Wunstorf, ein kleiner Ort nahe bei Hannover, ist den Berlinern ein Begriff geworden. Der kleine Ort hat einen großen Flugplatz: der ist neben den Plätzen von Faßberg und Lübeck in der britischen Zone eine der Basen, auf denen die Luftbrücke nach Berlin ruht. Freilich, dies Wort von der Luftbrücke, der "Air bridge", ist in der ganzen Welt berühmt geworden. Aber für die Berliner bedeutet dies Wort: Aufrechterhaltung der Lebensmittelzuteilung, Kohlenversorgung für den notdürftigen Verkehr und für zwei Stunden Strom pro Tag, Unterhalt des Postverkehrs. Der Name Wunstorf sagt den Berlinern außerdem: – Wir sind nicht im Stich gelassen!

"Hilfsaktion"... "Sondereinsatz" "Ausnahmezustand" ... unwillkürlich ist man versucht, Ausdrücke zu verwenden, die den Berlinern aus Krisenzeiten nur allzu vertraut sind. Innerhalb von zwei bis drei Tagen ist die "Berliner Aktion" ins Leben gerufen worden, wobei nicht nur die Organisatoren der Royal Air Force, der Army und der Control Commission for Germany, sondern auch die Mitarbeiter des deutschen Beauftragten für die Lebensmittelbeschaffung, Lagerung und Weiterbeförderung der Güter Übermenschliches geleistet haben.

Heute ist alles eingespielt: Am äußersten Rande des Wunstorfer Flugplatzes treffen täglich rund 50 bis 60 Eisenbahnwagen ein, mit Lebensmitteln oder mit Kohle beladen. Sie werden von deutschen Arbeitern auf Lastwagen verladen, die in langer Kette zu den großen Hangars fahren, wo, sofern die Lasten nicht sofort in den Flugzeugen verstaut werden können, die Lagerung und nötigenfalls das Umpacken und Abwiegen vorgenommen wird. Berge von Säcken und Kisten türmen sich hier auf, von nah und fern zusammengebracht, aus Übersee, aus England, aus Westdeutschland: – ein beruhigender und ermutigender Anblick. Der Mann, der hier, in enger Zusammenarbeit mit der Control, Commission dem Zweizonenamt Frankfurt und dem Berliner Magistrat "regiert", ist Herr Leue, der Wunstorfer "Sonderbeauftragte für die Lebensmittelversorgung Berlins". Dieser tüchtige und fähige Mann arbeitet 16 Stunden täglich. Und sein Stab von 82 Leuten, den Hangarmeistern und den "Checkern", denen die Überwachung der Ent- und Beladung obliegt, kommt mit weniger als 13- oder 14stündiger Arbeit nie davon. Diese aus allen Gebieten der westdeutschen Länder zusammengerufenen Männer sind in den Gasthäusern der Umgebung untergebracht. Ein Lastwagen sammelt sie frühmorgens. Arbeitsbeginn sechs Uhr.

"Air Dispatch" heißt eine andere wichtige Zentrale, für die Major Crisp-Jones verantwortlich ist. Ihre Sache ist es, die Lastwagen und Tankwagen zu den Flugzeugen zu dirigieren, wo geschultes Personal der Army für das richtige Laden sorgt. Schließlich gibt "Air Dispatch" auch die Anordnungen an das R. A. F.-Personal, das die jeweils startbereite Maschine übernimmt. Und immer wieder wird der Moment, in dem die nächtige Yörk-Maschine sich trotz ihrer großen Last von der Rollbahn loslöst, für den beobachtenden Laien ein rätselhafter Augenblick sein.

Jede Flugzeugbesatzung – es sind ihrer jetzt 60 zu je vier Mann in Wunstorf stationiert – unternimmt drei Flüge hintereinander nach Berlin. In den Pausen aber, die während des Ladens entstehen, kann man sich mit ihnen in ihrem Aufenthaltsraum, dem "Malcolm Club", unterhalten. – Es’sind Flieger, die während des Krieges viel erlebt haben und heute stolz darauf sind, an dem großen Experiment der Versorgung Berlins beteiligt zu sein. Nur eines bedauern sie: daß sie von Gatow, dem Landeplatz der britischen Flugzeuge so gut wie niemals bis zur Stadt selber vordringen können. Sie fühlten sich während der ersten Wochen, als in Wunstorf noch 200 Maschinen das Flugfeld mit einem nicht abreißenden Getöse erfüllten, an die Zeiten des Krieges erinnert. Heute ist ihnen der Betrieb schon alltäglich geworden.

Im ("Malcolm-Club" gibt es Tee, Sandwiches, Kuchen und Radiomusik. Ein reizendes junges Mädchen sitzt hinter der Theke –: sonst Schülerin einer haus wirtschaftlichen Schule in London, Auch ihre Schwester und ihre Mutter seien hier – sagt sie – und sie wechselten sich schichtweise ab. Schließlich stellt sich heraus, daß die beiden jungen Mädchen die Töchter des Luftmarschalls Baker sind: sie haben sich ehrenamtlich in den Dienst der guten Berliner Sache gestellt.

Die Soldaten der Army – 700 Mann – wohnen am Rande des Rollfeldes, wo in wenigen Tagen eine ganze Zeltstadt erwuchs, die mit Feldküche, zwei großen NAAFI – Zelten und kleinen, rührenden Blunengärtchen ausgestattet ist. Ein wenig weiter abseits aber werden jetzt Nissenhütten gebaut: winterfeste Quartiere für den Fall, daß die Luftbrücke auch noch lange Zeit der einzige Weg vom Westen nach Berlin bleiben sollte. Das große NAAFI-Zelt untersteht der mütterlichen Obhut einer Vertreterin des Women’s Voluntary Service, einer Organisation, die sich der Wohlfahrt der Soldaten während der Freizeit annimmt. Sie sagt, daß ihre Soldaten in guter Stimmung seien. Allerdings, nach mehr als zwei Monaten anhaltender Überbeanspruchung der Kräfte seien Ermüdungserscheinungen eben doch bemerkbar. Nichtsdestoweniger dringt in den Abendstunden aus dem großen Zelt Musik hinaus, und Gesang unentwegter Biertrinkender mischt sich mit dem Geräusch der ständig vorüberfahrenden Jeeps und Lastwagen, der landenden und startenden Yorks.