Es erinnert mich alles so... Der Geruch des Flugzeugs: Öl und heißer Stahl. Das Fauchen, mit dem die Motoren anspringen. Die Geräusche in der Muschel des FT-Geräts unter der Haube: das Gurgeln, Pfeifen. – "Ihr hattet das nicht, wie?" sagt Mister Hepburn, der NO, der Navigationsoffizier. "Das Pfeifen, Gurgeln, Kreischen?" Nein, er meint das Mikrophon. Wir hatten damals das Kehlkopfmikrophon, das einem unentwegt zwei Membranen eng an den Hals drückte, viel enger als Schlips und Kragen jemals drücken können. Aber die Engländer haben ein Mikrophon, das sie wie einen kleinen Rüssel vorm Munde tragen. Das sieht ein bißchen absonderlich aus. Doch man kann den Rüssel an der Fliegerhaube herunterbaumeln lassen. Und absonderlich – nun, absonderlich ist die ganze Fliegerei. Oder etwa nicht?

Wollte unsereiner nach Berlin, bevor die Zonengrenze gesperrt war, so reiste er beispielsweise nach Hannover; und das war noch das wenigste. Dort wartete er einen halben Tag. Dann kam der Zug nach Berlin, dann kam die Zonengrenze, dann kam die Plackerei mit den Papieren, dann kam die lange Fahrt durch die gute, alte Mark Brandenburg. Und dann – endlich – kam schließlich auch einmal Berlin. Und man hatte das Gefühl, nicht bloß durch eine Landschaft, sondern durch einen Kontinent gereist zu sein.

"Wie lange braucht ihr nach Berlin?" – Mister Duckworth, der Pilot, sagt: "Hin 55 Minuten; zurück 30 Minuten." Ist nicht die Fliegerei eine absonderliche Sache? In der Luft gibt’s keine Paßkontrolle, in der Luft sind die Strecken genau so lang oder so kurz wie zuvor. Wenn Kapitän Duckworth früher beispielsweise über Hannöver angekommen war, wußte er: ‚Well, jetzt noch 55 Minuten, dann kommt Berlin, dann kann abgeladen werden!‘ Damals lud Kapitän Duckworth Bomben ab, heute Rosinen ...

Es erinnert mich alles so ... Damals waren für unsereinen zwei Situationen möglich. – Sirenengeheul ... die Kinder aufgeweckt, sie waren blaß und zitterten ein wenig. Mit dem Fahrstuhl in den Keller. Dunkel über Berlin-W. Dann das Aufblitzen der Flak-Kanonen. Dann die Leuchtbomben an vielen Fallschirmen, der "Weihnachtsbaum". Und dann... und dann ... Das war die eine Situation. Die andere war der Geruch des Flugzeugs: Öl und heißer Stahl, das Pfeifen, Gurgeln unter der Fliegerhaube –: ein absonderliches Leben, angefangen an einem örtlichen Fluß, "Mius" genannt, beendet in einem Fluß, "Spree" geheißen. Das war zuguterletzt (weil das Wort "zuböserletzt" nicht existiert) in der "Berlin-Verteidigung", damals, als man ohne Mühe in einem einzigen Fluge die Ostfront und die Westfront bestreichen konnte. Das also war die andere Situation.

Vieles ist so absonderlich... Auch der Bordmechaniker und der Funker, die Herren Clark und Thomspon, sind damals nach Berlin geflogen. Wir hätten uns begegnen können. Möglich, daß wir uns begegnet sind. Sie sagen: "Wir flogen nachts, damals. Die Engländer flogen immer nachts. Deshalb haben wir nie etwas von Deutschland gesehen. Ein schönes Land: jetzt endlich kriegen wir es einmal zu Gesicht. Denn ohne die Luftbrücke hätten wir es nie zu sehen bekommen." – Und Mister Duckworth fügt hinzu:-"Wissen Sie Bescheid?" und zeigt die Karte: "Eine Kurve über dem ,Steinhuder Meer‘, dann nordöstlich nach Celle, weiter hinauf nach Dannenberg, dann südöstlich bis Gatow. So ein Dreieck, nicht wahr? Von Gatow aus werden wir in gerader Linie westwärts nach Wunstorf zurückfliegen." – Duckworth ist dunkel, charmant, nobel; Hepburn: hellblond, sportlich, ein sommersprossiger Wikinger; Clark: witzig, höflich, fürsorgend; Thompson: munter, nonchalant. Ach, vieles erinnert mich so. Denn all diese Boys, die Herren und die Jungen, die Offiziere und die "other ranks", sie gleichen den Typen der deutschen Flieger, als seien es Brüder.

"Man hätte nie aufeinander schießen sollen", sagte ich. – "Man sollte nie aufeinander schießen", sagten sie ...

"Herrgott, das muß langweilig sein ... drei, vier Flüge am Tage auf immer derselben Strecke oder drei Flüge in der Nacht!"