Keine zoologische Betrachtung Von Paul Hühnerfeld

Seit Monaten machte ein geheimnisvoller Räuher das Land zwischen Weser und Aller unsicher. Über hundert Haustiere, die sich nur ein wenig von den schützenden Ställen entfernt hatten, verschwanden entweder auf Nimmerwiedersehen oder lagen verschleppt und tot und gänzlich zerrisssen in den Wäldern; Sicher sind die wildesten Vermutungen bei den Leuten in der Heide umgegangen: Welch ein schreckliches Untier verübte diese zahlreichen Morde an den armen Kühen, Ziegen, Hühnern und Gänsen? Oder war der Unhold nichts, was einen abergläubisch machen konnte, sondern etwas, was heute zu den Alltäglichkeiten gehört: eine simple menschliche Diebesbande? Dagegen sprachen die Indizien der gemordeten Opfer, die Spuren spitzer Krallen, scharfer Zähne. Nun machten sich die Bauern auf. In stattlicher Anzahl – man spricht von weit über tausend – zogen sie aus, den oder die Räuber zu fangen. Alles vergeblich. Bis sich der Jäger Gaatz aus dem kleinen Heidedorf Güte in eine Baumkanzel im Lichtenmoor setzte. Er war vermutlich so sehr geschädigt worden, daß er nicht nur Wut, sondern Geduld – die stärkste menschliche Waffe – im Leibe hatte. Er wartete drei Wochen lang. Nach drei Wochen fiel, der Schuß. Das Opfer war ein – riesiger grauer Wolf, ein prächtiger, ausgewachsener Vertreter seiner Gattung ...

Ein Wolf westlich der Elbe, ein Wolf in der Lüneburger Heide! So einen Gesellen hat man vor dem Krieg in Ostpreußen an Wintertagen einmal aus fernen Wäldern heulen hören. Aber er lebte in der Heide ja viel besser! Lebte so flott, wie sich’s ein Wolf nur wünschen kann: zerriß nach Herzenslust, streifte weite Gebiete nach Beute ab und hatte vielleicht seine Informationen, daß die Bauern noch nicht einmal ein Gewehr haben, sich gegen ihn zu wehren. Warum soll nicht auch ein Wolf ahnen, daß es sich westlich der Elbe für ihn gut leben läßt? Und weiß der Teufel, wie wir es deuten sollen, daß derselbe Räuber, der vor Jahren vielleicht noch fern im Osten ein gefährliches Leben führte, heute bei uns hier dick und fett wird. Vielleicht ist er ein politischer Avantgardist gewesen und hat gehofft, daß auch jenseits der Elbe bald ... Aber nein, Wölfe sind ja nicht politisch. Und außerdem hätte er sich da doch geirrt. Dennoch fühlt man sich ohne Zweifel von "eurasischen" Lüften umweht, sieht man ihn im Geiste in der Lüneburger Heide herumtoben. Man könnte ja auch annehmen, der Wolf sei nur neugierig gewesen.

Vielleicht reizte es ihn, Land und Leute westlich der Elbe kennenzulernen. Wenn das sein Ziel war, wird er sich gewundert haben über die unendliche Geduld, mit der die Bewohner dieser Landstriche ihn monatelang räubern ließen, und von der er, der Wolf, sicher nicht so recht wußte, ob sie eine erzwungene Langmut war oder ob die Menschen hier von Natur aus so geduldig sind. Möglich war es ja auch immerhin gewesen, daß die armen Leute dachten, er würde sich eines Tages an ihre Lebensweise gewöhnen und sich ähnlich ihren Schäferhunden in einem Zwinger einsperren lassen. Über solche Gedanken aber konnte der Wolf nur lachen. Wäre er ein guter Psychologe gewesen, so hätte er festgestellt, daß gerade dies ein Symptom für die Bewohner dieser Gegenden gewesen wären: zu glauben, daß man vor einem Verhängnis nur die Augen schließen müsse, damit es sich in Alltäglichkeiten verwandle. Nun haben die Bauern in der Lüneburger Heide einmal nicht die Augen geschlossen. Und schon war es um den Wolf geschehen ...

Wie aber wäre es, o furchtbarer Gedanke, wenn Wölfe gar nicht denken könnten und infolgedessen auch unbelehrbar wären? Dann mag nämlich jener Bauer recht haben, der dort in der Heide kurz nach dem Tode des einen Räubers schon einen zweiten Wolf gesehen haben will. Und dieser zweite wird unbekümmert um das Schicksal seines Vorgängers wieder sein Leben führen, bis auch er erledigt wird. Und dann kommt der dritte ... und dann...

Ja, gibt es denn kein Mittel gegen Wölfe überhaupt?