Professor Toynbee ist die repräsentative Persönlichkeit unter den englischen Historikern der Gegenwart. Einige seiner Werke werden in Kürze in Deutschland erscheinen.

Wir wollen versuchen, die Tatsachen zu werden sie es, weil sie Kapitalisten und keine Kommunisten sind; verdammt werden sie nach wie vor. Glaubensbekenntnisse kommen und gehen; das Wesentliche aber bleibt: für die Russen hat der Westen immer unrecht und Rußland immer recht.

Sowohl die Russen wie ihre westlichen Kritiker sind der Meinung, daß Rußland vor 1917 ein kapitalistisches Land gewesen und 1917 ein kommunistisches geworden sei. Aber Kapitalismus und Kommunismus sind ja beides Westliche Begriffe. Es sind ganz spezifische Produkte westlicher Geschichte, genauer gesagt: der westlichen industriellen Revolution. Solch eine industrielle Entwicklung hat es aber in Rußland niemals gegeben. Und Kapitalismus und Kommunismus wären den Russen völlig fremd geblieben, wenn sie nicht aus dem Westen importiert worden wären.

Warum aber um alles in der Veit hat Rußland sich einen made in Holland-Kapitalismus und einen made in Germany-Kommunismus nacheinander zugelegt? Ich glaube, daß beides in einer Art Selbstverteidigung geschah, weil es während der letzten sechshundert Jahre unter einem ständigen und ständig wechselnden Druck des Westens stand und in schmerzhafter Erfahrung feststellen mußte, daß seine einzige Chance, mit dem Westen fertig zu werden, darin lag, sich mit den eigenen Waffen des Westens zu verteidigen. Sicher ist jedenfalls, daß dies der Grund für die Einführung des Kapitalismus in Rußland war, wenn wir darunter die Lebensform verstehen, die sich vor allem in Holland und England am Ende des siebzehnten Jahrhunderts nach Abschluß der Religionskriege entwickelte. Die typischen Charakteristika dieser "bourgoisen" Zivilisation, waren: auf politischem Gebiet die parlamentarische Regierungsform und der Aufstieg des Bürgertums; in wirtschaftlichen Hinsicht: das freie Unternehmertum und die Mechanisierung; in geistiger Hinsicht die Entwicklung der Naturwissenschaftensammen mit dem religiösen Agnostizismus. Das alles hängt natürlich eng miteinander zusammen. Unsere moderne westliche Wissenschaft ist empirisch und experimentell; die Entdeckungen führen daher sehr schnell zu praktischer Auswirkung im Reich der Technik; die Technik aber dient ebensosehr dem Kriege wie dem Frieden. Bis zum siebzehnten Jahrhundert hatte die westliche Wissenschaft, obwohl sie noch in den Kinderschuhen steckte, doch die Waffen schon so weit entwickelt, daß Rußlands beiden westlichen Nachbarn, Polen und Schweden, dem weiten; russischen Reiche im Kriege überlegen waren. Peter der Große war es, der Rußland vor militärischer Eroberung dadurch rettete, daß er es – oberflächlich gesehen – in ein westliches Land verwandelte. Um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts hatte Rußland tatsächlich keine Wahl: es mußte westliche Zivilisation annehmen oder untergehen.

Und ähnlich war es 1917. Auch im zwanzigsten Jahrhundert war Rußland wiederum durch die überlegene militärische Technik seiner westlichen Gegner bedroht, und wiederum rettete es sich mit einer Art Pferdekur durch die Injektion westlicher Technik. Warum aber, wird man fragen, brauchte Rußland die Revolution Lenins, wenn es die Revolution Peters des Großen schon hinter sich hatte? Nun, unglückseligerweise ist die nicht westliche Majorität der Menschheit außerstande, mit dem Westen zu konkurrieren, wenn sie sich einmal in die Arena der Technik begeben hat. Seit dem siebzehnten Jahrhundert hat sich die Entwicklung der Technik in immer wachsendem Tempo beschleunigt; dank Peter dem Großen war Rußland noch in der Lage, sich hundert Jahre später gegen Napoleon zu verteidigen. Aber 1914 war Rußland durch die überlegene Technik in den Händen der deutschen Militaristen bedroht, genau so, wie es zweihundert Jahre früher durch dieselben Waffen in den Händen der schwedischen Militaristen bedroht gewesen war. Lenins Medizin war dieselbe wie die Peters des Großen, nur war sie angesichts einer größeren Gefahr sehr viel kräftiger. Als Peter die Drachenzähne der westlichen Technik in Rußlands Boden säte, kratzte er kaum das Erdreich mit dem primitiven Pflug eines Bauern. Als aber Lenin sie säte, benutzte er einen modernen Traktor und pflügte tief.

Rußlands verzweifelter Wettlauf mit der westlichen Technik dauert jetzt dreihundert Jahre. In seiner letzten Revolution der Verwestlichung – der bolschewistischen Revolution von 1917 – stellte es sein ganzes Leben auf den Kopf; und jetzt sind trotz allem seine Hoffnungen wieder aufs schwerste enttäuscht. Als Peter der Große in der Schlacht von Poltawa 1709 mit der nach westlichem Muster reorganisierten russischen Armee die Schweden geschlagen hatte, konnten sich die Russen sagen: "Jetzt können wir aufatmen!" Aber dann kam die gewaltige Entwicklung der Technik im neunzehnten Jahrhundert, und Rußland erlebte den militärischen Zusammenbruch des ersten Weltkrieges. Die Kommunisten nun schienen, wirklich game Arbeit geleistet zu haben. Von 1917 bis bis 1940 hatte ein kommunistisches Rußland sich aufs äußerste industrialisiert, und diese übermenschliche Anstrengung schien ihre Früchte zu tragen, als Rußland zum zweitenmal von Deutschland angegriffen wurde und die Geschichte diesmal einen anderen Verlauf nahm. Nicht ein Friede von Brest-Litowsk, sondern die Eroberung Berlins war das Ergebnis. "Jetzt können wir wirklich aufatmen!" sagten sich die Russen. "Jetzt können wir mit der westlichen Technik Schritt halten: Unser Sieg über Deutschland ist der Beweis." Und abermals wurden die Russen enttäuscht, Sie hatten kaum Zeit, sich zu ihrem Erfolg zu beglückwünschen, als sie erfuhren, daß die Amerikaner das Geheimnis der Atombombe entdeckt hatten. Die westliche-Technik hatte wieder einen gewaltigen Sprung vorwärts gemacht, und wieder ließ sie Rußland weit hinter sich.

Der Westen ist für Rußland ein ebenso unangenehmer Nachbar wie Rußland für uns. Es wäre im Interesse der Mehrheit der Menschen – das sind weder wir noch die Russen –, daß diese beiden gewaltigen Gesellschaftsgruppen sich vertrügen; aber das ist nach einer mehr als tausendjährigen Geschichte leichter gesagt als getan. Die alte Rivalität zwischen den beiden Hälften des Christentums hat jedem von beiden eine innere Überzeugung von der Wichtigkeit der eigenen Mission gegeben, deren Zusammenstoß immerwieder den Frieden, gefährdet. Wir beide sind überzeugt, die wahren Erben Israels, Athens und Roms zu sein; und wir beide glauben, daß wir als Auserwähltes Volk die Pflicht haben, unsere Erkenntnis und unsere Zivilisation dem Rest der Welt zugänglich zu machen.