Morgens um acht, nachmittags um fünf und nachts um elf Uhr wird der Schichtwechsel der G.C.L.O. vorgenommen. So unsagbar abgekürzt heißen die deutschen Arbeitskommandos: rund 1800 deutsche Arbeiter, die an den Eisenbahnwagen, in den Hangars, beim Aus- und Einladen der Waren und bei den Bodenarbeiten beschäftigt sind und die aus den beiden ehemaligen R.A.D.-Lagern in Neustadt und Poggenhagen täglich nach Wunstorf gefahren werden. Alle Altersgruppen sind in den G.C.L.O. vertreten, doch die jüngeren Jahrgänge zwischen 18 und 30 Jahren herrschen vor. Zusammengewürfelt aus allen Teilen Deutschlands, sind sie durchweg alle vom gleichen Los der Heimatlosigkeit, der inneren und äußeren Entwurzelung betroffen. Herausgehoben aus den normalen Bindungen des menschlichen Lebens an Besitz, Familie, Häuslichkeit und Beruf, tragen sie die Merkmale des ewigen Lagerlebens, Kennzeichen eines Ausnahmezustandes, der ihnen schon zum eigentlichen Leben geworden sein mag. Viele von ihnen konnten nach ihrer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft nicht in ihre ostdeutsche Heimat zurückkehren; sehr viele sind aus der Ostzone geflüchtet, weil sie Arbeitsverpflichtungen für die Uranbergwerke entgehen wollten; viele haben ihre Familien "drüben" zurückgelassen, und es bedrückt, sie, daß sie den Angehörigen seit der Währungsreform kein Geld mehr schicken können; dieser oder jener junge Bursche’ läßt durchblicken, daß bis vor kurzem der berüchtigte Bahnhofsbunker von Hannover sein Ort des Aufenthaltes war. Man müßte sich dieser Menschen mehr annehmen als es geschieht. Hier wären Ansatzpunkte für eine Re-education" im guten Sinne, da doch bei dem Unternehmen der "Luftbrücke nach Berlin" für die englischen und deutschen Helfer nicht nur gemeinsame politische, sondern auch gemeinsame menschliche Interessen gegeben sind. Die Ernährung der deutschen Arbeiter ist vorzüglich. Doch kommt es immer nur auf die Ernährung an?

Auf dem Flugplatz laufen die vielversponnenen Fäden der Organisation im sogenannten "Operations-Block" zusammen. Hier sind die Büros des Flugfeld-Kommandanten, des Brigadiers Dawson, des Kommandanten der Rear Air Supply Organisation des Lt.-Colonels Forward, der Vertreter der C.C.G. Die Ruhe, mit der indiesem organisatorischen Zentrum des Flugplatzes gearbeitet wird, ist erstaunlich. Ja, selbst die ersten Tage und Wochen allergrößter Anspannung haben die souveräne englische Ruhe in den Räumen des Operations-Blocks nicht aus dem Gleichgewicht bringen können. Selbst nicht einmal der Besuch des Feldmarschalls Montgomery vermochte einen Hauch von Nervosität zu verbreiten. Montys Wagen fuhr vor, begleitet von zwei Polizeiautos, deren rotmützige Besatzung als einzige eine straffe militärische Form wahrte. Und während der Feldmarschall seinen Rundgang machte, lief zwischen den Yorks alles, was Lust hatte, mit; jeder knipste nach Belieben, und manche machten sich einen Spaß daraus, mit "Monty" zusammen auf ein Bild zu kommen.

Beim Verlassen des Fluggeländes sah ich, daß zwei betont fremdländisch aussehende Männer den Schlagbaum hoben. Wer waren sie? Displaced Persons! Ihr Anblick unterstrich, was überall in Wunstorf in Erscheinung trat: die "Aktion Berlin" ist längst ein europäisches Anliegen geworden!