Eine Zeit, die gewissermaßen keine Realität als Gegenwart hat, sondern schemenhaft, unfaßbar und konturlos zwischen noch nicht verarbeiteter Vergangenheit und noch nicht erarbeiteter Zukunft im Schwebezustand verharrt, legt es dem Dichter nahe, über die Gesetze des Werdens und Vergehens im Bereich der menschlichen Wirklichkeit nachzusinnen. Es ist daher kein Zufall, wenn heute in Deutschland der historische und der Entwicklungsroman wieder in den Vordergrund treten.

Historisch nur im Stoff lichen, sonst aber ein reifer dichterisches Kunstwerk von moderner Haltung – womit vor allem ein zuchtvoller Aufbau, Anschaulichkeit, Lebensnähe und kein Zuviel an zerfasernder Psychologie gemeint sei – ist der Maria-Stuart-Roman "Ein Kind befreit die Königin" von Hans Reisiger (Rowohlt-Verlag). Die Gefahr solcher "geschichtlichen" Persönlichkeitsromane: Romantisierung, Sentimentalisierung und Subjektivierung, ist hier aufs glücklichste umgangen worden. Eine schöne, saubere Sachlichkeit des Sehens und Gestaltens, eine hohe Kunst der Charakterzeichnung und objektiver Schilderung vereinen sich mit dem Vorzug klaren, phrasenlosen Stils und machen die Lektüre zu einem ästhetisch wie intellektuell gleich wohltuenden Genuß. Der geschichtliche Gegenstand: die Gefangenschaft der von ihren politischen Gegnern zur Abdankung gezwungenen schottischen Königin in dem Wasserschloß-Lochleven und ihre Flucht, der letzten Entscheidung entgegen, die gegen sie sprechen und ihre berechtigten Hoffnungen endgültig zerschlagen wird. Ein besonderes Verdienst des Autors ist es, daß er es mit spürsamem Takt zuwege bringt, das umstrittene moralische Bild der unglücklichen königlichen Abenteuerin in das eines gehetzten Edelwildes zu deuten, ohne der skeptischen geschichtswissenschaftlichen Diagnose Gewalt anzutun.

Auch der eine ganze Generationenkette durchlaufende Familienroman lebt wieder. auf. Andieser Aufgabe, die eine komplizierte Technik der Proportionierung, in der Verknüpfung der Fäden eine bewußter, berechnender verfahrende Webkunst erfordert, erprobt sich Peter Stühlen in einer Trilogie-, "Aus dunklen Wäldern", "Eltern und Kinder", "Das Erbe" (Verlag Wolfgang Krüger, Hamburg). Der geschichtliche Prospekt zeigt ein weites Panorama – vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Dieser zeitlichen Weiträumigkeit entspricht das Bild der menschlichen Entwicklungskurve, die Aufbruch und Aufstieg, Blüte und Verfall der Geschlechterfolge durchläuft. Man hat dergleichen schon elementarer und abgründiger zugleich erlebt. Doch ist der vorliegenden Konzeption nicht abzusprechen, daß sie über manches eindrucksvolle Detail hinaus ein Gefühl des Schicksalhaften in der Verflochtenheit biologisch bedingter Lebensabläufe mit den übergreifenden – stärkeren Gewalten des Weltgeschehens vermittelt. Dies ist der höhere Aspekt, der solchen Verkettungen von Historie und Entwicklungsroman ihren belehrenden Wert verleiht.

"Historisch" in dem besonderen Sinn eines Literaturdenkmals und eines Vorbildes für eine Reihe sehr charakteristischer erzählender Dichtungen späterer Zeit ist jenes Buch zu nennen, das sich in seiner amüsanten Unterhaltsamkeit, seiner moralischen Unbekümmertheit und seiner Pikanterie als Ahn des "Decamerone" bezeichnen darf, dessen Autor Boccaccio sogar eine seiner Novellen direkt hierher genommen hat. "Der goldene Esel" des alten Apulejus von Madaura ist aber außerdem auch noch Urbild des späteren Abenteurerromans mit seiner Schachteltechnik, seinen eingeschobenen Novellen und Märchen. Das berühmte Märchen von "Amor und Psyche" hat im "Goldenen Esel" seine früheste Quelle. Dieses ebenso lehrreiche wie an sich köstliche Buch (in einer guten Übersetzung aus dem Lateinischen von August Rode) der Mitwelt neu Zu erschließen, ist ein dankenswertes Unternehmen des Alster-Verlages Curt Braun, Wedel (Holstein). W. Abendroth