In jener Londoner Zeitschrift "New Statesman and Nation", die bisher zur Frage des westdeutschen Industriepotentials eine durchaus nicht immer glückliche Haltung vertreten hat, ist jetzt ein Beitrag von Mr. Crossman erschienen, der volles Verständnis für die unselige Problematik der Demontagepolitik zeigt. Mr. Crossman, der, wie bekannt, Mitglied der Labour-Fraktion des Unterhauses ist, berichtet aus eigener Anschauung über die Demontagesituation der württembergischbadischen Uhrenindustrie. Sein Urteil ist so schroff, wie nur je eines aus deutschem Munde: er spricht sogar von "Plünderung". Man darf hoffen, daß diese Stimme auch in der amerikanischen Öffentlichkeit gehört wird, wo es bisher weitgehend an einer objektiven Kenntnis der Sachverhalte gefehlt hat, mangels einer wirklichen Unterrichtung durch die Administration.

"Tragisch und sinnlos" nennt Mr. Crossman die bisherige Reparationspolitik, weil sie sich genau gegenteilig zu dem einzig. möglichen Plan der Alliierten ausgewirkt habe, Deutschland durch Steigerung seiner Ausfuhr wieder wirtschaftlich gesund zu machen. Es wird von der "geringen (verbliebenen) deutschen Stahlkapazität" gesprochen – endlich! – und berichtet, daß Frankreich als Besatzungsmacht die Werkzeugmaschinen-Industrie "vernichtet", während sie in den übrigen Westzonen zu 83 v.H. erhalten oder sogar wieder aufgebaut werden soll. Der Widersinn geht weiter: in der Doppelzone wird eine Uhrenindustrie neu geschaffen, in der Südzone aber habe man, statt vorgesehener 72 v. H., zunächst nur 50 V. H. dieser Industrie beibehalten wollen, effektiv aber bereits das dismantling bis auf 35 v. H. des Standes von 1936 durchgeführt. Denn ehe’ überhaupt’ die interalliierte Reparationspolitik begonnen habe, sei schon ein Viertelaller Maschinen aus der französischen Zone herausgebracht worden, darunter natürlich vorwiegend moderne Anlagen – ohne daß die Reparationsagentur die geringste Kenntnis von dieser Aktion der "Deblockierung" erhielt! Der Steuerzahler in England und den USA müsse nun die Kosten dieser widersinnigen Politik tragen.

Mr. Barrett, der Vertreter von Smith Clocks, der sich gerühmt hat, bei der Kontrollkommission die Demontage-Quote für die Uhrenindustrie von 28 auf 50 v. H. heraufgedrückt zu haben, wird von Mr. Crossman mit sehr bitteren Worten getadelt. – In der Hauptsache aber trifft Crossmans Kritik die französische Besatzungsmacht, der attestiert wird, sie habe eine "systematische Entblößung des Landes", getrieben, wie sie in der sowjetischen Zone kaum schlimmer sei. Das ist für uns nichts Neues. Aber es muß wohl auch gesagt werden, daß Engländer und Amerikaner, als sie die längst beschlossene Vereinheitlichung der drei Westzonen nicht energischer betrieben, ein erhebliches Maß an Mitschuld auf sich genommen haben. Die Generale Clay und Robertson wußten ja wohl, was in der französischen Zone vorging, und waren sich gewiß darüber klar, daß sich die erforderlichen Aufwendungen für den Ausgleich der dort entstehenden Schäden mit jedem Tag weiter erhöhen müßten – Aufwendungen, die einmal aus den Mitteln ihrer Länder zu zahlen sein würden. Nun ist auch die südbadische Regierung in Freiburg zurückgetreten. Kurz bevor dies geschehen war, schrieb der "Manchester Guardian" noch: Die Tübinger Regierung habe der ganzen deutschen Bevölkerung mit ihrem Rücktritt einen guten Dienst erwiesen, intern sie die Aufmerksamkeit durch diesen drastischen Schritt auf die überhöhten Besatzungskosten richtete, und auf die Verschwendung von Menschenkraft und materiellen Gütern, die sich aus den Aufwendungen für alle Besatzungsmächte im Zusammenhang damit ergäbe. Auch diese Stimme wird im Ausland gehört werden; auch sie wird dazu beitragen, daß die bisher so oft beiseitegeschobene deutsche Kritik an den Maßnahmen der Besatzungsmächte künftig mehr Beachtung findet. n. f.

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