Innerhalb des Nürnberger Prozesses gegen den früheren Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Freiherrn von Weizsäcker, ist es kürzlich zu einer Kontroverse zwischen zwei Zeugen gekommen, die, sowohl was die Persönlichkeiten der Beteiligten als den historischen Gegenstand ihrer Auseinandersetzung anbetrifft, Interesse verdient. Das Gericht ist hier vor die äußerst schwierige Aufgabe gestellt, zwei ihm von der Verteidigung wie von der Anklage vorgelegte Dokumente zu prüfen, die, sofern sie beide als beweiserheblich gewertet würden, sich gegenseitig aufheben. Die Urheber der beiden Schriftstücke sind beide Berufsdiplomaten gewesen, der eine ein Deutscher, der andere ein Engländer. Beide standen vor dem Kriege im Mittelpunkt des Geschehens, das den Anklage- und Verhandlungsstoff bildet, und überdies in engen dienstlichen und persönlichen Beziehungen zueinander. Es handelt sich um Dr. Theo Kordt, Botschaftsrat und deutscher Geschäftsträger in London während der kritischen Periode, die mit der Sudetenfrage im Frühjahr 1938 begann und im Herbst 1939 mit dem Kriege endete, und um Lord Robert Vansittart, langjährigen ständigen Unterstaatssekretär im Foreign Office und diplomatischen Vertreter des britischen Kabinetts.

Zusammen mit seinem Bruder Erich, dem Leiter des Ribbentropschen Ministerbüros, war Dr. Theo Kordt eines der Werkzeuge der auf die Verhinderung des Krieges gerichteten Geheimpolitik des Staatssekretärs v. Weizsäcker und seiner Bestrebungen, zwischen der deutschen Opposition und der britischen Regierung ein Einverständnis herzustellen. Lord Vansittart war neben Churchill, Eden, Duff Cooper und anderen ein Anführer jener gegen die Appeasement Politik Neville Chamberlains frondierenden Konservativen, die eine bewaffnete Lösung der durch die Hitlersche Diktatur heraufbeschworenen europäischen Krise für unvermeidlich hielten und Regierung und Volk Großbritanniens darauf vorzubereiten suchten. Er war zudem ein Propagandist von bemerkenswert deutschfeindlicher Einstellung, dessen Broschüre Germany’s Black Record zu den Standardschriften der anti-deutschen Literatur zählt.

Dr. Theo Kordt hat vor einer Nürnberger Gerichtskommission in anderthalb Tage währendem Verhör durch Verteidiger und Ankläger eine sehr präzise Darstellung der geheimen Fühlungnahme gegeben, die er sofort nach seinem Eintreffen in London im April 1938 im Auftritt der deutschen Opposition und Weizsäckers in Vansittart, Halifax, Butler, Wilson und Chamberlain hergestellt hat mit dem Ziele, dem Kriegstreiben Hitlers entgegenzuwirken. Gestützt auf ein gerettetes Tagebuch und auf Aufzeichnungen die seine Frau nach einem nur dem Ehepaar bekannten Schlüssel gemacht hat, war Dr. Kordt in der Lage, bis auf Tag und Stunde die verschiedenen geheimen Zusammenkünfte und Besprechungen zu rekapitulieren, die er im Auftrag und Einverständnis Weizsäckers mit den Leitern der britischen Politik hatte. Äußerungen Vansittarts bei diesen Gelegenheiten werden wörtlich wiedergegeben und beleuchten eine Situation, die britische und deutsche Diplomaten auf das engste gegen den Diktator verbündet zeigt. Der Kreis um Weizsäcker, das muß das Verhörprotokoll auch dem Gericht bestätigen, hat das Menschenmögliche und mehr getan, um den Krieg zu verhindern. Er hat Friedensliebe und Vaterlandsliebe in einem höheren als dem nationalistischen Sinne über so fest eingewurzelte Begriffe wie Dienstgeheimnis und ’Beamteneid gestellt;

Die Anklage hat den verständlichen Einfall gehabt, Vansittart, einen der Kontrahenten Kordts, zu einer Stellungnahme zu veranlassen. Wie Kordt wurde auch Vansittart vor der Abgabe seines Affidavits vereidigt. Es besagt, ohne auf den Kordtschen Bericht im einzelnen einzugehen, fast in allem das Gegenteil. Vansittart. bezeichnet Weizsäcker auch heute noch als die – rechte Hand Ribbentrops. Er vermag, sich an nichts zu erinnern, was bestätigen würde, daß Weizsäcker versucht habe, Hitler und Ribbentrop in den Arm zu fallen. Die Brüder Kordt nennt er "zwar keine gefährlichen oder üblen Nazis", wohl aber "unzuverlässige, opportunistisch eingestellte und daher um so gefährlichere Konjunkturritter", die der Tyrannei bis zum Ende gedient und Anhänger der östlichen Expansionspolitik Hitlers gewesen seien.

Mit diesen Behauptungen setzt sich Vansittart nicht nur in Gegensatz zu der Aussage Theo Kordts, sondern auch zu Erklärungen, die Lord Halifax und Butler zu dem gleichen Thema abgaben. Unter dem 28. April 1948 machte Lord Halifax im Oberhaus unter Eid eine Niederschrift, in der es heißt,/daß er während seiner Amtszeit als Staatssekretär des Foreign Office vom Februar 1938 bis zum Dezember 1940 "durch Seiner Britischen Majestät Botschafter in Berlin und durch, meine Ratgeber im Foreign Office wiederholt dahin unterrichtet wurde", daß Baron Weizsäcker ein "entschlossener Gegner der Nazi-Ideale und Politik war, der seine Stellung im Auswärtigen Amt in Berlin dazu benutzte, soweit dies in seinen Kräften stand, die von Ribbentrop verfolgte Politik zu verhindern." Gegen Vansittarts "I still consider Baron von Weizsäcker the chief executant of Ribbentrop’s policy‘ steht Lord Halifax "... to bindet, so far as lay in bis power, the execution of the policy pursued by Ribbentrop ~~~~ klärung aber erscheint ~~~~~~~ man bedenkt, daß vor allem ~~~~~~~ bern von Halifax im Foreign ~~~~~~ auf die dieser sich ausdrücklich ~~~~~~ Brief, den Lord Halifax unter~~~~~~~ 1947 an Theo Kordt nach Godesberg richtete, kommt noch schärfer zum Ausdruck, daß gerade Vansittart der Kontrahent der gegen den Krieg arbeitenden deutschen Opposition in London war und mit den Brüdern Kordt, die Vansittart jetzt als Nazis und Opportunisten bezeichnet, in Fühlung stand. Lord Halifax schreibt hier: "Natürlich erinnere ich mich genau an die Information, die mir Lord Vansittart in den Tagen vor dem Kriege überbrachte und, die ihn, wie er sagte, durch Ihren Bruder erreicht hatte... Ich zweifle nicht daran, daß Ihr Bruder damit ein großes Risiko auf sich nahm und daß er so einen praktischen Beweis seiner aktiven Opposition gegen die verbrecherische Politik Hitlers erbrachte."

Zur Klärung des Sachverhaltes wäre es wünschenswert, daß ebenso wie der Verteidigungszeuge Kordt sich der Anklage zum Kreuzverhör präsentiert hat, auch der Anklagezeuge Vansittart sich dem Kreuzverhör durch die Verteidigung nicht entzöge. Im übrigen zeigt gerade die Kontroverse Kordt-Vansittart, auf welche Schwierigrigkeiten die Beweisführung in einem politischen Prozeß stößt und damit die Fragwürdigkeit, in einem solchen Verfahren Recht zu finden und zu sprechen. St–tz