Vor 20 Jahren, am 8. September 1928, starb als Botschafter in Moskau Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, einst der deutsche Unterhändler in Versailles.

"Den Frieden will ich verhandeln und schließen als einen Frieden des Rechts." (Brockdorff-Rantzau, am 2. Januar 1919.)

Ulrich Graf – Brockdorf – Rantzau gehörte einer in seinem Volke und in seinem Stande gleich selten anzutreffenden Gattung an: er war ein Politiker. Dies hat, mehr noch als in anderen Ländern der Fall sein würde, seine Vereinsamung herbeigeführt – da ja bei uns nach Ansicht der meisten Politik nichts anderes bedeutet als den Wechsel zwichen den berühmten Faustschlagen auf den Verhandlungstisch und plumpen, ach so durchsichtigen Übertölpelungsversuchen.

Demgegenüber hat Brockdorff-Rantzau versucht, Politik zu machen aus der Kenntnis und mit der Benutzung der europäischen Realitäten. Als er 1918 zum Reichsminister des Auswärtigen berufen wurde, wollte er aus dem deutschen Zusammenbruch retten, was noch zu retten war, mit Hilfe einer in der Welt mächtigen, wenn auch immer wieder verfälschten oder verratenen Idee: er stellte seine Politik auf die Ideale des nationalen Selbstbestimmungsrechts der Völker und der politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Staaten. Als aber diese Ideale in Versailles in einer für ihn unerträglichen Weise vergewaltigt wurden, als insbesondere das deutsche Volk durch willkürlichen Vorgriff auf die Ergebnisse späterer Geschichtsforschung einseitig mit der Kriegsschuld belastet werden sollte, trat er zurück. Später, 1922, ging er dann wieder in die Politik, als deutscher Botschafter in Moskau ein Anwalt der Ostorientierung. Zurückhaltung gegenüber dem europäischen Westen wurde nun sein leitendes Prinzip, und hieraus ergab sich dann in den zwanziger Jahren sein Gegensatz zu Stresemann.

Die Dokumente über die Einzelheiten dieses Gegensatzes ruhen heute in den nach Osten verschleppten Archiven des deutschen Auswärtigen Amtes. Soviel aber läßt sich sagen: seine Konzeption der deutschen Außenpolitik war weit mehr von Skepsis und Zurückhaltung diktiert als die Auffassung Stresemanns, welcher unbedenklicher in die optimistischen Strömungen demokratischer Zusammenarbeit eintauchte, deren großer Anwalt der Franzose Briand und deren Symbol der Locarno-Vertrag war. Auch in seinem persönlichen Gehaben fand der robustere Stresemann müheloser den Zugang zu den Formen der bürgerlich-demokratischen Nachkriegsaera, Brockdorff-Rantzau hingegen, bei allem aus seiner lebhaften Intelligenz erwachsenden Verständnis für die Demokratisierung der Welt, blieb doch immer das hochgezüchtete Produkt der noch stark von feudalistischen Elementen durchsetzten Epoche, die wir in Deutschland Wilhelminismus nennen. Daher haftete er mit Empfinden und Denken. noch stark an dem diplomatischen Zeremoniell der alten Schule, daher konnte er in seinem praktischen Verhalten einem überspitzten Formgefühl zum Opfer fallen, wie dies 1919 in seinem Auftreten zu Versailles verschiedentlich zutage getreten ist.

Die Hergänge in Versailles werden vom Ausland her erneut – und mit besserem Verständnis als vielfach früher – beleuchtet in dem 1941 erschienenen Werk von Alma Luckau: The German Delegation at the Paris Peace Conference. Der um politisches Denken bemühte deutsche Leser sollte sich dem tieferen Eindringen in eine Epoche nicht entziehen, in der immerhin das deutsche Volk noch vor der Wahl stand, aus den Fehlerndes Wilhelminismus und der Ludendörfischen Staatsführung zu lernen oder durch Wiederholung und Übersteigerung dieser Fehler ins Verbrecherische sich selbst jeder selbständigen politischen Existenz zu berauben, Brockdorff-Rantzau hat diese Alternative klar gesehen. Dies bezeugen die Worte, die er am 9. Juli 1919 angesichts des gegen seinen Willen unterzeichneten und von ihm ausdrücklich als "ungeheuerlich" bezeichneten Friedensvertrages in staatsmännischer Besonnenheit fand: "Jetzt aber, wo in Versailles die Vertreter Deutschlands, deren entsagungsvollen Entschluß ich gebührend würdige, den Frieden unterzeichnet haben, gilt es ... den Verdacht nicht aufkommen zu lassen, daß Deutschland den Frieden unterzeichnet hat, um ihn. hernach durch heimliche Machenschaften in die Luft zu sprengen. Wo er unausführbar ist, muß dies den Gegnern bewiesen werden."