Die französische Regierung Marie ist an den sozialpolitischen Konsequenzen der Reynautischen Wirtschaftskonzeption gescheitert. Dieser im angelsächsischen Gedankengut aufgewachsene Finanzminister erwartet die Belebung von den dynamischen Kräften der Wirtschaft. Er will den Unternehmern eine Produktionssteigerung ermöglichen, indem er den Weg freimacht, unnötige Fesseln beseitigt und die Wirtschaft verdienen läßt. Preissteigerungen sind meistens die Begleiterscheinungen einer solchen Politik, aber sie werden erfahrungsgemäß bald aufgehoben durch die einer Erhöhung der wirtschaftlichen Umsätze folgende Steigerung des Nominal- und auch Realeinkommens der Arbeiter. Das Argument, daß eine auf wirtschaftliche Expansion eingestellte Politik auch sozialpolitisch die fortschrittlichste sei, wirkt allerdings wenig überzeugend, solange überall alles teurer wird, wie jetzt in Frankreich Brot, Milch, Tabak, Brennstoffe, Gas, Post- und Eisenbahntarife. Reynaud war zwar bereit, als Ausgleich Lohnerhöhungen zuzugestehen, konnte sich aber mit den Gewerkschaften nicht über das Ausmaß einigen, so daß die seit der Bildung der Regierung Marie sehr kritisch gewesenen Beziehungen zwischen dem Minister und den Gewerkschaften aller Richtungen sich derart zuspitzten, daß die sozialistische Partei die Regierung Marie–Reynaud nicht länger unterstützen wollte. An dem Preislohnsystem, das allen Regierungen der vierten Republik am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat, ist somit auch diese gescheitert.

Ein zweiter kritischer Punkt bei den Verhandlungen zwischen Reynaud und den Gewerkschaften war seine Forderung nach Mehrarbeit, die allerdings gegenüber dem Preislohnproblem zunächst noch zurücktrat. Auch hier zeigten sich die Gewerkschaften zu Konzessionen nicht bereit, denn gerade die laizistischen Kreise Frankreichs sind in dem Sinne unbedingt bibeltreu, daß sie in der Arbeit die Strafe für den Sündenfall sehen. Dem kleinbürgerlichen französischen Sozialismus erscheint als die wichtigste wirtschaftliche Aufgabe die Befreiung der Menschen von den Fesseln des technischen Zeitalters durch die Schaffung von mehr Freizeit; für ihn ist somit die 40-Stunden- oder 5-Tage-Woche eine zentrale Forderung, eine Selbstverständlichkeit, die von Wirtschaft und Technik geleistet werden muß. Die 40-Stunden-Woche war der wesentliche Inhalt des Blum-Experimentes des Jahres 1936. Daß diese Forderung für das eine Großmachtstellung beanspruchende Frankreich nicht erfüllbar ist, wußte Reynaud, als er 1938, nach dem Scheitern des Blum-Experimentes, Frankreichs Wirtschaft zu sanieren hatte. Seine Parolen lauteten damals: Rückkehr zur Arbeit, Schluß mit der Zweisonntagewoche. Heute ist eine 5-Tage-Woche noch weniger tragbar als 1938, wenn mehr geerntet und mehr Kohle gefördert werden soll. 1938 konnte Reynaud seine Politik durchführen, weil eine Regierung ohne die Sozialisten .möglich war, während er heute die Zustimmung der Sozialisten gewinnen muß, solange de Gaulle außerhalb der Regierung bleiben soll.

Die Sozialisten verweigerten diese Zustimmung. Nach Jahren des Rückganges sehen sie infolge der Krise des Kommunismus jetzt Möglichkeiten eines Wahlerfolges, aber diese wären nicht gegeben, wenn die Kommunisten ihre groß angelegte Propaganda fortsetzen könnten, daß die Sozialisten Reynaud, den "Liquidator der Volksfront", den "Totengräber der dritten Republik", den "Vertreter der mur d’argent" unterstützen. Sie machen sich offensichtlich weniger Sorgen, wer jetzt die elfte Regierung der vierten Republik bilden soll. Es könnte immerhin de Gaulle sein. Wenn noch einmal eine demokratische Regierung zustande kommen sollte, wird sich in der Zuspitzung der wirtschaftlichen Krise bald deutlich zeigen, wie verhängnisvoll es war, daß die Worte von Reynaud unbeachtet blieben: Soyons intelligents. W. G.