Aus Kreisen der Textilindustrie erhalten wir die folgende Zuschrift, die wir deshalb veröffentlichen, weil die Nutzanwendungen daraus nicht nur für das engere Fachgebiet, sondern für alle Unternehmen, bis zum Einzelhandel zutreffen. Eine redaktionelle Schlußbemerkung versucht, der vom Einsender gegebenen Begründung – für die vom Unternehmer heute so vielfach geforderte "innere Disziplin" – eine noch breitere Grundlage zu geben.

Nun, da wir den Weg beschritten haben, der uns über die Marktwirtschaft zu einer neuen Ordnung führen soll, gesellen sich zu den Warnungen der Theoretiker die Erfahrungen der Praxis, die vor allem ein wesentliches Merkmal der gegenwärtigen Entwicklung erkennen lassen: Uns umgibt noch lange keine "normale" Wirtschaft. Ein durch den Krieg, seine Folgen und die Zwangswirtschaft schwer geschädigter Wirtschaftsapparat muß erst mühselig wieder funktionsfähig gemacht werden; am Anfang dieses schweren Weges gilt es besonders, von der durch die Lösung aus der Starre der Kommandowirtschaft gewonnenen Freiheit maßvollen und verantwortungsbewußten Gebrauch zu machen, um mit den Übergangsschwierigkeiten fertig zu werden.

Diese Notwendigkeit ergibt sich jetzt für die Textilindustrie auf einem Gebiet, wo die Sorgen auch unter den neuen Verhältnissen nicht geringer geworden sind: bei der Deckung des wirtschaftswichtigen (technischen) Bedarfs an Textilien. Es gibt kaum eine Industrie, kaum ein Gewerbe, die nicht Gespinste und Gewebe brauchten, sei es als technischen Betriebsstoff, sei es als Zutat. Die Schuhindustrie Zum Beispiel ist auf die Versorgung mit beschichteten Stoffen für Vorderkappeneinlagen, Decksohlen und Futterlederersatz angewiesen, die Landwirtschaft braucht Jutesäcke und Bindegarn, und die Textilindustrie selbst kann in allen ihren Produktionsstufen nicht auf technische Spinnstoffe verzichten, mögen sie nun in der Spinnerei als Harnisch-Schnüre oder bei der Veredlung als Vor-, Mit- und Nachläufer auftreten, sowie erhebliche Mengen an Rohgeweben, ohne die ein rationeller Stoffdruck nicht möglich ist.

Der bisherige Verteilungsplan hat den wirtschaftswichtigen Bedarf mit rund 43 v. H. der gesamten Textilrohstoffmenge berücksichtigt, während beispielsweise auf den Normalverbraucher nur 26,3 v. H. entfielen. Nun ist die bisher durch Textilschecks und Produktionsauflagen gelenkte Erzeugung weitgehend freigegeben worden; nur bestimmte Kontingentsträger (Reichsbahn, Seeschiffahrt, Post- und Fernmeldewesen, einige Behörden, Bergbau und Kautschukindustrie) bleiben noch bestehen. Sonst aber ist die Verantwortung für die Versorgung mit wirtschaftswichtigem Bedarf in die Hände der Produzenten gelegt. Damit sehen sich diese vor Aufgaben gestellt, die sich nicht ohne ein Zurückstellen des unmittelbaren eigenen Vorteils lösen lassen. Angesichts der knappen und durch die Anpassung an die Weltmarktpreise stark verteuerten Rohstoffe bietet nämlich die Herstellung der wirtschaftswichtigen Textilien, als wenig gewinnintensiver Rohgespinnste und -gewebe, geringen Anreiz; bei der fertig ausgerüsteten Konsumware liegen erheblich günstigere Gewinnmargen. Außerdem lassen sich manche dieser technischen Spinnstoffe nicht ohne weiteres in ein glattes Produktionsprogramm einordnen. Unter diesen Umständen besteht Gefahr, daß man sich nur schwer zu einer hinreichenden Erzeugung dieser Stoffe entschließt. In der letzten Zeit hat es an Klagen darüber nicht gefehlt.

Diese Entwicklung könnte dazu führen, daß erneut Lenkungsmaßnahmen verfügt werden, kaum daß die ersten Schritte auf dem Weg der Freiheit getan sind. Die Förderungen, die angesichts der zu beobachtenden Preissteigerungen ein Eingreifen der öffentlichen Hand verlangen, würden jedenfalls erheblich verstärkt werden, wenn aus anderen Lagern aus ähnlichen Gründen erneut die Lenkung der Produktion gefordert würde. Es geht also darum, ob das Problem der Deckung des wirtschaftswichtigen Bedarfs durch das Verantwortungsbewußtsein derer gelöst werden kann, die es zunächst angeht. Sie sind zweifellos in einer schwierigen Lage – und es muß verlangt werden, daß ihre Abnehmer bis zum letzten Käufer Verständnis dafür aufbringen, daß sie nicht alle Wünsche erfüllen können, weil sie beträchtliche Teile ihres Rohmaterials und der Kapazität ihrer Betriebe auf die Befriedigung des wirtschaftswichtigen Bedarfs verwenden müssen. Angesicht des Mangels an Textilien, mit dem wir noch für geraume Zeit rechnen müssen, kann nur eine Haltung, die die Interessen der Gesamtwirtschaft im Auge behält, die Produktion gerecht auf Normalverbrauch und wirtschaftswichtigen Bedarf verteilen – und damit sich und die Wirtschaft überhaupt vor einer Rückkehr zu Zwangsmaßnahmen bewahren, die in den letzen Jahren so eindeutig Schiffbruch erlitten haben.

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Soweit die Zuschrift. Wir meinen, daß es mit gutem Zureden allem – mit dem Appell an Verantwortungsbewußtsein und Disziplin der Unternehmer – eben nicht getan ist. Man sollte mit dem Unternehmer doch in der Sprache reden, die er versteht, und ihm sagen, daß es sein eigener wohlverstandener Vorteil ist, wenn er seine Abnehmerschaft pfleglich behandelt und auf den nachhaltigen Nutzen sieht, anstatt die heutige Preiskonjunktur, wie sie sich aus Knappheit und Übernachfrage ergibt, bis zum Äußersten "mitzunehmen". Das ist die gute, alte, bewährte Praxis, wenn sie auch leider im letzten Jahrzehnt vielfach in Vergessenheit geraten ist. Noch machen sich viele Kaufleute heute nicht recht klar, daß sie später, vielleicht sehr bald schon, auf ihre Abnehmer angewiesen sein werden. Es gilt also nicht nur, sich das -Wohlwollen und (was mitunter mehr wert ist) das Vertrauen zufriedener Kunden zu erwerben, sondern auch dem Geschäftsfreund, der als treuer Abnehmer später unentbehrlich sein wird, in seiner heute vielleicht schwierigen Lage zu helfen und ihm die Erhaltung seiner Existenz zu ermöglichen. G. K.