Die Schirme

Von Boris Lasarewskij

Ich war immer, davon überzeugt, daß ich Influenza hatte. Aber am Freitag stieg meine Temperatur buchstäblich bis zum Verlust des Bewußtseins. Und ich kam erst wieder in dem Zimmer eines geräumigen Krankenhauses einer großen vollständig fremden Stadt zur Besinnung, unter drückender Luft, unter menschlichem Stöhnen und im Halbdunkel...

Ich durchschaute eine örtliche Sitte: Wenn ein Kranker hoffnungslos wurde, dann brachten zwei besonders schreisüchtige und rücksichtslose Krankenwärterinnen schwarze und bespieene Schirme und umstellten damit das Lager der Sterbenden.

Mein Gedächtnis schwand bald, und bald wurde es wieder klar; mir träumte von dem lieben, versonnenen Charkow.

Wahrscheinlich war es am Neujahrstage. Vom Morgen an war mir besser – nicht viel, aber trotzdem so viel, daß ich den Geruch des Branntweins von der Wärterin spürte, die mir gelbes, warmes Wasser brachte – ohne Zucker. Dagegen verlor ich – mir scheint aus Erschöpfung – gegen Abend plötzlich das Bewußtsein, oder schlief ein, indem ich mich in irgendeiner gelben Leere drehte; dann wurde alles rot.

Das Verständnis für die mich umgebende Wirklichkeit kehrte in der Nacht bei mir zurück. Doch ich konnte lange nicht begreifen, warum es ringsumher so dunkel und die rötlichen Drähte der kleinen elektrischen Lampe nicht zu sehen waren.-Ich drehte mich mit großer Mühe auf die andere; Seite und sah dieselbe unklare Dunkelheit. Endlich überlegte ich: – Die Schirme ...

Um mich...

Die Schirme

Ich fing an zu weinen...

Dann nahm ich alle meine Kräfte zusammen und warf die Metallabsperrung zu Boden.

Jetzt kam die ältere, die einzige angenehme Schwester, fühlte mir den Puls, rief die Wärtedrinnen, schalt mit ihnen; dann trugen sie die Schirme weg.

Nun bin ich wieder gesund und kann von neuem nicht nur das menschliche Leben, sondern auch das Leben, des einmal stürmischen, einmal: zartblauen Meeres beobachten. Bei dem Rauschen seiner Wogen läßt sich so herrlich träumen.

Aus dem Russischen übersetzt von G. Kloep