Es war doch eigentlich seltsam, als man im Lärm und zwischen den Trümmern der modernen Großstadt der neuen "altmodischen" Mode der Frauen begegnete: den langen, farbigen Kleidern, die die Hüften betonten, den hohen Absätzen der Schuhe und gar dem bunten Schirm. Und während man den Frauen nachsah, ertappte man sich dabei, wie vor dem inneren Auge die Straßenbahnen zu Postkutschen, die hupenden Autos zu klappernden Pferdedroschken wurden ... Aber eine Mode entsteht nicht durchaus von ungefähr und nicht unbedingt aus Willkür. Mode wird nicht nur für Frauen gemacht, damit sie nach dem Willen der – meist männlichen – Modeschöpfer zu dem werden, was sie im Augenblick sein wollen. Sondern viele Frauen ahnen die Mode voraus, unbewußt vielleicht, und sind beglückt von der Erfüllung noch niemals vorher laut geäußerter Wünsche. Sicher liegt hier das Geheimnis der weltbekannten Modeschöpfer in Paris, der Lucien Lelong und Christian Dior: daß sie es verstehen, den verborgenen Stimmungen der Frauen entgegenzukommen und sie mit möglichst attraktiven eigenen Einfallen zu realisieren.

Dort in Paris hatten sie den "New Look" erfanden. Aber Christian Dion, der diese reizenden romantischen Torheiten des langen Rockes und der abfallenden Schultern schuf, ist heute nicht mehr unumstrittener Herrscher, obwohl fern von der Seine die Nachwirkungen seiner Idee nur langsam abklingen werden. Ein neuer Mann hat in Paris ganz andere. Perspektiven gefunden: Nicht mehr das nur und um jeden Preis "Weiblich-sein-Wollen" ist Trumpf – nein, eine neue Liebe zum Strengeren, zur Sachlichkeit ist der Impuls, der die Modeschöpfungen von Jacques Fath, dem großen Konkurrenten Diors, antreibt. Auch sind die Kleider bei Fath wieder ein wenig kürzer geworden. Er schreibt vor, daß die Röcke mindestens 30 cm vom Boden entfernt sind, und das ist ein großer Unterschied zur vorigen Mode: da durften die Röcke höchstens 25 Zentimeter vom Boden messen. Gewiß, die Mode in Deutschland hat sich daran nicht genau gehalten. Und es war wohl nicht nur Stoffknappheit, die unsere Frauen davon abhielt in diesen "Letzten Schrei" einzustimmen, es war vielmehr ein geschicktes Ausweichen vor einem letzten Extrem, von dem sie wußten, daß es nicht von langer Dauer sein konnte. So kam es, daß die deutsche Mode eine eigene, "unfranzösische" Note behielt, und es ist erfreulich, daß diese Note in einer eleganten Zurückhaltung bestand. Wir wissen jetzt: die Avantgarde, die im übertrieben langen Straßenkleid erschien, wird das Nachsehen haben.

Nicht nur, daß sie in Paris die Röcke wieder ... etwas kürzer machen – Jacques Faths neue. Wintermodelle haben das "Blumige" verloren sie tragen die Grundfarbe schwarz; eng und einfach sind sie geschnitten, fast wie die herbe Tracht einer Krankenschwester. Damit aber die Enge nicht zu sehr behindert, hat er den Rock; aufgeschlitzt, geteilt. Der "New Look" ist – wie ein Spötter meinte – dem "New Deal" gewichen. Die strenge Linie dieser Kleider aber wird durch passende Ledergürtel und Ledergarnituren, durch farblich übereinstimmende Mützen und Handschuhe eher noch verstärkt als gemildert. Man denkt an die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, an die Zeit, da sich Europa von den Wunden erholt hatte: auch damals wurde der Rock eng, die Blusen einfach und die Haare der Frauen kurz. Und wahrhaftig – die neue Hutmode, die sich in Paris für den Winter ankündigt, setzt schon wieder einen kürzeren Haarschnitt voraus: denn die neuen Hüte, aus Filz, Samt, Taffet oder Stoff angefertigt, werden eng über den Kopf gestülpt und erinnern leise an die helmartige Form mit ihrem nur schmalen Rand der damaligen Nachkriegszeit. (Übrigens ist es bei den Pariser Mannequins wegen des Kürzens der Haare nicht ohne Tränen abgegangen – zwei der bekanntesten Schönheiten weigerten sich standhaft, ihre Haare Schönheiten zu lassen und Jacques Fath blieb nichts anderes übrig, als die beiden "Reaktionärinnen" zu entlassen.)

Aber war es nicht so, daß Christian. Dior, der Schöpfer des "New Look", sich geschlagen gab? -Seine Modeschau hielt trotz entsetzlicher Hitze drei Stunden lang das elegante Paris in Bann. Er brachte weite Herbstmäntel, die auf engen Röcken – sie waren, seine Konzession an den neuen Geschmack – getragen wurden. Seine Nachmittagskleider aus feuerrotem oder mandelgrünem Lyoner Samt und die Abendkleider, mit der "Ligne cyclone" (das ist eine neue Machart, die den Stoff auf dem Rücken mehrschichtig aufeinander faßt, so daß er beim Gehen blätterförmig auseinanderflattern waren von der Mode der "hängenden Schultern" und des überlangen Rockes ebenfalls abgerückt. An den Abendkleidern fielen Schleppen, und besonders tiefe Ausschnitte in allen Variationen auf. Alles in allem: Der Anklang an das Biedermeier (das der Oberdirektor des Zweizonenrates in Frankfurt, Dr. Pünder, seiner eigenen Rede nach überall im deutschen Leben wieder auferstanden sieht, worauf einige spöttische Frankfurter, das Wort vom "Pündermeier" prägten), der Biedermeier-Anklang also scheint zu schwinden. Statt dessen will die Mode an die lebenstüchtigen Frauen etwa um 1925 erinnern. Diese Frauen hatten es gar nicht leicht. Sie stürzten sich in den Beruf, in den Betrieb, in das Leben. Und heute? Ist der Traum von vergangenen Zeiten und den zart-zierlichen Frauen schon an der Realität von 1948 zerbrochen? Paul Hühnerfeld