Wer wird schneller sein: die Vernunft oder die Unvernunft? Das Wettrennen zwischen beiden ist in vollem Gange. Noch weiß man. nicht, ob es rechtzeitig zu einem Demontage-Stop kommen wird. In der britischen und mehr noch – in der fanzösischen Zone wurde seit der Währungsreform das Werk der Zerstörung beschleunigt. Zwei deutsche Landesregierungen – in Württemberg-Hohenzollern und in Südbaden – sind bereits zurückgetreten. Die Industriegewerkschaft Metall für die britische Zone unterstreicht ihren im Vorjahre gefaßten Entschluß, wonach sie ihre Mitglieder verpflichtet, jegliche auf Demontage von Betriebsanlagen gerichtete Arbeit abzulehnen. Zahlreiche Gewerkschaftsvertreter haben klar und scharf gegen die Vernichtung von Fabriken der Friedensproduktion Stellung bezogen! Die Tendenz zu Proteststreiks wächst. Dr. Pünder und die Verwaltung für Wirtschaft in Frankfurt sind unermüdlich in ihren aufklärenden Berichten, in ihrem Bestreben, zu retten, was noch zu retten ist. Schließlich haben die elf Ministerpräsidenten der drei Westzonen in Rüdesheim einstimmig – dafür plädiert, daß die Demontagepolitik überprüft werden müsse, unter Mithilfe deutscher Sachverständiger, und daß bis zum Vorliegen des Prüfungsergebnisses jede Demontage und jede Auslieferung von bereits demontierten Betrieben einzustellen sei, soweit es sich nicht um reine Rüstungsbetriebe handele.

Dies soll nicht etwa, heißen, daß alle Weisheit bei den Deutschen, alle Torheit bei den Besatzungsmächten zu finden sei. In der Demontagefrage liegt das Zentrum der Vernunft in Amerika. So seltsam es klingen mag: in der offiziellen Politik, sind die Amerikaner heute die besten Europäer. In England sprechen die Abgeordneten Stokes und Grossman nicht für die Regierung, sondern als Außenseiter, wenn sie die Demontagepolitik scharf angreifen, wenn sie sie als Plünderung bezeichnen. Die Pariser Zeitung "Le Monde" steht zwar dem Quai d’Orsay nahe, aber sie gibt nicht den Standpunkt der Gesamtregierung Frankreichs wieder, wenn sie feststellt, daß Deutschland den Verlust eines Viertels seines landwirtschaftlichen Gebiets nur durch gesteigerte Industrieproduktion ausgleichen könne und daß man die Milliarden der Marshall-Hilfe nicht für die Millionen der aus deutschen Demontagen stammenden Reparationen aufs Spiel setzen dürfen In den USA dagegen wird die Politik der Vernunft nicht von weißen Raben, sondern, von der Kongreßmehrheit und von der Regierung vertreten. Das ist der wesentliche Unterschied.

Es wäre in der Tat widersinnig, Wenn Morgenthau heute in Europa siegen sollte, nachdem sein Plan der Zerstörung in Amerika längst abgewirtschaftet hat, wenn Marshall sich bei den Europäern nicht durchsetzen würde, obwohl sein Plan dem Aufbau: Europas dient. Morgenthau-Plan und Marshall-Plan, das bedeutet den, Gegensatz von Vergangenheit und Zukunft, von verewigtem Krieg und neubegründetem Frieden. Nach dem Morgenthau-Plan blieb Deutschland der Feind Europas, der für immer krank und elend zu sein hatte, zur "Sicherheit" der anderen. Nach dem Marshall-Plan ist Deutschland ein Partner, von dessen Gesundung die Gesundheit Europas abhängt. Feind und Partner – niemand kann beides: zu gleicher Zeit sein, weder von Mensch zu Mensch, noch von Volk zu Volk. Mit der Feindschaft wird die Partnerschaft unmöglich; mit der Partnerschaft wird die Feindschaft begraben. Die Vernunft läßt keine anderen Möglichkeiten zu.

Das ist der tiefere Sinn der amerikanischen Initiative in der Demontagefrage. Im Marshall-Plan-Gesetz von 1948 lautet der § 115 f: "Der Verwalter (P. Hoffman) soll vom Außenminister ein Abkommen mit den betroffenen Ländern erwirken, dahingehend, daß Produktionsanlagen, die für Reparationen zum Abtransport aus den drei Westzonen vorgesehen sind, dann an ihrem Standort in Deutschland bleiben sollen, wenn dadurch den Zwecken, des europäischen Wiederaufbauprogramms am besten gedient ist." Dieser nüchterne Gesetzestext läßt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Er stellt das europäische Gesamtinteresse über jedes nationale Sonderinteresse, möge es deutsch, britisch oder französisch sein. In wörtlicher Befolgung dieses Gesetzes hat nunmehr der amerikanische Außenminister Marshall auf Ersuchen des Administrators, Hoffman bei der britischen und französischen Regierung eine Überprüfung der Demontagepolitik der – Westmächte in Deutschland angeregt. Das ist der gleiche Vorschlag, den auch die deutschen Ministerpräsidenten in Rüdesheim gemacht haben. Praktisch heißt er: Demontage-Stop bis zum Vorliegen der Prüfungsergebnisse. Administrator Hoffman wird zu Untersuchungen an Ort und Stelle in Deutschland erwartet. Es darf hierbei nicht vergessen werden, daß Hoffman auf die Verteilung der Marshall-Hilfe maßgeblichen Einfluß hat, daß also der Warnung der Zeitung "Le Monde", man solle die Marshall-Milliarden nicht für die Demontagemillionen aufs Spiel setzen, erhebliche praktische Bedeutung zukommt. dem ganzen Demontageproblem handelt es sich seit langem nicht mehr um die reinen Rüstungsbetriebe. Niemand innerhalb oder außerhalb Deutschlands hat jemals dafür plädiert, daß Fabriken, die einer nützlichen Friedensproduktion nicht zugeführt werden können, erraten bleiben sollen. In diesem Punkte besteht Tolle Einigkeit. Zur Debatte steht auch nicht etwa die Frage: Reparationen oder keine Repaationen. Die Atmosphäre wird wesentlich geeinigt, wenn man sich vorweg darüber verständigt, daß weder ein deutscher Militarismus noch ein deutscher Widerstand gegen den Grundsatz der Wiedergutmachung mit im Spiele sind, Wenn wir Kritik an der Demontagepolitik üben. Um wirkliche Frage lautet vielmehr: Hat es einen und liegt es im europäischen Interesse, wenn Deutschland aus seiner Substanz jeweils zehn Millionen Mark aufbringen muß, damit ein anderes europäisches Land vielleicht eine Million Mark erhalten kann, während die Differenz von neun Millionen Mark nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa verlorengeht?

Das stärkste und niemals widerlegte Argument gegen die Demontagepolitik ist ihre geradezu unglaubliche Unwirtschaftlichkeit. Solinge man nicht an Europa denkt, bleibt dieses Argument wirkungslos: Wenn man es mit einem Feind zu tun. hat, so kann man gegen ihn auch den Krieg der "versengten Erde" führen. Das taten die Russen mit gutem Recht während des deutschen Vormarsches 1941/42. Sie demontierten ihre ^eigenen Produktionsstätten und führten auf ihrem Rückzug möglichst viele Maschinen mit. Der Widersinn des Morgenthau-Plans bestand gerade darin, daß er nach dem Siege gegen das wehrlose Deutschland die Strategie der "vermengten Erde" anwenden wollte, daß er blindlings gegen den Feind der Vergangenheit anrannte, ohne den Partner der Zukunft zu sehen. Innerhalb einer, Partnerschaft ist es völlig sinnlos, wenn der eine Partner aus seinem Anteil zehn Einheiten hergibt, damit der Anteil des anderen um eine Einheit anwächst. Das Gesamtvermögen hat sich dann um neun Einheiten vermindert.

Fabrikanlagen lassen sich nun einmal nicht ohne ungeheure Verluste von einem Land ins andere transferieren. Bei der Demontage des Kruppschen Hüttenwerks Borbeck, die schon im Frühjahr 1946 begann und vermutlich bis zum Jahre 1950 dauern wird, bleibt als "Reparation" kaum etwas anderes übrig als Profileisen und Bleche, nicht einmal Maschinen. Die meisten Anlagen in Form von Öfen, Eisenkonstruktionsbauten und Energieverteilungsanlagen sind als Einheiten nicht transportabel. Die Rechnung für die Demontage von Borbeck zeigt folgende Zahlen: Ursprünglicher Wert 120 Millionen, Demontagekosten 20 Millionen, Erlös 9,5 Millionen. Ergebnis: in Deutschland eine außerordentliche Einbusse, im Empfängerland ein Haufen Schrott, in Europa ein wertvolles Hüttenwerk weniger.

Das schlimmste ist, daß trotz solcher Erfahrungen das Programm fortgesetzt wird. Von – deutscher Seite werden verzweifelte Anstrengungen gemacht, die August Thyssenwerke und die Hüttenwerke Hörde vor dem Schicksal Borbecks zu bewahren. Der Erfolg ist fraglich. Bei Thyssen hat man schon begönnen, die Preßwasserzentrale zu, demontieren, ein Herzstück: der Gesamtanlage, ohne das dieses bedeutendste Hüttenwerk Europas betriebsunfähig ist. Fast sieht es so aus, als wolle man vor dem Eintreffen Hoffmans, vor dem gefürchteten Demontage-Stop, möglichst viele vollendete Tatsachen schaffen. Es hilft wenig, wenn einzelne Werke von der Demontageliste abgesetzt werden. Nicht darauf kommt es an, daß bei gleichbleibender Einstellung der Besatzungsmacht hier und dort Ausnahmen gemacht werden, sondern darauf, daß die Gesamtpolitik radikal in europäischem Sinne geändert wird, daß man das Steuer wirklich herumwirft.