In Benesch sah die westliche Welt seit dreißig Jahren einen der bedeutendsten Vertreter ihrer eigenen Lebenswerte. In gefährlicher Vereinfachung pflegte man Wesen und Idee des neuen tschechoslowakischen Staates mit dem Namen Benesch und dem seines Lehrers Masaryk zu identifizieren. Hierin lag für die junge Republik, ein wertvolles politisches Kapital, und einsichtige Politiker in Prag wußten dies sehr wohl zu schätzen, allen voran der alte Präsident Masaryk. Sooft auch in den siebzehn Jahren seiner Präsidentschaft der Versuch unternommen wurde, Benesch aus der Leitung des Außenministeriums zu entfernen, scheiterte er. doch jedesmal an dem Widerstand Masaryks. Denn Masaryk wußte nur zu gut, was allein die persönlichen Beziehungen, auf ungezählten Reisen, internationalen Kongressen und Völkerbundstagungen geknüpft und von Dr. Benesch geschickt gepflegt, für den politischen und wirtschaftlichen Kontakt seines Landes mit der Welt bedeuteten. Und als sich Masaryk aus gesundheitlichen Rücksichten zum Verzicht auf sein Amt entschloß, da setzte er sich mit Seiner ganzen Autorität dafür ein, daß Benesch zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Denn, so sagte er: "Ohne Benesch hätten wir nicht unseren Staat." Damit ist der Anteil, der Dr. Benesch an der Zerreißung der alten Donaumonarchie und der Gründung der tschechoslowakischen Republik zukommt, gewiß nicht in hoch bemessen.

Gerade hier aber wird später einmal der erste Zweifel an seinem Lebenswerk einsetzen. Der große tschechische Geschichtsschreiber Palacky hatte das Wesen des südosteuropäischen Raumes sehr deutlich erkannt und formuliert: Wenn es die Donaumonarchie nicht gäbe, dann müßte ein ähnliches Gebilde geschaffen werden! Aber Benesch und mit ihm Masaryk hatten sich von dem Taumel eines übersteigerten Nationalismus mitreißen lassen und hatten systematisch an der Zerstörung jenes übernationalen und überkonfessionellen Staates gearbeitet, der heute als Kern eines europäischen Staatenbundes ein wichtiger Baustein für die Zukunft hätte sein können. War es wirklich so schwer, vorauszusehen, daß ein kleines Land wie die Tschechoslowakei in so unfundierter und labiler Staatlicher Selbständigkeit mehr gefährdet und äußeren Einflüssen stärker ausgesetzt war, als wenn es in einer großen einflußreichen Gemeinschaft mit anderen Völkern verblieben wäre? Weder die Situation, in die Hitler das tschechische Volk gestürzt hatte, noch die, in der es sich heute befindet, wären denkbar, wenn noch der alte Donaustaat bestände als eine starke Brücke nach dem Osten und Südosten, als eine in älter religiöser, kultureller und administrativer Gemeinschaft gewachsene historische Einheit.

Benesch Glanzzeit fiel in die Jahre von 1918 bis 1938, in jene Zeit, da das aus den Fugen geratene Europa mit den Mitteln einer überkommenen Diplomatie und einer revisionsbedürftigen, aber nicht revidierten Wirtschaftsordnung alte Machtpositionen und Lebensgewohnheiten zu bewahren versuchte, die auf die Dauer nicht mehr zu verteidigen waren. Ein typischer Exponent dieser Übergangszeit, hatte Benesch sowohl ihre Vorzüge wie ihre Fehler: die vielseitigen, aber nicht auf den Gipfel staatsmännischer Größe hinaufreichenden Gaben eines brillanten Routiniers, den ganzen sich selbst Suggerieren Optimismus. eines Zeitalters, daslängst an sich irre geworden war und das kaum noch die Erkenntnis – und noch weniger die Willenskraft zu neuen Wegen besaß. Er genoß die Freude am taktischen Erfolg, der, aus der Krise des jeweils Möglichen geboren, vor dem auf die Dauer Möglichen so selten besteht.

Was für Hoffnungen knüpfte Benesch nicht an sein Lieblingskind, die kleine Entente.’ Und was blieb von ihr in der Stunde der Bewährung übrig? Wie sicher glaubte er seinen Staat durch die Zusagen und vertraglichen Verpflichtungen Frankreichs geborgen? Und wie brach ihm eine Welt zusammen, als die Botschafter Englands und Frankreichs in jenem September 1938 zu nachtschlafender Zeit von ihm die Abtrennung der Sudetengebiete verlangten. Niemals hat er die Erinnerung an dieses Erlebnis verwunden. Darum versuchte er die zweite Republik auf einer Grundlage zu errichten, die tragfähiger sein würde: er schloß im September 1943 einen Freundschaftspakt mit Rußland. Aber auch hierin wurde ihm sein in den eigentlichen Schicksalsfragen zuweilen an Phantasterei grenzender Optimismus zum Verhängnis. Er hatte offenbar keine zutreffende Vorstellung von den expansiven Machtbestrebungen Moskaus, sondern gab sich wie Roosevelt einer fatalen Selbstberuhigung hin.

Und noch einmal am Ende des zweiten Weltkrieges diktierte nationales Ressentiment sein Handeln, als er die Austreibung der Sudetendeutschen anordnete. Glaubte er wirklich, daß er damit auf die Dauer seinem Volk und den Ideen der Humanität und Demokratie nützen würde? Hier hätte die "Entösterreicherung", zu der ein Teil der tschechischen Presse in der ersten Republik sooft aufgerufen hatte, Formen angenommen, die allerdings den Traditionen der Wiener Hofpolitik so fern und dem Barbarismus des Nazitums so nahe waren, daß ihr Bild im Buch – der Geschichte für alle Zeiten einen dunklen Schatten erhalten wird.

Als im September 1938 der Krieg drohte, rief Benesch in einer Rundfunkrede seinem Volk die aufrichtenden Worte zu: "Ich habe meinen Plan." Mancher Tscheche schöpfte aus diesen Worten Hoffnung und Zuversicht. Später, als sich die Haltlosigkeit, jener Ankündigung herausstellte, gingen viele bittere Scherzworte von Mund zu Mund über dieses "Ich habe meinen Plan". O, er hatte viele Pläne und er hatte auch viel Geschick. Und es ist ihm manches gelungen in seinem arbeitsreichen, abenteuerlichen, vom Aufstieg zum Sturz und wieder zu neuem Aufstieg führenden Leben. Aber einen Plan, der über den fahrenden Tag hinaus Bestand haben konnte, einen solchen Plan hatte er nicht. Robert Strobel