf sich warten lassen. Die SED selbst brauchte deshalb nicht einmal bemüht zu werden, Wozu hatte man jene begrüßten, aber niemals deutlich bezeichneten "Organisationen", die sich gemäß, der revolutionären Technik der Bolschewismus zu gegebener Zeit so mühelos in "Aktionsausschüsse" umwandeln lassen? Da meldeten sich vor allem die als Auffangbecken der ehemaligen Pgs. nicht ganz glücklich gestartete, sogar in SED-Kreisen als "Abfalleimer" verhöhnte Nationaldemokratische Partei und gleichzeitig mit ihr die als Bauernpartei neu auffrisierte "Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe". Beide plädierten für eine Verschiebung der Wahlen. Es versteht sich von selbst, daß die SMA sich ihren Wünschen nicht verschließen konnte, da ja die Antragsteller pflichtschuldigst erklärten, die Bevölkerung dürfe nicht um die Früchte des von der Wirtschaftskommission proklamierten Zweijahresplanes gebracht werden, dessen Erfüllung durch die Wahlen allzu empfindlich gestört würde. Was wogen demgegenüber die erst unlängst in Halle verkündeten "Dringenden Forderungen und Vorschläge der LDP", deren verheißungsvolles Sozialprogramm diese seit dem Tode von Külz täglich mutiger gewordene Partei zu einer immer gefährlicheren Konkurrentin der SED werden läßt? Die SMA hört nur die "Stimme des Volkes", die sie hören will. Auf ihren Befehl fallen die Wahlen in diesem Herbst aus. Von Furcht vor dem Volkswillen zu reden, wäre natürlich Verleumdung. Es wird lediglich, ein Jahr später gewählt. In Berlin aber gedenkt man sich nach der jüngsten Ankündigung Wilhelm Piecks für die auch dort fälligen Oktoberwahlen nicht dem Risiko einer Behinderung durch den Druck der Westsektoren auszusetzen Man richtet sich eben auf längere Fristen ein. In einem Jahr, so hofft man, soll die Demokratie kein Hemmschuh mehr sein. –sé