Der kleine südfranzösische Badeort St. Jean de Luz hatte eine Sensation: von einem spanischen Zerstörer, dessen Umrisse, in der starken Atlantikdünung auf- und niedertauchend, seit den frühen Morgenstunden in südwestlicher Richtung sichtbar gewesen waren, kämpfte sich ein Motorkutter zur Landungsbrücke, wo ihn ein mittelgroßer, schwarzhaariger Herr erwartete. Große, dunkle Brillengläser verbargen, die Augen des Wartenden, und erst als er den Kutter längst bestiegen hatte und mit ihm in der Weite der Biskaya verschwunden war, lüftete ein Zufall sein Inkognito: es war Don Juan de Bourbon,-Sohn des letzten spanischen Königs Alfons XIII. und Prätendent für den spanischen Thron.

Durch diesen Zufall ist ein Treffen bekannt geworden, das noch kein offizielles Kommuniqué verkündet hat, dessen Auswirkungen aber recht bedeutsam für die Zukunft Spaniens, und wohl auch Westeuropas werden könnten. Der Kutter des spanischen Zerstörers brachte Don Juan an Bord der persönlichen Jacht General Francos, und während das Schiff – außerhalb der spanischen Hoheitsgewässer, wie ausdrücklich betont wurde – in der Biskaya kreuzte, trafen sich der "Regent des Königreichs Spanien", Franco, und der von der überwiegenden Mehrheit der spanischen Monarchisten als rechtmäßiger Inhaber des spanischen Thrones betrachtete Don Juan zum erstenmal, seitdem das Staatsgrundgesetz von 1946 durch eine Volksabstimmung die Regierungsform Spaniens als monarchisch festgelegt und Franco zum Treuhänder des Thrones bestimmt hatte.

Dieses persönliche Treffen dürfte ein Werk des spanischen Außenministers Artajo sein, dessen monarchistische Gesinnung bekannt ist. Der Zeitpunkt für eine Verständigung ist klug gewählt: Die spanische Frage ist ein wesentlidher Punkt auf der Tagesordnung der UN-Vollversammlung dieses Jahres, und die bereits deutlich spürbare Neigung vieler Mächte, die diplomatischen Beziehungen zu Franco-Spanien wiederaufzunehmen, würde durch eine in absehbarer Zeit zu erwartende personelle Veränderung an der Spitze des Staates zweifellos erheblich verstärkt werden.

Bei Franco selbst konnte Artajo auf die realpolitische Ader rechnen, die bei ihm, wie die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt haben, stark ausgeprägt ist. Die äußerst kritische wirtschaftliche Lage Spaniens und die außenpolitischen Schwierigkeiten des Landes fordern seinen Anschluß an Westeuropa, der, wie Franco genau weiß, nur durch personelle und innerpolitische Konzessionen erreicht werden kann. Ei weiß aber auch, daß seine Person noch immer große Popularität bei breiten Bevölkerungsschichten besitzt, daß er die Opposition der Wirtschaftskreise, der Generalität und gewisser Vertreter, der hohen katholischen Hierarchie durch Einsetzung eines Königs brechen kann und daß die praktische Regierungsgewalt doch in seinen Händen bleiben würde.

Bei den bisher Franco feindlich oder zumindest abwartend gegenüberstehenden Monarchisten, zu denen man auch Don Juan selbst zählen kann, hat inzwischen die Erkenntnis Boden gewonnen, daß eine Spekulation auf den Sturz Francos durch innen- oder außenpolitischen Druck immer weniger Aussicht auf Erfolg hat. Die Voraussetzungen für die Besprechungen waren also günstig. Ob ein Obereinkommen erreicht wurde oder bald zu erzielen ist, wird die Zukunft zeigen. P. H. Schulze