Zu den erfreulichen Überraschungen beim mühsamen Wiederaufbau des deutschen Exportes gehört die nicht geringe Zahl von Interessenten für deutsche Industrieerzeugnisse in den USA. Zwar hat sich dieses Interesse noch nicht in großen oder auch nur in vielen kleinen Abschlüssen niedergeschlagen. Das im Zeitalter des Papierkriegs zu erwarten, wäre ein Griff nach den Sternen. Und die Sorge ist auch berechtigt, daß eine zu lange Fortdauer der bürokratischen und sonstigen Erschwerungen für den deutsches Export selbst dieses Interesse ersticken könnte, bevor es in realen Geschäftsabschlüssen überhaupt zum Leben erwacht ist.

Doch noch ist es nicht zu spät zur Erweckung. Noch lohnt es sich, die ersten Schwalben zu registrieren und Hoffnungen auf einen Export-Sommer daran zu knüpfen. Da sind nicht nur zahlreiche Geschäftsreisende aus den USA, die alte Verbindungen in Deutschland auffrischen, neue anknüpfen – allerdings nicht, ohne auf die deutsche, und die eigene Bürokratie zu schelten, und die hohen Aufenthaltsorten in Ausländerhotels, zahlbar in Dollar, zu beklagen. Da ist der Fall eines führenden Beamten der amerikanischen Besatzungsmacht, der nach seinem Ausscheiden aus dieser Verwaltung ankündigt, er werde als privater Geschäftsmann zurückkehren, und sich bei uns niederlassen, um sein Land mit interessanten deutschen Erzeugnissen zu versorgen, die ihm in seiner bisherigen Tätigkeit begegnet sind.

Da ist schließlich die im März nach zweijährigen Vorbereitungen in den USA erfolgte Gründung der European Production and Supply Corporation. Als ihre Aufgabe bezeichnet sie es, internationale Handelsgeschäfte, vor allem mit Deutschland, zu erleichtern. Ihr Vorsitzender ist Arde Bulova, Vorsitzender und Hauptinhaber der drüben sehr angesehenen Uhrenfabrik Bulova Watch Company. Als Betriebskapital sind 400 000 $ vorgesehen, davon 150 000 $ in 4proz. nichtkumulativen Vorzugsaktien, die bei entsprechendem Eingang Von Kundenvorschüssen begeben und an die Bulova-Stiftung übertragen werden sollen, eine der drüben recht häufigen gemeinnützigen Stiftungen der Wirtschaft, die eine Schule für Versehrte amerikanische Kriegsteilnehmer unterhält. Auch die Überschüsse sollen gemeinnützlich für Forschung und Erziehung auf dem Gebiet des internationalen Handels Verwendung finden. Es ist also sozusagen das Hobby eines reichen Mannes, der zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will. Die uns vor allem interessierende Fliege ist die Vermittlung von Aufträgen für die deutsche Industrie, gegebenenfalls die Beschaffung von Rohstoffen für den deutschen Produzenten. und die Bereitstellung von materiellen Anreizen für seine Arbeiter. Die Zusammenarbeit mit den Behörden hüben und drüben ist selbstverständlich im Programm nicht vergessen. Auf deutscher Seite sind die Deutsche Waren-Treuhand-AG. und die vor Jahresfrist in Hamburg als Zusammenfassung einiger bekannten, Exportfirmen gegründete Gesellschaft für Außenhandel mbH. als Agenten vorgesehen.

Man sieht, die ersten Fäden über den Atlantik werden gesponnen. Das Interesse erwacht für einen weitgesteckten Bereich von deutschen Exportartikeln, von Textilien, Chemikalien, Kameras und Optik bis zu Spezialmaschinen, für die Amerikaner mit ihrem besonders ausgeprägten Sinn für technische Neuerungen überall eine besonders feine Nase zeigen;

Noch eine andere Art von Fäden aus den USA verdient eine erste Erwähnung, auch wenn noch nicht abzusehen ist, wann einmal tragfähige Seile daraus gedreht werden können. Gemeint sind die vorerst, vagen Andeutungen über die Bereitstellung privaten Kapitals für Westeuropa, einschließlich Westdeutschlands, innerhalb und außerhalb des Marshall-Plans. Es gibt einmal die Möglichkeit, vom Verwalter des Marshall-Plans genehmigte Lieferungen von Rohstoffen und industriellen Fertigprodukten durch ausländische Vorfinanzierung nach Westeuropa und damit auch nach Deutschland zu bringen, ohne daß notwendigerweise bereits Marshall-Plan-Gelder dafür angewiesen sind. Dies kann eine Beschleunigung von Lieferungen bedeuten, an der die von Rohstoffen so entblößte deutsche Industrie stark interessiert ist. Noch wichtiger ist eine andere Anweisung der Marshall-Plan-Verwaltung, die eine Transfergarantie für Dollarinvestitionen in Europa vorsieht.

Unter der Voraussetzung, daß sowohl Mr. Hoffman als auch das europäische Land, in dem die Investition erfolgt, ihre Zustimmung gegeben haben, wird die Umwandlung der Erlöse aus diesen Investitionen in Dollar bis zum Jahr 1962 von der USA-Regierung garantiert. Die Garantie betrifft wohlgemerkt nur den Transfer.

Abgesehen von der politischen Grenzlage Westdeutschlands dürfte auch deshalb dieser denkbare Kapitalstrom nicht in erster Linie uns zufließen, weil Washington u. a. an die Erschließung von europäischen Vorkommen strategischer Rohstoffe denkt, an denen es den USA fehlt. Derartige Rohstoffe finden sich jedoch mehr in den außereuropäischen Besitzungen, etwa von Frankreich, Belgien und Holland, dagegen kaum in Westdeutschland. Andererseits liegt man in den USA einiges Zutrauen zur Regenerationskraft der deutschen Wirtschaft, ein Vertrauen, das durch die Entwicklung seit der Währungsreform noch zugenommen hat. Seitdem General Clay kürzlich erklärte, man habe einen Weg gefunden, um Dollar nach Deutschland zu bringen – eine Erklärung, die sich wohl auf eine Abänderung oder Aufhebung des "Trading with the Enemy Act" bezieht – steht offenbar die technische Öffnung der Schleusen, wenigstens spaltweise, bevor.

Wenn es auch falsch wäre, sich übertriebene Hoffnungen über den Zustrom von Auslandskapital nach Deutschland zu machen, so steht doch eines fest: die deutsche Bereitschaft zum energischen Wiederaufbau und zur Zusammenarbeit mit dem übrigen Europa hat ihren Eindruck auf die Amerikaner nicht verfehlt: Sobald sie das politische Risiko (das ihnen im Augenblick noch allzu groß erscheint) für erträglich erachten und zu privater Tätigkeit in Europa Neigung verspüren, hat Deutschland eine gute. Chance, weitere Fäden nach den USA spannen zu können. Gw.