Die sowjetischen Schriftsteller, die ihr Land auf dem in diesen Tagen nach Breslau einberufenen "Weltkongreß der geistig Schaffenden" vertraten, brauchen, nach Moskau zurückgekehrt, den Vergleich mit Wyschinski nicht zu fürchten. Die intellektuellen Vertreter der westlichen Welt, die womöglich in der Hoffnung, den Politikern in ihrem zähen, verzweifelten Bemühen um einen Ost West-Ausgleich den Rang ablaufen zu können, mit einem großen Aufgebot der einigermaßen überraschenden Einladung des polnischen Schriftstellerverbandes gefolgt waren, sahen sich alsbald ebenso auf die Anklagebank versetzt wie unlängst erst die Delegierten der USA, Großbritanniens und Frankreichs auf der Belgrader Donaukonferenz. Obwohl die Erfahrungen ihrer Kollegen auf dem Berliner Schriftstellerkongreß im Oktober 1947 ihnen einen sanften Vorgeschmack-hätten geben müssen von der sowjetischen Form des "geistigen Gesprächs", waren sie auf eine so hemmungslos über sie hereinbrechende Kaskade von Herausforderungen und Beleidigungen, wie sie hier aus dem Munde prominenter sowjetischer Literaten gegen den "stinkenden Verfall" der westlichen Kultur ausgestoßen wurden, offensichtlich nicht gefaßt Die Methode dieser von den Sowjets, gleich auf welchem "Kampfplatz", befolgten Angriffstaktik ist allerdings für den in traditionellen Vorstellungen befangenen westlichen Diskussionspartner immer wieder bestürzend. In der Sowjetunion selbst unter dem Begriff Schdanowschtina (nach dem General-, Inquisitor Schdanow) bekannt und gefürchtet, ist sie Ausdruck des vor zwei Jahren offiziell verkündeten Programms zur offensiven Bekämpfung der westlichen Kultur.

Die Entschiedenheit indes, mit der die Sprecher des Westens trotz der von einer Schallplattenrede des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Wallace sekundierten Feinde in ihren eigenen Reihen und trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit vor dem Forum von rund 600 Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern aus insgesamt. 53 Nationen ihre östlichen Freunde zur Ordnung riefen und sie aufforderten, "ihre intellektuellen. Manieren zu verbessern", war ohne Zweifel nicht programmgemäß. Flugs wurde darum in Ermangelung überzeugenderer Argumente und nach bewährtem Muster mit einer Protestkundgebung von 35 000 polnischen Studenten und Arbeitern, die die auf dem Rednerpodium vornehmlich gegen die USA ausgebrachten Schmähungen im Chor vervielfacht wiederholten, die Straße mobilisiert. Die Gäste aus dem Westen stellten mit Erschrecken fest, was man jenseits des Eisernen Vorhangs unter der Sprache des "Fortschritts" versteht, von dem in dem zum Schluß des Kongresses verkündeten "Friedensmanifest" so demonstrativ die Rede ist. Die Strategie Moskaus greift weit voraus. Der Vorschlag zur Gründung von "Nationalausschüssen" zur Festigung der internationalen kulturellen Beziehungen klingt zwar sehr verlockend. Sein revolutionärer Tenor aber ist unüberhörbar. Nicht umsonst beschimpfte Ilja. Ehrenburg jene westlichen Delegierten, die in diesen Ausschüssen ein Instrument "zur Verbreitung eines politischen Standpunktes, den wir nicht teilen", sahen, als "Ungeheuer" und "Idioten". Es war in der Tat noch zu sanft ausgedrückt, wenn ein Oxfordprofessor schon nach den ersten Stürmen, des Kongresses klagte: "Uns fehlen die gemeinsamen Maßstäbe." –sé