Von Herbert Fritsche

Selbst geheimnisvoll, enthüllten sie das Geheimnis ihres Zusammenströmens und ließen auf die künftige Größe Pyrmonts in eine freundliche Ferne lichtvoll hinaussehen" – die drei geheimnisvollen Männer nämlich, die, Jüngling, Mann und Greis, am Ende einer Roman-Skizze von Goethe auftreten. "Mitten in der Weltwoge eine Stadt Gottes" sollte jenes Pyrmont werden, dem Goethe einen ganzen Roman zu widmen gedachte. Aber es blieb bei der Skizze. Und als er im Juni 1801 zur Kur weilte "am hylligen Born", erging es ihm so, daß er an den Maler J. H. Meyer schrieb, er habe sich in seinem Leben nicht leicht mißmutiger gefühlt als hier gegen Ende der Kurzeit.

Das ist charakteristisch. Gott hat es gut gemeint mit Pyrmont, aber auch der Teufel gibt sich dort große Mühe. Gott gehört das Unvergängliche, die in Norddeutschland einzigartige Schönheit der Landschaft, die nahezu den gesamten Jahreskreis überblühende Flora ohnegleichen, das ätherische Pastell von Himmel und Erde, ganz besonders aber auch die durch Jahrhunderte bewährte Heilsamkeit der Quellen. "Ein Tal, wo der Engel des Herrn mehr als zu Siloah in alle Arten Gesundwasser steigt und sie bewegt ... ein großer Arzneitiegel der Natur", schrieb 1772 der Bückeburger Konsistorialrat und Hauptpastor Johann Gottfried Herder aus Pyrmont an seine in Darmstadt lebende Braut Caroline Flachsland. Da muß sich denn der Teufel um so wachsamer an das Vergängliche halten, an Handel und Wandel, wobei der Handel ganz ohne Zweifel die erste Stelle einnimmt. In Pyrmont wird viel und regsam gehandelt, mit kurzer, mit sehr kurzer Bilanz, denn der Kurgast pflegt nur wenige Wochen zu bleiben, und die Saison ist rasch vorbei. Das war immer so und trifft auf andere Bäder gleichermaßen zu. Jedoch hier, am einst heiligen und heute ungeheuerlich profanen Born, ist die Monopol-Situation von früher – der konzentrische Angriff auf den, Heilungsuchenden – in die Brüche gegangen wie alles übrige Leben drinnen und draußen. Der Versuch, diese Brüche zu überschminken, gibt dem Antlitz des kleinen Weltbades gespenstische Züge.

Im Kriege verwandelte sich der Ort zur Lazarettstadt. Es war gewiß nicht die sympathischste Form der Militärärzte, die damals dort die Stunde regierte: wer selbst im Linde bleiben wollte, mußte, um nicht höheren Ortes Mißfallen zu erregen, aus dem ihm anvertrauen Lazarett möglichst zahlreiche Frontlieferungen tätigen. Man mag das gutheißen oder verübeln, je nach Weltanschauung: immerhin durfte man der Wandlung, die sehr bald nach dem Einrollen, der amerikanischen Panzer einsetzte, mit Erstaunen zuschauen. Aus den Lazaretten wurden auf dem Wege über ein Versorgungskrankenhaus mit zahlreichen Häusern große Institute einer Landeskrankenanstalt, die sich – den Ideen einer Verstaatlichung des Gesundheitswesens angepaßt – des Protektor rats der Linksparteien erfreute: mit dem kleinen Schönheitsfehler, daß großenteils die gleichen Militärärzte an Ort und Stelle blieben, nunmehr aber mit der umgekehrten Taktik, die Entlassung der Insassen nicht zu beschleunigen, sondern zu verzögern. Die Linke schien nicht zu wissen, was die Rechte tut.

Böse Zungen behaupten, daß Ärzte einander manchmal nicht wohlgesonnen sind und daß Inhaber von Kurpensionen außer einem brennenden Interesse am Heil und der Heilung kranker Mitmenschen gelegentlich auch noch Nebeninteressen privater Natur haben. Wie dem auch sei: ein "großer Arzneitiegel der Natur" wie Pyrmont hat zwar nur eine einzige Apotheke, dafür aber Ärzte in Überfülle – und da der neuen Landeskrankenanstalt auf alle Fälle die Heranziehung auswärtiger Ärzte von großem Können und Ruf ratsam erschien, gab es sehr schnell das, was man im unverblimtgeschäftlichen, Leben scharfe Konkurrenz zu nennen pflegt.

Die Tatsache, daß besonders betroffene Opfer des Krieges, Amputierte, Gelähmte und Hirnverletzte, in großer Zahl Betreuung und Unterbringung fanden und mithin das Bild des nichts als eleganten Welthades von einst recht ernste Züge in seine Physiognomie geprägt bekam, paßte vielen Unmaßgeblichen und einigen Maßgeblichen nicht. Der Handel mit "leichter Muse" und der Wandel auf Krücken, das wollte ebensowenig zusammenstimmen, wie das räumliche Getrenntsein einer mit voller Betriebsstirke tätigen Luxuspension von einer, Flüchtlingsunterkunft in unerfreulichen Gemeinschaftssälen durch lediglich zwanzig Meter. Auch daß zwischen jenem Sondertyp aus Äskulaps Werkstatt, der Badearzt heißt, und dem des Mediziners anderer. Prägung Gewichtsunterschiede vorkommen, ist. unleugbar. Kurz: über drei Jahre hinweg waren bitterböse Kämpfe im Gange, die in kleinen Städten ohnehin mit dem Dolch im Gewande ausgetragen zu werden pflegen – auch in Pyrmont, wo das "Keep smiling!" die oberste Fremdenverkehrsregel ist.

Lebt man einige Jahre in Pyrmont, dann meint man zuweilen, daß der Ort nicht nur ein großer Arzneitiegel, sondern auch ein einziges Institut für Antlitzpflege heißen dürfte: nicht allein in dem positiven Sinne, in dem der schönste Kurpark Deutschlands auf bewunderungswürdige Weise ewig jung erhalten wird, sondern auch in dem weniger erfreulichen Sinne, in dem uns als Ergebnis fleißiger Kosmetik oft Puppengesichter von fader, erlogener Süße beschert werden. Es ist nun einmal so, daß ein Weltbad – noch dazu ein berühmtes Frauenbad – auf alles, was mit seinem heilkundlichen Nimbus zusammenhängt, so besorgt aufpaßt wie ein Fischerdorf auf Heringsschwärme. Öem weithin berühmten ärztlichen Bekämpfer der Knochen- und Drüsentuberkulose, der hier seine Klinik hatte, wurde mit einer ärztlichen Einheitsfront entgegengetreten, für deren Geschlossenheit man den Verständnisschlüssel erhält, wenn man sich vergegenwärtigt, wie peinlich der Begriff Tuberkulose vom blanken Schutzschild des Bades der Dame ferngehalten werden soll. Als 1936 eine Diät-, und Fastenkuranstalt in Pyrmont Fuß faßte, liefen ärztliche Protesteingaben beim Bürgermeister ein. Als 1944 Hirnverletzte ins Kurhaus gebracht wurden, verteilte eine Ärztin Aufrufe an die Bevölkerung. Die Eifersucht, über den Badebetrieb im alten Sinne hinaus könne das medizinische Pyrmont neue – und am Ende gar wesentliche – Züge erhalten, ist so groß wie die einer Filmschönheit, die das Auftreten irgendwelcher Charakteristik von ihrer hold lächelnden Larve fernhalten möchte