Von Hanns Braun

Es gibt einen Augenblick, einen großen, schicksalsträchtigen Augenblick, in dem der Unterlegene, eines Krieges dem Sieger in einem sonst nie wieder zu erreichenden Grade "geöffnet" ist, so zwar, daß er, der Sieger, fast mühelos echte und tiefe "Wandlungen" in dem Besiegten wirken könnte. Dieser Augenblick beginnt mit der Waffenstreckung, und er währt eine Weile fort; dabei zeigt sich eine gewisse Unabhängigkeit von äußeren Ereignissen, die ihn als eine Gnadenfrist und große Chance kenntlich macht. Denn solange diese währt, wird empfangenes Leid nicht aufgerechnet und viel Müh’ und Plage geduldig, ohne das Schwären des Gegengefühls, hingenommen.

Zur Tragik des Menschengeschlechts gehört es aber, daß dieser schöpferische Augenblick wohl vom Besiegten erlebt, aber vom Sieger nur selten wahrgenommen wird. Das ist auch – man muß es zugeben – in einem unmittelbaren Sinne (des "Durchschauens") nicht leicht. Denn der Sieger, er kommt ja von der "anderen Seite". Er ist – im Lande und Anblick des gestern noch geheimnisvoll hinter der Feuerlinie Verborgenen – noch ganz erfüllt von den Gebärden des Kämpfers: von seinem Mißtrauen gegen Falle, Hinterhalt und jähen Wiederbeginn des Gemetzels. Und selbst dort, wo im allerwörtlichsten Sinn der Unterlegene ihm auf Gedeih und Verderb, auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist, scheint der Sieger mannigfach behindert, das Außerordentliche, Unwiederbringliche, die hohe Gunst der Stunde zu begreifen, in welcher der Besiegte die Niederlage als eine Art Gottesurteil annimmt und bereit ist, dem Sieger die bessere Ordnung zuzutrauen und abzulernen.

Aber mögen jene allgemeinen Erfahrungen der Menschheit, die das Allgemeine stets neu installieren, noch so mächtig sein –: verwehrt war es in all den Jahrtausenden keinem Sieger, dieser seiner gewaltigsten Chance innezuwerden. Der Sieg ist in der Tat ein außerordentliches Phänomen; er besitzt verwandelnde Kraft, nicht nur für den Besiegten, sondern auch für den Sieger selbst. Mögen ihn eben noch nichts als Haß und Rachedurst erfüllt haben, plötzlich sieht er sich in ein völlig neues Wagnis gerufen: in das Wagnis der Großmut. Und selbst wenn er die friedsame Erbötigkeit des Besiegten nur als Niedergeschlagenheit und Furcht ermißt (also die Heils- und Gnadenerwartung darin verkennt), so sieht er sich doch, wofern er den Namen eines Menschen verdient, unfehlbar vor eine Entscheidung gestellt; denn neben der Ungnade ist die Gnade, neben fortgesetzter Vernichtung sind Rettung und Wiederherstellen realiter möglich geworden.

Das Bildnis des "Siegers von Breda" wäre nie gemalt worden oder hätte höchstens den Ruhm eines Kuriosums erlangt, wenn nicht zutiefst im Menschen die Gewißheit wäre, daß nur der Großmütige ein "Sieger in der Fülle des Worts" werden kann. Der Triumphator – der also, der sich im Augenblick des Sieges nicht mitbesiegt, sondern allein die große Gelegenheit der Vergeltung und Demütigung, die Stunde seiner Willkür gekommen sieht – dieser Wollüstige ist auch realiter nicht auf der Höhe der Situation; oft genügen zwei, drei Jahre, zu erweisen, welcher Hilfen, welcher Siegermöglichkeiten auf weitere Sicht er sich damit beraubt hat. Ja, der Keimling, der einen Sieg in Niederlage wandelt, ist nicht selten so in Hoffart, Willkür und Weg wurf vom Sieger selbst gelegt worden; wir Deutschen werden nicht die Letzten sein, die davon zeugen könnten.

Weder den Griechen mit ihrem Genie für das Menschlich-Wahre (als ein zuhöchst Natürliches) noch den staatsklugen Römern waren diese Zusammenhänge verborgen. Seit und solange es ein christliches Abendland gegeben hat, konnte die Hochgemutheit des Siegers zudem in der Gewißheit eines Gehorsams wirken, der da mehr ist als Klugheit und dem daher, zusamt den Früchten der Klugheit, noch tiefere Gnaden und Segnungen verheißen sind. Ja, der Sieger konnte in einem ähnlichen Sinn über sich selbst hinaus handeln wie der Blindflieger unserer Tage: auf das Vertrauen hin, daß die ihm mitgeteilten Zeichen zum rechten Ziele führen müssen. Und das ist nicht nur vor Breda, sondern tausend- und aber tausendmal geschehen. Bis in die neueren Zeiten herauf.

Seit sich aber der Mensch mehr und mehr aus Bindungen gelöst hat, innerhalb derer Edelmut, Großherzigkeit und Ritterlichkeit als Siegel des Gehorsams erscheinen, hat sich die Lage sichtbar verändert. Freilich: jener Edelmut, der sich weigert, den Besiegten, nur weil er der Besiegte ist, auch menschlich zu deklassieren, jene echte Demut, die gerade im Augenblick des geschenkten Sieges als die gewisseste aller Gewißheiten festhält, daß wir "allzumal Sünder sind", mangelnd des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten, sie sind auch in unserm Jahrhundert nicht ausgestorben. Aber sie verraten eine deutliche Neigung, ins Private und Anonyme zurückzutreten. Es gehört geradezu unter die Kennzeichen unserer Tage das Vermeiden repräsentativer Symbolakte, die irgendwie eine Ehrung des Besiegten durch den Sieger einschlössen – wie denn überhaupt letzthin die offiziellen Vertreter des Sieges mehr als Funktionäre jener Wut in Erscheinung treten, die nach Le Bon der eigentliche Seelenzustand des Massenmenschen ist, als daß sie sich wie frei handelnde Persönlichkeiten dagegen verwahrten und abhöben. So jedenfalls hat es geschehen können, daß (mit Ausnahme einzig der Kirchen) die Einsichtigen und Wohlmeinenden überall ihre Hoffnung auf die Zeit und ihre Heilkräfte haben-setzen müssen, während die gegenteilige Haltung, die dem Unterlegenen sein Los zu schärfen wünscht und ihm vom gigantischen Siegesmal bis zur täglich erneuerten Schikane jede mögliche Demütigung zuwendet, über Jahre hinsich ungehindert entfalten durfte.