Vor kurzem entschloß sich ein junger Russe, nicht nach Rußland und in die Sowjet-Zone zurückzukehren: er war im Dienst der Sowjet-Spionage in Westeuropa tätig, wurde durch Verrat eines. Mitagenten im internationalen D-Zug Basel–Stockholm verhaftet, und da er wußte, daß Mißerfolg im Sowjet-System eine unverzeihliche Sünde ist, zog er seine Konsequenzen. Aber diese Konsequenzen resultierten nicht allein aus seinem eigenen "Pech", das unter eine bisher sehr erfolgreiche Laufbahn den Schlußstrich setzte, sondern mehr noch aus der Tatsache, daß ihm mittlerweile ein neuer Sinn für Freiheit, Recht und Menschlichkeit aufgegangen war. "Ich will Absage tun einem System", so betonte er, "das eine große Idee zu einem ungeheuerlichen Verbrechen erniedrigte ..."

Als ich ein wenig über zehn Jahre alt war, durfte ich in die Lenin-Akademie in Moskau eintreten: dies nannte mein Vater, der russischer Offizier ist, die größte Chance, die ein Sowjet-Junge haben könne; ich war sehr glücklich. Die Lenin-Akademie – im Moskauer Viertel Nowobok gelegen – ist die große Schule des Stalinschen Denkens. Dort lehrte Professor Bassarow, der heute Vorlesung an der Berliner Universität hält, das Fach der "Politischen Philosophie": – ein geschickter Psychologe, der die Etappen des "kommunistischen Fortschritts" mit der Eindringlichkeit und den unvergeßlichen Farben des Märchens in die jungen Herzen einprägte: der erste kommunistische Mensch, der je gelebt hatte, hieß Christus –, was er begonnen hatte – Stalin hat es vollendet. Dazu kamen die Lehrsätze für Jungkommunisten in der hämmernden Sprache des Polit-Büros: "Der Jungkommunist hat zu glauben an die unendliche, völkerverbindende Kraft der kommunistischen internationalen Zusammenarbeit, er hat zu glauben an einen einstigen Weltstaat; er hat zu glauben in unerschütterliche Treue an Lenin, den Großen; er hat zu glauben an Josef Stalin, den Einzigen Wir trugen grüne Uniformen mit goldenen Knöpfen und dem Sowjetstern, enge hohe, schwarze Kragen, enge Hosen, braune Schuhe. Und wir glaubten. Wir waren schon als Elf- und Zwölfjährige bereit, zum Besten der sowjetischen Idee jeden Mord zu begehen. Hieß es nicht in den Anweisungen: "Der Jungkommunist hat zu kämpfen ohne Hemmungen, um alle fortschrittlich gesinnten Menschen zu stützen" ..? Als Dreizehnjähriger sah ich die "Troika", die erste Einzelhinrichtung: ein Mann, der ein Feind Stalins war, wurde vor unseren Augen aus zwei Meter Abstand erschossen. Wir lernten, daß dies die gerechte Strafe sei, und wir zweifelten nicht. Von da ab haben wir an vielen Hinrichtungen als Zuschauer teilgenommen: dies gehörte zum Lehrplan der Lenin-Akademie; wir sollten lernen, hart zu werden. Wir wurden hart, Denn so hieß das Gelöbnis der Jungkommunisten, das wir auswendig lernten, wie andere Kinder Gebete lernen: "Der Jungkommunist hat niemals privat zu denken, er darf kämpfen und er soll kämpfen, ohne die geringsten Gefühle zu hegen, wenn er nur den fortschrittlichen Genossen unserer Welt nützt und das sowjetische Ansehen im allgemeinen nicht zu tief schädigt ... Der Jungkommunist hat niemals religiös zu denken; dafür haben wir unsere Wissenschaft."

Diese Wissenschaft, wie sie uns dargeboten wurde, folgte der Lehre Darwins in der populären Wendung, daß der Mensch zuerst auf allen vieren gegangen sei und sich langsam erhoben habe. Von Christus hörten wir, daß er nichts als ein fortschrittlicher Mensch gewesen sei, der die richtige Idee gehabt habe, Menschenliebe durch Gewalt zu verbreiten Aber heute glaube ich an einen Gott. Ich bin durch mich selbst, nicht durch Bücher, zu der Ahnung gekommen, daß es außerhalb der Sphäre menschlichen Irrtums eine Kraft gibt, die ich Gott nenne. So bin ich ein Mann geworden; bisher war ich eine blinde Maschine.

Es ist die Lenin-Akademie, die eine wohl in der Welt einzig dastehende Höchstleistung darin erreicht hat, die geschärfte Intelligenz der Schüler. nach absolut materialistischer Denkmethode ausschließlich auf Staatszweckmäßigkeiten auszurichten. Zugleich weckte man früh den Sinn dafür, daß einer, der sich Verdienste erworben hatte, auch Vorteile haben müsse. Wer – wie ich – das Rangabzeichen für Verdienste, einen roten Strich auf dem Ärmel, trug, hatte Privilegien. Er durfte bis elf Uhr nachts Licht auf seinem Zimmer brennen; er durfte vor allem wöchentlich einmal zu den Mädchen gehen. Auf diese Weise lernte er zugleich, daß die Liebe verächtlich sei für einen Menschen, der sein Leben in den Dienst, der Sowjet-Idee stellt. Man legte uns Photographien von Mädchen und Adressen vor, und wir konnten auswählen. Wir lernten, der Verkehr mit Mädchen solle rein sexuell sein. Wenn er aber in Liebe ausarte – so lernten wir –, müßten wir es der Akademieleitung melden, damit Einhalt geboten werden könne, Wir handelten danach. Gab es einige, die nicht ohne Ehe auszukommen glaubten, so erhielten sie den Wink, nur an eine Jungkommunistin zu denken, die selber im Nachrichtendienst arbeite. Dann könnten gleich auch die Kinder aus sicher Ehe im Geiste des Nachrichtendienstes erzogen werden. Vergaß ich zu sagen, daß die Lenin-Akademie die sowjetische Hochschule für Spionage ist? Offiziell haben die Absolventen das Recht, die Universität zu besuchen. Aber kaum einer tut es. Jährlich stößt die Akademie zweihundert Agenten aus: zur Härte erzogene junge Menschen mit allen möglichen Sprachkenntnissen und großer Energie, die entschlossen sind, keine Hemmungen zu haben, ausgestattet mit allen Privilegien und nur einer Furcht im Herzen: der Angst vor dem Mißerfolg.

Im Jahre 1941 wurde die Schule zeitweilig nach Molotow, nahe bei Nowosibirsk verlegt: dort lernte ich fliegen, dort nahm ich auch an einer Spezialschulung für Sabotage teil und erfuhr beispielsweise, wie man die Räder von Güterwagen unbrauchbar macht: man wirft eine Handvoll Granitsand in die Öffnung, durch die sonst das Rad geölt wird – zwei Stunden später sprengt diese einfache Ladung das rettungslos heiß gelaufene Rad, und der Zug steht. Dieses Verfahren habe ich später oft angewendet, in Deutschland nämlich, wo ich seit September 1943 tätig war. Wir waren mit Hilfe von Fallschirmen aus einem Flugzeug in der Gegend von Schneidemühl abgesetzt worden, und ich für meinen Teil wurde als "Freiwilliger Ostarbeiter" zum Reichsbahn-Reparaturwerk Leipzig dirigiert. Wir Agenten waren mit Pässen aller Art versehen, die von echten Ausweisen nicht zu unterscheiden waren. So besaß ich einen Ausweis mit einem gefälschten Stempel des deutschen OKW: "Der Unterzeichnete arbeitet in Rahmen von Wohltätigkeitsveranstaltungen der Wehrmacht." Tatsächlich trat ich gelegentlich als Balalaika-Spieler und Saxophonist auf.

Ich war in Berlin, als die russischen Panzer in die Stadt rollten. Dort hatten wir Angehörige der "Dynamo-Gruppe" uns mit unserem Chef, dem Kommissar Soboczinski, eingefunden, um am 2. Mai 1945 mitzuerleben, wie am Brandenburger Tor die Sowjetfahne gehißt wurde. Viele von uns hatten Tränen in den Augen; auch ich zweifelte damals noch nicht an unserer Idee.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Rußland wurde ich – mit englischen Pfunden reichlich ausgestattet – nach Nordfrankreich und danach in die amerikanisch besetzte Zone Deutschlands geschickt. Ich arbeitete mit allen wichtigen Punkten des sowjetischen Nachrichtennetzes zusammen: mit der Stelle der Sowjets in der Roeckstraße zu Lübeck, mit der sogenannte! jugoslawischen Verbindungsstelle im UNRRA-Haus zu Hamburg, mit der Stelle in der Herkomerstraße 8 zu München, mit der Niederlassung im IG-Hochhaus zu Frankfurt am Main. Durch den Verrat eines Mitagenten wurde ich. auf einer Reise, die mich von der schweizerischen Grenze, nach Hamburg und Lübeck führen sollte, im D-Zug Basel – Stockholm verhaftet. Ich erhielt Gelegenheit nachzudenken ...